Schauspieler Thomas Holtzmann ist tot Kein Theater auf Bora Bora

Holtzmann war jung, nicht nur, weil er Achternbusch, Theresia Walser und immer wieder Beckett spielte. Sondern vor allem, weil er eine lauernde, menschliche Neugierde besaß, nie lau war, immer vollkommen präsent. Dazu muste er gar nicht viel tun. Scheinbar. Aber er tat viel, kleine Dinge mit seinem rohbehauenem Gesicht, große mit Worten, mit Farben, Klängen. Holtzmanns Behandlung von Sprache war noch in den Pausen eine Sensation - zuletzt konnte man dies vor allem in Lesungen erleben. Am 27. Februar 2010 las er zusammen mit seiner Frau aus den Tagebüchern von Sofja und Leo Tolstoi, im Münchner Cuvilléstheater - sein letzter Auftritt.

Holtzmann wurde am 31. März 1927 (andere Quellen sagen: 1. April) in München geboren, studierte bei Arthur Kutscher Theaterwissenschaft und Literatur, debütierte 1949 als Jason in Anouilhs "Medea" im Münchner Ateliertheater. Es folgten die unsteten Jahre eines jungen Schauspielers, bis er 1961 am Berliner Schillertheater den Prinz von Homburg spielte. Und dann kam Kortner. "Mich hat Kortner gerettet. Er war der Abgott der jungen Regisseure. Und vor allem bin ich durch ihn herausgekommen aus dieser antiquierten Art, Theater zu spielen." Das sagte Holtzmann im Jahr 2000 Benjamin Henrichs, der ihn für die Süddeutsche besuchte.

Er war Kortners Antonius in Berlin, er war Kortners Clavigo in Hamburg. Holtzmanns Radius verengte sich. Bald sollten neben München, neben Dorn, nur noch gelegentliche Ausflüge bleiben, nach Salzburg, nach Wien, Berlin. Und zum Film: 1963 hatte er in Orson Welles' Verfilmung von Kafkas "Prozess" einen Studenten gespielt, dreißig Jahre später tauchte er in Helmut Dietls "Schtonk" auf. Er drängte nicht zum Film. Seine Welt war die Bühne, auch wenn er am Ende seiner Karriere meinte: "Wer heute ein Star werden will, der muss ein Fernsehstar sein."

Giftig, wohlig, nervös, hart

Es konnte ihm egal sein. Er hatte die Kammerspiele, er hatte seinen wunderbaren Bühnenpartner Rolf Boysen. Zum letzten Mal ein Paar waren die beiden in Dorns Inszenierung des "Kaufmanns von Venedig", das war dann schon am Bayerischen Staatsschauspiel, im Residenztheater, 2001, gerade nachdem das Dorn-Theater dort eingezogen war.

Boysen spielte Shylock, Holtzmann Antonio, giftig und wohlig, nervös, hart und freudig. Es war wie an den Kammerspielen, wie zu jener Zeit, über die Holtzmann sagte: "In diesem Theater gab es keine Krise. Immer war das Haus ausverkauft. Immer hat das Publikum seine Schauspieler geliebt." Im Stück sagt Antonio, er nehme die Welt nur als Bühne wahr, wo jeder seinen Part spielen muss. Dafür war Holtzmann zu klug, zu absolut unzynisch. Die Bühne war die Bühne, die Welt die Welt. Punktum. Sein Lieblingsort war Bora Bora. Kein Theater.