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Streitgespräch:"Wir hadern mit der Kirche wie mit einem bockigen Onkel"

Christiane Lutz und Vater Lutz

Christiane Lutz mit ihrem Vater Heinrich. Grenzen setzt die katholische Kirche beiden.

(Foto: Mario Wezel)

Unsere Autorin könnte sich vorstellen, aus der Kirche auszutreten - als katholisches Pastoralreferenten-Kind. Im Streitgespräch mit dem Vater wird klar: So weit auseinander liegen sie gar nicht.

Von Christiane Lutz

Ich habe nie verstanden, wie man den Geruch von Weihrauch eklig finden kann. Heute noch stecke ich auf Reisen meine Nase in jede katholische Kirche, und dann rieche ich Heimat. Ich bin katholisches Pastoralreferenten-Kind. Nein, das bedeutet nicht, dass mein Vater Priester ist und unartig war, er ist nicht geweiht und darf deshalb Familie und Kinder haben. Trotzdem ist er eine Art Pfarrer in dem, was er tut: Er hält Gottesdienst, unterrichtet Religion und beerdigt am laufenden Band Menschen.

Vom Herzen her fand ich den Beruf immer gut, richtig und spannend. Vom Kopf her aber musste ich in den vergangenen Jahren sehr oft denken: Im Ernst? Katholische Kirche? Der Verein, der seit 2000 Jahren Frauen ganz offiziell wegen ihres Geschlechts benachteiligt? Der Homosexualität für eine Krankheit hält aber gleichzeitig Priester protegiert, die... Ach, fangen wir gar nicht davon an.

Ich bitte meinen Vater zu einem Gespräch über die Kirche. Wir treffen uns im Pfarrhaus von St. Peter und Paul in Weil der Stadt. Mein Vater ist jetzt 64, Ende des Jahres geht er in den Ruhestand. Dem Gespräch hat er ohne Zögern zugestimmt. Vielleicht also hat er schon eine gewisse Egal-Haltung, denke ich mir. Eine, die es ihm erlaubt, ehrlich zu sein.

Die Diskriminierung von Frauen - eine Traditionsgeschichte

Das ist er dann auch: "Als wir anfingen zu studieren, in den 70ern, herrschte Aufbruchsstimmung, es gab ja die Hoffnung, der Zölibat werde bald abgeschafft. Frauen sollten vielleicht sogar für den Diakonat zugelassen werden! Aber dann kam der konservative Papst Johannes Paul II., und seither ging die Entwicklung wieder rückwärts. Seit dem Predigtverbot 1989 dürfen Pastoralreferenten wie ich nicht mal mehr predigen." Natürlich predigt er, ich habe es oft genug gehört. Nur darf er es nicht so nennen. Wie lächerlich. Nicht nur mir als Frau, sondern auch meinem Vater sind in der katholischen Kirche Grenzen gesetzt, merke ich.

Und was hat die Kirche eigentlich gegen Frauen? Das sei "eine Traditionsgeschichte", antwortet mein Vater. In der Bibel stehe, dass Jesus nur Männer zu seinen Jüngern gemacht habe. "Das ist im Prinzip alles." Und er erwähnt noch ein paar frauenfeindliche Stellen bei Paulus - die man aber auch im Kontext der damaligen Zeit sehen müsse.

Ich merke, dass wir beide mit der Kirche hadern wie mit einem bockigen Onkel, der für uns aber doch zur Familie gehört. Ob er sehr enttäuscht wäre, wenn ich aus der Kirche austräte? "Nein", sagt er, "ich würde es sogar verstehen."

© SZ.de/feko

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