München U-Bahn-Fahrer wegen Vergewaltigung zu Haftstrafe verurteilt

Die Vergewaltigung ereignete sich auf dem Wendegleis der Station Klinikum Großhadern.

(Foto: Catherina Hess)
  • Ein U-Bahn-Fahrer hat eine 18 Jahre alte Passagierin vergewaltigt. Dafür muss er nun für zwei Jahre und neun Monate in Haft.
  • Der Fahrer entdeckte sie am Wendegleis an der Station Klinikum Großhadern. Die Frau war im Waggon eingeschlafen.
  • Beim Prozess am Amtsgericht schildert sie, wie sie bis heute an den Vorfällen leidet.
Aus dem Gericht von Susi Wimmer

"Ich wollte mich nicht einschränken lassen als Frau", sagt Johanna Beck (Name geändert). Also zog sie an, was sie wollte, und feierte, so lange sie wollte. Und sie dachte, dass sie die U-Bahn an jenem Junimorgen nach der feucht-fröhlichen Nacht gegen sieben Uhr sicher heimbringen würde.

"Aber dass ausgerechnet der U-Bahnfahrer", setzt sie an, während sie am ganzen Körper zittert. Der U-Bahnfahrer, das war der 58 Jahre alte Günther K. Er entdeckte die schlafende und angetrunkene Frau beim Rundgang durch seine U 6 auf dem Wendegleis der Station Klinikum Großhadern, missbrauchte und vergewaltigte sie. Das Amtsgericht verurteilte ihn dafür am Mittwoch zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und neun Monaten.

Die Parallelen sind beängstigend: Erst am Dienstag begann der Prozess gegen einen Mann, der vor dem Partyareal an der Grafinger Straße ohne Lizenz Taxi-Dienste anbot und eine 24 Jahre alte Frau auf der Heimfahrt vergewaltigt haben soll. Ein vermeintlich sicheres Taxi, die vermeintlich sichere U-Bahn. "Das lehren wir doch unseren Kindern", sagt Richterin Sylvia Silberzweig. "Fahr nicht mit irgendjemandem mit, nimm die U-Bahn. Und wenn was ist, dann geh zum U-Bahnfahrer."

Fahrt in der Partytram? "Es tut uns aus tiefstem Herzen leid"

Eine Fahrt in der Partytram als Entschädigung? Was die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) dem Vergewaltigungsopfer angeboten hat, hat einiges Befremden ausgelöst. "Wir wollten uns aktiv melden, Anteilnahme und Bedauern ausdrücken und haben eine Sonderfahrt mit der Tram vorgeschlagen", sagt MVG-Sprecher Matthias Korte. Angesichts der Situation sei der Vorschlag "unangemessen" gewesen, "es tut uns aus tiefstem Herzen leid". Nun wolle man sich etwas anderes überlegen. Die Grünen wollen beantragen, dass sich die städtischen Eigenbetriebe mit dem Thema sexuelle Gewalt beschäftigen sollen. Und auch mit der Frage, wie man mit Opfern sexueller Gewalt angemessen umgeht.

Im Fall von Johanna Beck, damals 18, kam der U-Bahnfahrer zu ihr. Die Frau hatte bis zwei Uhr früh als Kellnerin gearbeitet und noch mit einer Freundin gefeiert. Gegen sieben Uhr stieg sie an der Implerstraße in die U 6 und wollte zum Haderner Stern. Doch sie schlief ein, und sie schlafe wie ein Stein, sagt sie. Der "erhebliche Alkoholgenuss" dürfte laut Polizei auch sein Übriges getan haben. Sie verschlief die Haltestelle und bemerkte nicht, wie der Fahrer mit ihr und der Bahn auf das Wendegleis fuhr. Dort, das wusste K. ganz genau, hätte er acht Minuten Zeit, ehe die Leitstelle ihn aufforderte, die nächste Tour zu fahren.

Siebeneinhalb Minuten lang verging sich Günther K. an der benommen-schlafenden Frau. "Ja", sagt er, er habe bemerkt, dass sie nicht bei sich war. Und er finde bis heute keine Erklärung für seine Tat und bereue zutiefst. "Ich war wie ferngesteuert. Es war keinerlei Gefühlsregung da." 29 Jahre als U-Bahnfahrer, ein Leben ohne Vorstrafen. K. ist Vater dreier erwachsener Kinder, hat selbst Töchter.

Der U-Bahn-Fahrer ließ das Opfer auf dem Sitz liegen

Es sei ihm bewusst gewesen, dass die Überwachungskamera im Abteil alles aufzeichne, sagt er. Und: "Ich hab mich an der Uhr im Fahrgastinnenraum orientiert." Nach siebeneinhalb Minuten ging er, "dienstbeflissen", wie die Anwältin des Opfers in ihrem Plädoyer spitz anmerkte. Er ließ die junge Frau auf dem Sitz liegen, weggetreten und halb entblößt. "Dass ich sie so zurückgelassen habe, ist für mich bis heute unerträglich", sagt der Fahrer, der sofort den Job gekündigt hat. Als er sich wiederholt entschuldigt, weint er.

Johanna Beck ist eine hoch aufgeschossene Frau, schlank, die blonden Locken zum Pferdeschwanz gebunden, und ihren Körper umhüllt ein weiter dunkler Wollpullover. "Vergessen Sie nicht zu atmen", sagt die Richterin sanft zu der nervösen Frau. "Irgendetwas war passiert. Und es war nichts Gutes", beginnt die heute 19-Jährige. Sie sei aus der U-Bahn heraus und habe jemand ansprechen wollen. Dabei lief sie zwei Polizisten in die Arme, die sich auf einem Kontrollrundgang befanden.

Erst als die Münchnerin bei der Polizei das Video aus der Überwachungskamera sah, wusste sie, was ihr genau widerfahren war. Bis heute könne sie kaum alleine sein, sagt sie; sie leide unter depressiven Verstimmungen. Ihre schönen Partyklamotten habe sie weggepackt in einen schwarzen Sack. "Das Selbstvertrauen, das ich mir aufgebaut hatte, ist mir ein Stück weit genommen worden." Sie habe sich als Frau nicht einschränken lassen wollen, "heute denke ich darüber anders". Sie gehe nicht mehr aus. Aber: "Ja", antwortet die 19-Jährige auf die Frage der Richterin, sie fahre wieder U-Bahn, "ich hab ja keine andere Wahl".

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