Theaterkritik:Die Kunst der richtigen Auswahl

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Theaterkritik: Eine unglaubliche Geschichte, eingefasst von einer anspruchsvollen Partitur: Camila Ribero-Souza und Jeffrey Hartman in "Turandot" am Theater Regensburg.

Eine unglaubliche Geschichte, eingefasst von einer anspruchsvollen Partitur: Camila Ribero-Souza und Jeffrey Hartman in "Turandot" am Theater Regensburg.

(Foto: Jochen Quast)

Puccinis Oper "Turandot" in einer vielschichtigen Inszenierung von Nicola Raab am Theater Regensburg.

Von Paul Schäufele, Regensburg

Weil sich Gegensätze anziehen, sollten die kalte Prinzessin Turandot und ihr vor Liebestollheit glühender Verehrer eigentlich von Anfang an gut zusammenpassen. Aber es darf nicht sein, und so können wir zweieinhalb Stunden Opern-Blockbuster genießen in einer vielschichtigen Inszenierung, die sich Nicola Raab fürs Theater Regensburg ausgedacht hat.

Puccinis letzte Oper ist ein Werk, in dem alles Mögliche Platz findet: Märchen, hier unterstrichen durch suggestive Aquarelle düsterer Schlösser, stürzender Männer und blutroter Tropfen, die als Video-Projektionen einen Großteil des Bühnenbilds von Mirella Weingarten ausmachen; Groteskes in Gestalt der Commedia dell'arte-haften Minister Ping, Pang und Pong (ein agiles Trio: Frederic Mörth, Jason Lee, Brent L. Damkier); und große Oper mit einem Bühnenpaar, zwischen dem es Funken schlägt. Eingefasst wird die unglaubliche Geschichte von einer anspruchsvollen Partitur, die einen romantischen Rahmen mit kalkuliert eingesetzten Exotismen und avancierter Tonsprache verbindet.

All das kann mit hinreichend Budget zu einer neobarocken Bühnengaudi ausgewalzt werden. Die Regensburger "Turandot" dagegen setzt auf eine Kunst der Auswahl, die die Polystilistik des Werks in eine beziehungsreiche Ton- und Bildsprache umsetzt, ohne beliebig zu wirken. Ein wenig Chinoiserie muss trotzdem sein, und so zieht der greise Timur (Young Kwon) während seiner kurzen, aber umso dringlicher gesungenen Auftritte mit chinesischer Kappe durch die Welt. Gestützt wird er von Anna Pisarevas Liù, die reichlichen Applaus erntet für ihren bei aller lyrischen Zartheit durchdringenden Sopran, mit dem sie in ihren drei ariosen Momenten regelmäßig die Phrasenhöhepunkte in schwebendem Pianissimo zelebriert.

China als autoritäres System

Das sind opernmagische Momente. Gewöhnlich gehört dazu auch das "Nessun dorma" des zeitweilig anonymen Prinzen. Doch Jeffrey Hartman hat es schwer an diesem Abend. Die Stimme ist hörbar angeschlagen, Töne werden schwerfällig und teils nur mit Mühe erreicht. Der ansonsten garantierte Szenenapplaus bleibt deshalb aus, wenn auch das Potenzial erkennbar bleibt. Gerade die Duett-Szenen mit seiner Prinzessin geben dem Tenor kaum eine Chance, durchzudringen. Camila Ribero-Souzas dunkel timbrierter Sopran mit Protagonistinnen-Vibrato ist dazu geschaffen, anderes zu übertönen. Das macht sie grandios. Die Szenen, in denen die unter einem vererbten Trauma leidende Prinzessin ihrem Furor Lauf lässt, sind von morbidem Pathos durchdrungen.

Ribero-Souza macht stimmlich plausibel, was Raab in ihrer Inszenierung in den Vordergrund rückt. Dieses China ist ein autoritäres System, das auf alle Gepflogenheiten der diplomatischen Praxis verzichtet, indem es den politischen Nachwuchs der Nachbarländer Prinz um Prinz dem Verderben zuführt. Die drei Minister werden zu Folterknechten, Handlangern der staatlichen Gewalt. Nicht umsonst tragen sie Schwarz. Das Volk, dessen liebste Freizeitbeschäftigung darin besteht, fremden Prinzen beim Bluten zuzusehen, ist zur psychologisch deformierten Masse geworden, zu keiner eigenen Initiative fähig. In einem kurzen Moment sieht man, wie dieses Volk, das heißt der zuverlässige Opernchor, buchstäblich dirigiert wird.

Raab liebt diese Details, die einen simultanen Kommentar zum Bühnengeschehen zu formulieren scheinen. Überhaupt gibt es auf dieser Bühne kein Teil, das nicht mit einer konkreten Bedeutung aufgeladen wäre. Einen musikalischen Partner im Geiste hat die Regisseurin in Generalmusikdirektor Chin-Chao Lin, der mit seinem weitsichtigen Dirigat Präzision und Zielgerichtetheit durchsetzt. Die avantgardistischen Momente reiben, ohne zu hart zu werden; die romantischen Orchestereruptionen erreichen ihr Maximum genau und tragen damit zum Überwältigungstheater bei. Und wenn dann nach dem x-ten Verbeugungsdurchgang unter andauernden Bravi der Applaus nur noch durch den fallenden Vorhang angehalten werden kann, lässt sich resümieren: Das Regensburger Publikum liebt dieses Ensemble, zu Recht. Die aktuelle "Turandot" ist eine kaum auszuschlagende Einladung, sich ihm darin anzuschließen.

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