Kleinkunstpreis:Alle sechs auf Augenhöhe

Kleinkunstpreis: Als stoischer Antiheld zum Sieg: Benedikt Mitmannsgruber konnte die Jury überzeugen.

Als stoischer Antiheld zum Sieg: Benedikt Mitmannsgruber konnte die Jury überzeugen.

(Foto: Hubert J.Denk/Mediendenk)

Der österreichische Kabarettist Benedikt Mitmannsgruber gewinnt das 38. Passauer Scharfrichterbeil.

Von Oliver Hochkeppel, Passau

Ungewohnt hell und warm war es. Denn üblicherweise verbindet man den Wettbewerb ums Passauer Scharfrichterbeil mit tiefstem Winter. Doch nach dem Ausfall 2020 musste die 38. Ausgabe des vielleicht renommiertesten Nachwuchs-Wettbewerbs der deutschen Kabarettszene auch 2021 von Dezember auf Mai verschoben werden. Das lange Warten hatte sich aber gelohnt, selten waren die sechs Kandidaten für die drei Beile so auf Augenhöhe. Was zusammen mit der knackig durchgezogenen und tagesaktuell aufgeladenen Moderation von Urban Priol - Scharfrichterbeil-Gewinner von 1986! - dem Publikum einen hinreißenden Abend, der Jury aber einiges Kopfzerbrechen bescherte. Vermutlich entschieden nur Nuancen.

Am ehesten spielte sich im ehrwürdigen Scharfrichterhaus noch der Grazer Michael Großschädl aus der Wertung. Sein überlanger Song über die Schwierigkeiten von Österreichern und Deutschen mit der gemeinsamen Sprache war am Ende zu brav und altbacken. Keinen wirklich guten Tag erwischt hatte die aufgrund diverser früherer Auszeichnungen mitfavorisierte Eva Karl-Faltermeier. Von der mit maximal 20 Minuten ohnehin kurz bemessenen Auftrittszeit ließ sie anfangs viel zu viel Zeit mit einer humorfreien und pointenlosen Aufzählung der düsteren aktuellen Weltlage verstreichen. Erst langsam kam sie mit den durch ihre Oberpfälzer Jugend ausgelösten Angststörungen in Fahrt. Ihr Finale mit dem durch Corona entdeckten Hobby, auf Beerdigungen zu gehen (samt dem Vergleich mit unangenehmen Hochzeitsfesten), wäre dann sicher preiswürdig gewesen.

Beim dritten, der ohne Beil heimging, lag es an einem grundsätzlichen, bei Wettbewerben immer wiederkehrenden Problem. Der aus dem Münsterland stammende Amjad ist ein an angelsächsischen Formaten orientierter, lupenreiner Stand-up-Comedian. Und zwar ein ausnehmend guter und lustiger. Sein durch seine palästinensisch-jordanischen Wurzeln sozusagen vorgegebenes Thema ist das multikulturelle Zusammenleben. Doch anders als so viele Ethno-Comedians geht er es völlig unverkrampft und mit einem humanistischen Appell an. So gesehen politischer und kabarettistischer als so manches Typenkabarett, aber trotzdem bei Juroren womöglich unter dem Verdacht der Genre-Verfehlung.

Treffen sich eine AfD-lerin und eine Müsli-Grüne auf einer Esoterikmesse ...

So ging das kleine Beil an die über ihr Schauspielstudium in Wien gelandete Deutsche Sonja Pikart, die bereits einige Vorschusslorbeeren wie den Österreichischen Kabarettpreis in der Nachwuchskategorie mitbrachte und in Passau beim Publikum vorne lag. Manches an ihren femininen Zeitgeist-Beobachtungen mag überstrapaziert und auch mitunter aufgesetzt derb sein, doch wie sie auf einer Esoterikmesse eine AfD-lerin auf eine Müsli-Grüne treffen und beim Töpfern erstaunliche Gemeinsamkeiten entdecken lässt, das war sicher mit das Aktuellste, Systematischste und Überraschendste des Abends. Reine Geschmackssache, ob man diese Spielart bevorzugt oder das gekonnte, skurrile und im Typus tatsächlich neuartige Musikkabarett des Mainzers David Weber. Jedenfalls ging das mittlere Beil für die schon in der Musik ironischen, absurden Überhöhungen des Trivialen an ihn.

Das große Ding blieb dann aber etwas typisch Österreichischem vorbehalten. In der Tradition vieler prominenter Landsleute stellte Benedikt Mitmannsgruber aufreizend stoisch einen Antihelden aus dem Mühlviertel auf die Bühne. Virtuos und ohne Angst vor Tabubrüchen spielte er mit den Klischees über die Provinz. Wodurch am Ende wohl jeder im Saal mit der Entscheidung leben konnte. Und der Scharfrichterbeil-Wettbewerb wieder einmal bewies, dass man sich um den Kabarett-Nachwuchs keine Sorgen machen muss.

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