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Schauspielbühnen in Bayern:Alles, was gerade nervt

Die Physiker

"Die Physiker" in Augsburg (Klaus Müller, Ute Fiedler und Andrej Kaminsky, von links) halten sich in Augsburg an die Hygieneregeln.

(Foto: Jan Pieter Fuhr)

Die bayerischen Theater spielen trotz Corona wieder: In Augsburg erlebt das Publikum "Die Physiker" ratlos und fröstelnd eine "Nacht ohne Sterne", in Regensburg einen gar nicht so weisen "Nathan"

Von Eva-Elisabeth Fischer und Franziska Herrmann, Augsburg

Am vergangenen Wochenende haben die bayerischen Theater ihren Spielbetrieb wiederaufgenommen. So nüchtern muss man das melden, denn feiern konnte man das leider nirgends. In Regensburg allerdings ist diese Spielzeiteröffnung eine besondere, da es Jens Neundorff von Enzbergs letzte und dabei eine überaus diffizile Spielzeit in Regensburg ist, bevor er im Sommer vorzeitig ans Theater Meiningen wechselt. Bis dahin muss er zudem wegen der Corona-bedingten, in ihrer Strenge nicht berechenbaren Hygienevorschriften organisatorische Eiertänze vollführen wie alle anderen Theaterleiter im Freistaat auch. Bevor also die Schauspieler die leere, grafitgrau gestufte Arena für Konstantin Küsperts, von Cilli Drechsel fetzig aufgemischten "Nathan"-Diskurs entern, tritt erst einmal der Intendant vors Publikum. Er kündigt an, dass er die Schauspieler zum Schlussapplaus von der Bühne aus gemeinsam mit den Zuschauern ehren werde. Das tut er am Ende auch mit dem ihm zu Gebote stehenden Charme.

Über den Zuschauerraum im Velodrom, in das sonst gut 600 Leute passen, haben, locker verteilt, 200 Platz genommen in Erwartung einer ethisch wie gesellschaftspolitisch dauerbrisanten, scheinbar zeitlosen Thematik: gelebte Toleranz und ihre Tücken als überhebliche Pose in einer utopischen, die völlige Inklusion aller Menschen praktizierenden Weltgemeinschaft, die nach anderen Mitteln menschlicher Begegnung sucht. Für seine unverhohlenen politischen Einlassungen wird der gebürtige Regensburger Theaterautor Konstantin Küspert mit Preisen geehrt. Die Resonanz seiner Stücke bei den Theatern lässt sich sehen: Während in Küsperts "Nathan" in Regensburg Lessings Dramatisches Gedicht "Nathan der Weise" auf seine zeitenüberdauernde Gültigkeit untersucht wird, geht in Landshut, Passau und bald auch in Straubing die dreifache Uraufführung von seinem Stück "Der Reichsbürger" über die Bühnen. "Europa verteidigen" sowie Stückentwicklungen zu NSU und NSA belegen den Drang des Autors, der als Dramaturg am Schauspiel Frankfurt arbeitet, reflektierte politische Weckrufe hör- und sichtbar zu artikulieren und zu kommentieren.

Beim "Nathan" platziert er zum Beispiel einen mit "Aaaaaber" betitelten Zwischenruf, in dem er Abkürzungen im korrekten politischen Dialog wie " poc" (people of colour) zitiert und nach ihrer inhaltlichen Relevanz abklopft, um dann in gleicher Weise geschlechterspezifische Stereotype zu hinterfragen und an anderer Stelle das grässlich überhand nehmende Denglisch aufzuspießen, dessentwegen bald kein gerader deutscher Satz mehr überleben könnte.

Nathan

Lessing (Michael Haake) kommt in Regensburg Recha (Zela Kapcik) lieber nicht zu nahe.

(Foto: Jochen Quast)

Der Haken an der Sache ist nur, dass Küspert die Figuren in seinem "Nathan" in einem Jugendsprech reden lässt, in dem das "Wow" dazugehört wie die Majo auf die Fritte. Das greift die Regisseurin Cilli Drechsel dankbar auf und macht aus Lessings bitter grundierter, menschenversöhnlicher Komödie ein vom Publikum herzlich belachtes, didaktisches Komödchen, ja stellenweise einen bairisch gefärbten Schwank, eine Farce, in der ein Satz wie: "Verbrennt den Juden" als lässiges Beiseite einfach untergeht.

Hätte Lessing, lebte er heute noch, seine von der Aufklärung diktierte Argumentation so formuliert und fortgedacht? Küspert lässt Nathan am Ende sagen: "Aber es geht gar nicht um Religion. Bullshit. Es geht um Macht. Wenn es allen gut ginge, wenn es keinen Neid gäbe und keine fucking toxic masculinity, dann gäbe es keine religiösen Konflikte." Wirklich? Es folgt folgendes Fazit: "Wir haben ein Strafrecht verdammt noch mal. Das reicht. Eure Religion ist nicht wichtig. Für andere. Sie gehört zu euch. Lasst sie da. Um Himmels willen." Eine neue Utopie, was sonst. Denn auch Glaubensstreitigkeiten werden, ein Atavismus gewiss, noch heute blutig ausgefochten.

Lessing war gedanklich seiner Zeit gemäß mindestens so weit wie Konstantin Küspert. Sein "Nathan der Weise" war von einem Glaubensstreit inspiriert, den er als Herausgeber einer Streitschrift durchaus für legitim und möglich hielt, auch wenn er damit inhaltlich nicht übereinstimmte. Nicht nur deshalb holt Konstantin Küspert Gotthold Ephraim Lessing 242 Jahre nach der Berliner Uraufführung von "Nathan der Weise" in seinem "Nathan" leibhaftig auf die Bühne. Denn dank Lessings Präsenz hat zum Beispiel Daja, Rechas Gesellschaftsdame, die Möglichkeit, sich beim Autor wegen des ihr angediehenen, völlig unzeitgemäßen Rollenfachs als "Komische Alte" zu beschweren.

Nacht Ohne Sterne

Natalie Hünig kuschelt in "Nacht ohne Sterne" nur mit sich selbst.

(Foto: Jan Pieter Fuhr)

Und sie ist nicht die Einzige, die von derlei Einsprüchen Gebrauch macht. Immerhin darf Nathan, mit Gerhard Hermann als eher milder Papa denn als reicher, gleichwohl gütiger Patriarch besetzt, die Ringparabel in sanfter Gewichtigkeit sprechen. Und so fragt man sich, ob ein kluger Regisseur Küsperts Fragen und Erkenntnisse nicht auch aus dem ja nicht ganz so schlechten Lessingschen Original hätte herausholen können.

Theater werden bei einer Sanierung oft in zwar interessante, doch schwer erreichbare Industriegebiete ausgelagert. So eröffnete das Staatstheater Augsburg auf der Brechtbühne im Gaswerk in Oberhausen mit dem düsteren Szenario "Nacht der Sterne" von Bernhard Studler die Spielzeit. Sprechchöre von Demonstranten dringen herein, also nicht von einer echten Demo, sondern vom Lautsprecher. Linke, Rechte, Arbeiter, Arbeitslose sind gegen oder für etwas. So genau weiß das hier keiner mehr. Die hier drinnen haben das Grundrauschen akzeptiert. Vereinsamt drehen sie sich nur um sich selbst und ihre eigenen Probleme. Regisseur Sebastian Schug und seine vier Schauspieler beleben die Figuren so gut wie möglich - "doch hier gibt es nichts mehr zu lachen, lächeln geht noch". Schaukästen im Bühnenbild von Jan Freese sind die Hamsterkäfige, in denen sie zu Ärztin, Kindergärtnerin, Engel und einem Kredithai werden. Eine Krankenschwester flippt aus, weil der vielversprechende Flirt doch nichts bedeutet hat. Und Identitäre stören, in Anlehnung an die Ereignisse 2016 in Wien und Berlin, Theatervorstellungen.

Als sich die Inszenierung kurz zum Hörspiel wandelt, geht es auf einmal um Beziehungen, nach denen sich alle so sehnen. Mit zunehmender Verzweiflung in der Stimme hinterlässt die Frau, gespielt von Natalie Hünig, Nachrichten auf der Mailbox ihres sterbenden Freundes. Doch bei ihm piepen nur die Geräte, bis sie schließlich stoppen. Am Ende heißt es: Welcher Tag wohl heute sei? "Der Tag an dem die Regierung stürzt? Ein Feiertag? Der letzte Tag der Menschheit?" Die Sonne geht langsam auf und spendet ein bisschen Wärme. Man wünscht sie ihnen. Doch schließlich bleibt nichts als kühles Schwarz.

Spielort für das große Haus des Staatstheaters ist derzeit der Martini-Park. So hat Antje Thoms "Die Physiker" von Friedrich Dürrenmatt ins Sanatorium "Park Martini" verlegt. Privatpatienten und Selbstzahler sind besonders erwünscht, erfährt man in der ausgeteilten Broschüre. In diesen verrückten Zeiten ist so eine Nervenheilanstalt vielleicht gar kein schlechtes Refugium. Penibel wird sich an die Hygienevorschriften gehalten. Auf der Bühne wird Maske getragen und drei Mal "Happy Birthday" gesungen beim Händewaschen. Drei Krankenschwestern treiben die Patienten an, im Kreis zu laufen; lieblich zwanghaft singen sie dabei. Ist das eine Heilanstalt, eine TV-Show oder Gefängnistrakt? Die Vor- und Abgeführten: Newton, Einstein und Möbius. Letzterer, in Eigenartigkeit zurückgezogen gespielt von Sebastian Müller Stahl, hat die Weltformel entdeckt. In den falschen Händen würde sie zur Vernichtung der Menschheit führen, darum sperrt er sich hier weg - und wird am Ende dank Dürrenmatt doch zum Mörder. Ein flaues Gefühl ergreift einen, als Ute Fiedler als Leiterin des Sanatoriums, am Ende zu orchestralen Klängen den roten Laserstrahlen und einer neuen Dimension entgegengeht. Man denkt an die Weltverschwörungsspinner und eilt nach draußen, ehe hier doch noch einer alle Türen verriegelt.

© SZ vom 28.09.2020

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