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Rathaus:Richard Quaas tritt aus der CSU-Fraktion aus, um dann doch zu bleiben

Richard Quaas wollte eigentlich neuer Wiesn-Stadtrat werden.

(Foto: Stephan Rumpf)
  • Die Stadträte ließen den Favoriten für das Amt des Wiesn-Stadtrats, Richard Quaas, durchfallen, worauf dieser erbost seinen Austritt aus der Fraktion erklärte.
  • Am späten Nachmittag sickerte durch, dass Quaas von seinem Austritt zurücktritt.
  • Wäre Quaas gegangen, wäre die CSU einen Sitz hinter die SPD zurückgefallen.
  • Im März waren bereits die CSU-Räte Eva Caim und Mario Schmidbauer zur Bayernpartei übergelaufen.

Von Heiner Effern

Bei der Wahl eines neuen Wiesn-Stadtrats ist es am Montag zum Eklat in der CSU-Fraktion gekommen. Die Stadträte ließen den Favoriten Richard Quaas durchfallen, worauf dieser erbost seinen Austritt aus der Fraktion erklärte und den Sitzungssaal verließ. Das berichteten mehrere Teilnehmer. Gewählt wurde mit 13 zu 10 Stimmen überraschend Otto Seidl.

Das "Kasperltheater", wie ein Stadtrat die Wahl und Quaas' Reaktion bezeichnete, hatte seinen Höhepunkt da aber noch nicht erreicht. Am späten Nachmittag sickerte durch, dass Quaas von seinem Austritt zurücktritt. Rein zufällig verschickte die CSU kurz danach eine Mitteilung: Quaas sei wegen seiner geschätzten "fachlichen Arbeit" gerade eben "einstimmig" zum Korreferenten des Referats für Arbeit und Wirtschaft und zum verkehrspolitischen Sprecher der CSU gewählt worden.

Für diese Friedensgaben traten zwei Fraktionsvizes von ihren jeweiligen Funktionen zurück. Manuel Pretzl hörte als Korreferent auf, Michael Kuffer zog sich als Verkehrssprecher zurück. Beide gehören der engeren Fraktionsspitze an, die sich für die Nominierung des neuen Wiesn-Stadtrats viel Zeit gelassen hatte - auch um die Nachfolge von Georg Schlagbauer harmonisch zu regeln. Der war erst vor zwei Jahren gewählt worden, trat aber im Juni nach seiner Drogen- und Rotlichtaffäre von allen öffentlichen Ämtern zurück. Der 64-jährige Quaas erklärte intern sein Interesse, dann Fraktionsvize Pretzl, 40, und zuletzt auch Otto Seidl, 69.

Für die Wahl am Montag knobelte die Fraktionsspitze eine Strategie aus, die befrieden sollte: Pretzl verzichtete, sollte dafür aber in zwei Jahren Wiesn-Stadtrat werden. Bis dahin würde Quaas übernehmen, seine Wahl wurde empfohlen. Auch aus taktischen Gründen, wie einer aus der Fraktion einräumt: Quaas soll schon im Vorfeld gedroht haben, beim Scheitern seiner Kandidatur die Fraktion zu verlassen. Diese Blamage sollte unbedingt vermieden werden, war doch die CSU nach der Kommunalwahl 2014 so stolz, mit zwei Mandaten Vorsprung stärkste Kraft noch vor der SPD im Rathaus zu sein.

Quaas ist manchen zu liberal in seinen Ansichten

Wäre Quaas gegangen, hätte es die Fraktion in nur zwei Jahren geschafft, aus eigener Kraft den Wählerwillen hinfällig zu machen und einen Sitz hinter die SPD zurückzufallen. Dies wäre ein schwerer politischer Schlag gewesen. Denn im März waren bereits die CSU-Räte Eva Caim und Mario Schmidbauer zur Bayernpartei übergelaufen. Besonders pikant: Schmidbauer ging, weil ihn seine damaligen Fraktionskollegen vor zwei Jahren nicht zum Wiesn-Stadtrat gewählt hatten.

Offenbar hatte sich die Fraktionsspitze mit ihrer Strategie zu sicher gefühlt; alle dachten, dass es schon reichen würde für Quaas. Einzelgespräche vorab soll es kaum gegeben haben. Dann wurden die Stimmen der geheimen Wahl gezählt und 13 entfielen auf Seidl. Quaas aber machte seine Drohung vorerst wahr: Er erklärte, er trete aus, und ging. Perplex blieben seine Kollegen sitzen und machten mit der Tagesordnung weiter. Es sei ja keiner gestorben, hieß es aus der CSU. Doch schon während der Sitzung wurde viel telefoniert, Krisenmanagement war gefragt, bis sich Pretzl und Kuffer zum Opfer bereit erklärten.

Die Bedeutung des Amts des Wiesn-Stadtrats wird nach den einflussreichen Jahren des SPD-Manns Helmut Schmid auf diesem Posten oft überschätzt. Er darf eigentlich nur Akten einsehen, der Rest ist ein Repräsentationsamt, dessen wichtigste Aufgaben das fehlerfreie Fahren in der Kutsche zur Wiesnzeit und das Dirigieren einer Blaskapelle beim Standkonzert sind. Bei jungen Stadträten wie Schlagbauer dient es dem Knüpfen eines Netzwerks, bei verdienten Politikern ist es ein Dankeschön für ihren Einsatz.

Dass Richard Quaas das nicht in den Augen aller Fraktionsmitglieder verdient hatte, war bekannt. Den einen ist er zu liberal in seinen Ansichten, in Kombination mit Marian Offman bildet er den linken Flügel der Fraktion. Er verteidigt den Flüchtlingskurs von Angela Merkel und eckt damit in seiner Partei an. Anderen ist er im direkten Umgang und in Konflikten oft zu direkt und kompromisslos. Manche lassen durchblicken, dass Quaas nicht nur linke, sondern vor allem auch seine eigenen Interessen im Blick habe.

Ganz schlecht soll bei einigen auch die Rückzugsdrohung vor der Wahl angekommen sein. Das kenne man aus den längst überholt geglaubten Zeiten der CSU unter Aribert Wolf und Monika Hohlmeier, sagte einer aus der Fraktion. Nun ist Quaas mit einer Drohung zwar nicht Wiesn-Stadtrat, dafür aber Korreferent und Verkehrssprecher geworden.

© SZ vom 19.07.2016/dit

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