Alte Utting Münchens Schiff hat einen Namen

Da schwebt sie über Sendling: die "Alte Utting".

(Foto: Stephan Rumpf)

Schiffstaufe in Sendling: Die MS Utting auf der Eisenbahnbrücke heißt jetzt "Alte Utting" - und zur Eröffnung ist es nicht mehr lang.

Von Laura Kaufmann

Es gibt viel Einzigartiges an diesem Abend auf einem Schiff auf einer Brücke in Sendling, und viele erste Male. Der Münchner Shanty-Chor "Die Seelords" singt zum ersten Mal neben einem Schiff auf einer Brücke. Und Stadträtin Julia Schönfeld-Knor sagt, sie sei aufgeregt wie sonst nur an ihrer Hochzeit. Ist sie doch die wahrscheinlich weltweit erste Politikerin, die ein Schiff auf einer Brücke taufen darf.

Um Schiffstaufen ranken sich allerlei Aberglauben. Eine Frau muss den Perlwein gegen den Bug krachen lassen, sie darf nicht rothaarig sein und kein grünes Kleid tragen, das gilt als schlechtes Omen. SPD-Stadträtin Schönfeld-Knor ist blond und trägt ein rot gemustertes Kleid. "Sie hat uns immer sehr geholfen und guten Rat gegeben", sagt Daniel Hahn, der Betreiber des Projekts - jetzt darf sie das Schiff auch taufen. Auf den Namen "Alte Utting". "Ich danke allen, die mit uns an diese Idee und diesen Traum geglaubt haben, alle Zweifel beseitigt haben und die Alte Utting zu dem gemacht haben, was sie jetzt ist", sagt Hahn noch. Er sieht jetzt wirklich aus wie ein Kapitän, nur an Land, weil der Shanty-Chor ihm das passende Hemd geschenkt hat. Und als Prosecco den Bug hinabläuft, drückt er die Stadträtin und ihr einen bunten Blumenstrauß in die Arme.

Es war eine sehr, sehr lange Reise für das Schiff, viel länger als der beschwerliche Weg vom Ammersee nach Sendling. Dort war die MS Utting Ausflugsschiff, bis sie ausgemustert wurde und nach München gebracht, als Schwertransport in zwei Teile gesägt. Fast eineinhalb Jahre ist das nun her, inzwischen gibt es ein Nachfolgeschiff auf dem Ammersee, das ebenfalls MS Utting heißt. In München warteten Gutachten und Auflagen für ein Projekt, das es so noch nie gegeben hat, Kosten, die nicht vorherzusehen waren, Hürden zum Haare raufen. Und das alles noch ausgerechnet in einer Stadt, in der es gewagte Ideen nicht immer leicht haben.

Hämische Stimmen munkelten, das Schiff würde sowieso nie eröffnen. Das Team hätte sich mit dem Projekt verhoben. Zwischendurch liebäugelte Daniel Hahn mit Crowdfunding, konnte sich aber nie ganz dafür begeistern. "Wir wollten unabhängig bleiben und das aus eigener Kraft schaffen", sagt er. Imagevideos zu drehen und das Herzensprojekt ins bestmögliche Licht rücken, um nach Geld zu fragen, widerstrebte ihm. "Ich stehe nicht mal gerne im Mittelpunkt." Und schließlich ging es auch so, niemand hat sich verhoben, einwandfrei ist die Alte Utting auf eine Brücke gehoben worden. Stolz und Erleichterung darüber liegen in der Luft an diesem lauen Abend. Nicht im Mittelpunkt zu stehen, freilich, das gelingt Daniel Hahn heute nicht.

Nun ist es so, dass das Schiff mit seiner Taufe noch nicht endgültig eröffnet ist. Ein paar letzte Auflagen müssen noch erfüllt werden. Zum Beispiel soll die Alte Utting videoüberwacht sein, damit, falls mal etwas herunterfällt, herausgefunden werden kann, wie das passierte. Ein paar Foodstand-Konzepte mehr hätte Daniel Hahn gern im Programm, einen Kuchenstand zum Beispiel, und das Team ist zwar startklar, aber ein paar mehr zupackende Hände würden nicht schaden. In ungefähr zwei Wochen soll das Schiff langsam seinen Betrieb starten, dann sieben Tage die Woche geöffnet sein. Vom Mittagstisch bis in den Abend-Bar-Betrieb, und bis zu den Darbietungen, die auf den beiden Bühnen neben dem Schiff, auf der Brücke, stattfinden oder im Maschinenraum.

Um die 400 Leute finden Platz auf dem Schiff, nochmal jeweils hundert auf der Brücke davor und dahinter. Die Taufgäste an diesem ersten Abend spazieren fast andächtig über das Deck. Es fühlt sich beinahe surreal an, hier zu stehen und zu sitzen. Als würde die Alte Utting über München fliegen. Die Sonne verschwindet rot glühend hinter dem Horizont, irgendwo hinter dem Schlachthofgelände.

Ein weiteres schlechtes Omen bei einer Schiffstaufe ist es im Übrigen auch, wenn das Glas nicht gleich zerbricht. Und zugegebenermaßen musste die Stadträtin die Flasche zweimal schleudern, bis sie zerbrach. Aber die Alte Utting ist kein normales Schiff, sondern das Sendlinger Brückenschiff, ein urmünchnerisches also. Dadurch gelten besondere Regeln. Und wie man vom Oktoberfest weiß, ist es gutes Gelingen, wenn der Alkohol beim zweiten Peng spritzt. Sicherheitsschlag nennt sich das beim O'zapft is'. Und die Alte Utting wird mit Sicherheit immer eine Handbreit guten Wahnsinn unterm Kiel haben.

So sieht es auf der "Alten Utting" aus

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