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Schrebergärten:Vom Klischee der Kleingeister zur hippen Heimat

Franz Sollinger kam mit 32 in die Gartler-Gesellschaft.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Franz Sollinger hat seit 1981 einen Kleingarten. Einst als Spießer-Oase verschrien, sind Schrebergärten inzwischen zum Sehnsuchtsort aufgestiegen. Zu Besuch in einer besonderen Welt.

Dieser goldene Gartenzwerg war ein ziemlich guter Witz. Franz Sollinger, ein schlanker Mann mit kurzen grauen Haaren, herrlich weichem Bairisch und einigen Wetterspuren im Gesicht, stellt die kleine glitzernde Figur vor sich auf den Tisch vor dem Gartenhaus auf seiner Parzelle. Nummer 97, am Rand, 260 Quadratmeter, ein Baum, ein Teich, Gemüse, ein Weg bis zur kleinen Gartenlaube. Ein Garten von insgesamt 116 in NW6, Nord-West 6, direkt am Luitpoldpark. Eine Idylle im Sommer, gerade eingeschneit und abgegrast, dafür sieht man weit, rüber zu den anderen "Gartlern", wie ihr Vorsitzender Sollinger die Kollegen nennt. Sie alle haben Gold gewonnen, im vergangenen Jahr, beim Landeswettbewerb, und nun beim Bundeswettbewerb Silber hinterher. Und was machen die Gartler? Schenken Sollinger einen Gartenzwerg, das Symbol für das Kleingärtner-Klischee.

Kleingärtner, Kleingeister. Sollinger sitzt am Gartentisch und lächelt. Ja, diesen Ruf hatten die Menschen, die kleine Parzellen anmieten, sie bewirtschaften und verschönern. Aber das ist lange vorbei. Ein Kleingarten hat heute nicht mehr viel gemein mit einem von damals, als Sollinger seinen Grund bekam, 1981. Damals, da hätte der frühere Personalbeamte bei der Post sicher keine verblühten Pflanzen stehen lassen, damit die Vögel im Winter noch was zum Fressen finden. Damals, als Kleingärten keinen guten Ruf hatten, als Spießer-Oase verschrien waren.

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Heute muss Sollinger die Warteliste schließen, weil alle ein Stück haben wollen, weil sich alle entschleunigen wollen, weil es modern ist, Gartler zu sein. Und weil man dem Nachwuchs beibringen kann, "dass die Gelbe Ruam nicht aus dem Supermarkt kommt, sondern aus dem Boden". 60 bis 70 Stück hat Sollinger bei sich an der Südseite, neben den Wassertonnen und dem Kompost, vor dem Teich und neben dem kleinen geschwungenen Weg zum Gartenhaus. "Meine Tochter kommt oft vor der Arbeit vorbei, packt sich drei ein und fährt weiter." Der 62-Jährige nimmt den goldenen Zwerg in die Hand, sieht sich um, schaut auf die beiden anderen Gartenzwerge im Gras und sagt: "Ich mag keine Gartenzwerge."

Der Wandel der Stadt und ihrer Bewohner, man kann ihn vielleicht kaum an einer anderen Stelle so gut sehen wie hier, in NW6. Gold und Silber gab es übrigens nicht für den schönsten Garten, das wäre ja so 1982. Preise gab es für soziale Projekte. Für den querschnittgelähmten Gartler zum Beispiel, den sie vor zehn Jahren aufgenommen haben. "Dessen Eltern und sein Pfleger kümmern sich um die Arbeit." Und wenn der Mann in seinem Rollstuhl in der Wirtschaft sitzt, "wissen alle Bescheid und setzen ihm sein Bier an die Lippen, wenn er trinken mag".

Das Miteinander, das ist schon einmal das eine, wenn man herausfinden möchte, was der Reiz daran ist, ein kleines Stück Erde zu bearbeiten. Denn eines ist auch klar. "Das ist viel Arbeit, mindestens eine Stunde pro Tag ." Im Frühjahr oder Herbst eher zwei. Jeden Tag. Werkeln. Auf den Knien. Man kann sich fragen, warum ein Mann wie Sollinger sagt: "Das ist ein Paradies." Dieses Parzellen-Paradies, es ist eine Welt mit ganz eigenen, sehr strengen Gesetzen.

NW6 ist eine von 81 Kleingartenanlagen in München, die sich ähnlich verändert hat in den Jahrzehnten wie viele andere auch: von häufigen Streitigkeiten hin zu einem harmonischen Miteinander, zumindest sagt das Sollinger. Eine erste Besonderheit am Luitpoldpark: die Unterteilung in Nord- und Südstaatler. Ein öffentlicher Weg unterteilt die Anlage in zwei Bereiche. Sollinger ist Südstaatler, die Wirtschaft und die Parzelle mit den Bienenvölkern steht im Norden. Früher waren die Parteien verfeindet.

Wenn Sollinger von seinem Garten spricht, geht es nicht darum, wie sich seine Parzelle von anderen unterscheidet und abhebt, sondern welche wichtige Rolle alle diese Gärten zusammen für die Stadt haben. "Sie sind im Unterschied zu früher heute mehr für die Tiere da, weniger für den Menschen."