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Rainer Maria Schießler:Der Pfarrer, der die Kirche retten will

Fahrzeugsegnung am Christophorustag in München, 2013

Rainer Maria Schießler segnet am Ende des Gottesdientes vor seiner Kirche die Fahrzeuge der Anwesenden.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Rainer Maria Schießler ist der präsenteste Pfarrer Münchens. Jetzt hat er ein Buch geschrieben, das ein Weckruf sein soll.

Von Jakob Wetzel

An Rainer Maria Schießler kleben viele Etiketten. Eigentlich ist er einfach Pfarrer zweier katholischer Münchner Gemeinden: in Sankt Maximilian in der Isarvorstadt und in Heilig Geist am Viktualienmarkt. Als "Münchner Kirchenstar" feiern ihn diejenigen, die es gut mit ihm meinen. Katholiken, die sich an ihrer Kirche reiben, schätzen ihn als "Rebellen vom Glockenbach".

Aufsehen erregt hat er als "Wiesn-Pfarrer" und "Bedienung des Herrn", weil er im Urlaub auf dem Oktoberfest kellnert. Er sei "bekannt für seine flotten Gottessprüche", schrieb einmal der Boulevard über ihn, das war nett gemeint. "Ja, mei", sagt Schießler. "Auf jeden Fall ist so die Kirche wieder Thema."

Schießler ist wahrscheinlich der bekannteste, sicher aber der präsenteste Pfarrer Münchens. Jahrelang hat er für die Abendzeitung Kolumnen geschrieben, er ist in TV-Serien und Spielfilmen aufgetreten und durch Talkshows getingelt, im öffentlich-rechtlichen Fernsehen moderiert er seine eigene Sendung. Jetzt hat er auch noch ein Buch verfasst, es heißt "Himmel, Herrgott, Sakrament. Auftreten statt austreten" (erschienen im Kösel-Verlag, 256 Seiten).

Den Titel wolle er nicht als Fluch verstanden wissen, sondern als Kern dessen, was ihm Kirche bedeutet, sagt er. Es ist ein programmatisches Buch, es soll ein Weckruf sein, um die Kirche neu zu beleben, zu retten, was zu retten ist. Die Einnahmen fließen in die Flüchtlingshilfe.

Natürlich wolle er Aufmerksamkeit, sagt der 55-Jährige

Es ist ein Donnerstagmorgen. "Ja, kommen's halt vorbei", hat Schießler am Telefon gesagt, er stehe früh auf und sei dann eh da. Der Weg zu ihm führt ins Pfarrheim von "Sankt Max", wie er sagt, und dort vorbei an einer Galerie von Zeitungsartikeln über ihn, es sind mehr als hundert, sie sind gerahmt. Natürlich wolle er Aufmerksamkeit, sagt der 55-Jährige, aber doch nicht für sich, sondern für seine Kirche. Im Buch freilich geht es erst einmal um ihn.

Warum? "Wir wollten zeigen, dass ich kein Siebengescheiter bin, sondern einer, der aus der Keimzelle der Kirche kommt", sagt der Pfarrer. Und so schildert er seine Lebensgeschichte, seine Jugend, seine Träume oder auch seine Gefühle beim Tod der Eltern. Seine Botschaft verpackt er in die Vita.

Schießler ist ein Münchner Kindl, geboren im Oktober 1960 in Laim. Schon als Jugendlicher will er Priester werden, nicht zuletzt, weil er von seinem Pfarrer Elmar Gruber so beeindruckt ist. Mit zehn Jahren sollte der kleine Rainer zum ersten Mal ministrieren, da habe er sich vor Aufregung vor den Altar übergeben, schreibt er.

Später habe dann der Pfarrer angerufen, aber nicht geschimpft, sondern ihn getröstet und gelobt: Er habe als einziger "wirklich alles gegeben". Die Episode bezeichnet Schießler als "das prägendste Erlebnis meines Lebens". Nie wieder habe er so intensiv erfahren, was Nächstenliebe bedeutet.

Pfarrer bedient auf dem Münchner Oktoberfest, 2006

Pfarrer Rainer Maria Schießler arbeitet in seinem Urlaub als Bedienung auf der Wiesn im Schottenhamel-Zelt.

(Foto: Stephan Rumpf)

Später, nach einem Intermezzo als Novize im Kapuzinerorden und als Taxifahrer, trifft Schießler wieder einen Pfarrer, der ihn inspiriert, diesmal Axel Meulemann in Bad Kohlgrub bei Murnau. Bei ihm war er im Pastoraljahr, einer Art Praktikum, und von ihm habe er sich die leutselige Art und drei Leitsätze abgeschaut: "Du musst die Leute mögen", "Liturgie darf nicht wehtun" und "Sakramente musst du spüren". Dort, in Bad Kohlgrub, kam es auch zum ersten Streit zwischen Schießler und der Amtskirche: Nach der Priesterweihe sei er ohne Rücksprache nach Rosenheim versetzt worden, schreibt er; er fühlte sich "umgestellt wie ein Möbelstück". An diesem Stil reibe er sich bis heute.

"Kirche, mach dich halt locker!"

Müsste man Schießlers Anliegen auf einen Satz reduzieren, er klänge so: "Kirche, mach dich halt locker!" Der Pfarrer wettert gegen Kollegen, die nicht mit Herz bei der Sache sind, nennt sie "Schlafwandler". Er kritisiert "Pastoraltechnokraten", die Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind, die Sakramente verweigern; Gottes Liebe sei nicht an die Kirchensteuer geknüpft, sagt er.

Er knöpft sich homophobe Kleriker vor, ebenso die tradierte Sexualmoral. Geschiedene und Wiederverheiratete dürfe die Kirche nicht länger ausgrenzen, und Frauen sollten zu Priestern geweiht werden dürfen, findet er. Laien sollte erlaubt werden, Kirchengemeinden zu leiten, daran führe in Zeiten des Priestermangels ohnehin kein Weg vorbei. Und dann erst der Pflichtzölibat: Der könne Menschen zerstören und Unheil anrichten, er müsse weg.

Der Zölibat setzt Schießler auch persönlich zu. Er stehe hinter der Ehelosigkeit, schreibt er zwar: "Ich lebe tatsächlich diese idealisierte Form." Aber seine Dienstwohnung nennt er einen "Kerker der Einsamkeit", er erzählt, wie er sich beim Warten auf die Christmette vorstellt, dass da jetzt Kinder herumrennen könnten. Die Frage, ob er nicht inoffiziell mit einer Frau hätte zusammenleben können, wie es manche Priester tun, verneint er. Aber er schiebt nach: Es sei ihm halt auch nie die richtige Partnerin begegnet.

In der Kirche segnet er einmal jährlich Fahrzeuge

Seit 1993 arbeitet Schießler als Pfarrer in Sankt Maximilian, 1995 wurde er auf Lebenszeit dort installiert. Der Beginn war schwierig, die Gemeinde zerstritten, aber er fasste Fuß; heute sind seine Gottesdienste beliebt, die Kirche ist voll. Dass ihm das gelungen ist, schiebt er auf seine Offenheit; er versuche, den Menschen nahe zu kommen. Deshalb kellnere er auch auf der Wiesn.

In der Kirche segnet er einmal jährlich Fahrzeuge, vom Motorrad bis zum Bobby-Car, das sei "immer eine Gaudi". Es gibt "Viecherl-Messen", da segnet er Haustiere. Manchmal lachen, manchmal klatschen die Kirchgänger, "warum nicht?" An Fasching sah man Schießler schon mit Strohhut in der Kirche. Einmal hatte er einen Stand auf dem schwulen Straßenfest auf der Hans-Sachs-Straße.

Längst eilt ihm der Ruf voraus, er sei ein bunter Hund. Muss die ganze Kirche diesen Weg gehen? Nein, sagt Schießler, er wolle kein Modell sein. Jede Pfarrei habe ihren eigenen Charakter, es gebe "tolle Pfarrer, die nahe an den Menschen sind". Aber er wünscht sich, "dass unsere Vorgesetzten forschend fragen, wonach ich lebe, was ich tue und warum meine Kirche voll ist und andere leer bleiben", so heißt es im Buch. Noch dazu gebe es nirgends in Deutschland so viele Kircheneintritte wie bei ihm.

Nachprüfen lässt sich das schwer, die Bistümer halten solche Zahlen zurück, um ihre Seelsorger nicht unter Druck zu setzen. Aber wer einen Gottesdienst in Sankt Maximilian besucht, der sieht: Schießler zieht. Die Menschen strömen zu ihm, auch aus dem Umland. Freilich: Das bedeutet umgekehrt, dass der Pfarrer nicht unbedingt seine eigene Gemeinde wiederbelebt hat, nur weil die Kirche voll ist; aber er hat zumindest ein gefragtes Angebot geschaffen.

Pfarrer Rainer Maria Schießler vor der Krippe in seiner Kirche.

(Foto: Claus Schunk)

Selbst aus dem erzbischöflichen Ordinariat, mit dem Schießler lange eine konfliktbeladene Beziehung geführt hat, ist ein Lob zu hören: Der Kosmos der Kirche sei weit, und Schießler erreiche Leute, die andere nicht erreichen. Und wem seine Art nicht gefällt, der zieht, Vorteil der Großstadt, ein paar Straßen weiter in eine andere Kirche zu einem anderen Pfarrer.

Kollegen fühlen sich, als profiliere Schießler sich auf ihre Kosten

In der Tat eckt Schießler auch an, nicht zuletzt bei Kollegen. Andere Pfarrer reagieren zuweilen pikiert, sie fühlen sich, als profiliere er sich auf ihre Kosten, einer nennt ihn einen "Besserwisser". Und auch Beschwerden von konservativen Katholiken ließen nicht lange auf sich warten. Die Viecherl-Messe entweihe die Kirche. Ein Pfarrer dürfe nicht mit Inline-Skates durch die Kirche fahren. Bierbänke vor dem Altarraum, müsse das sein? Und die Sprache! Im Buch kokettiert Schießler, ein Freund habe ihn gefragt, ob er die jüngste Enzyklika schon gelesen habe. Die Antwort: "kein Sportteil, keine Bilder, keine nackten Weiber - das ist kein Text für mich."

Dass er polarisiere, mit seinen Themen, seinen ausladenden Bewegungen, seiner Sprache, das nehme er in Kauf, sagt der Pfarrer. Er erreiche Menschen, und zumindest habe sich bei ihm noch nie einer gelangweilt. Solange Gott im Zentrum stehe, habe er auch nichts gegen einen Unterhaltungswert im Gottesdienst. Im Buch vergleicht er einen Pfarrer mit einem Staubsaugervertreter: Der verkaufe auch nichts, wenn er die Leute nur anöde.

Er will den Finger in die Wunde legen

Den Vorwurf, sich zu profilieren, will Schießler aber nicht auf sich sitzen lassen. Er dränge nicht nach vorne, sagt er, da sei er doch längst. "Ich habe eher den Eindruck, andere drängen zurück." Ihm gehe es einzig darum, den Finger in die Wunde zu legen. Und ja, er spiele das Spiel der Medien mit, aber nicht um seiner selbst, sondern um der Kirche willen.

Er antworte nur, wenn man ihn etwas frage. Noch nie sei er von sich aus auf Medien zugegangen, immer würden Journalisten ihn anrufen, nicht andersherum. Eine Talkshow zu moderieren oder Zeitungskolumnen zu schreiben, das sei alles nicht seine Idee gewesen. Und zum Buch habe ihn der Verlag geradezu drängen müssen: Bücher sollten Prominente schreiben, nicht "ich Würmchen", habe er dem Verlag geantwortet. "Aber die haben gesagt: Sie müssen das tun, weil so erreichen Sie die Leute. Eine Schweinsarbeit war das, ein Jahr lang."

Die Zeit drängt auch jetzt. Für den Mittag hat sich ein Kamerateam eines privaten Fernsehsenders angekündigt. Beim Gespräch klingelt immer wieder das Handy, "Sweet Home Alabama". Einmal liest er auf dem Gerät nebenher einen Zeitungsartikel über sich, er überprüft, ob auch wirklich alles stimmt. Und Schießlers Terminkalender ist voll. Im Plan stehen Drehs fürs Fernsehen, Werbetermine für sein Buch, und, nicht zu vergessen, Gottesdienste. Sein Buch ist bereits jetzt ein Bestseller.

© SZ vom 02.04.2016/mkro

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