Gewalt gegen Frauen:#schweigenbrechen

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Der Griff zum Hilfetelefon fällt vielen Betroffenen von sexueller Gewalt inzwischen leichter. (Foto: Alessandra Schellnegger)
  • Wegen der Me Too-Debatte trauen sich vermehrt Frauen, über Erfahrungen mit sexueller Gewalt zu sprechen.
  • Das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" verzeichnete im Jahr 2016 einen Anstieg der Anrufe von 27 Prozent auf etwa 80 000.
  • Wegen Angst und Scham rufen die Betroffenen oft erst an, wenn die Taten einige Zeit zurückliegen.

Von Ulrike Heidenreich, München

Frauen schweigen aus Angst und Scham, das Umfeld schaut weg. In nahezu allen Berichten über Vergewaltigungen und sexuellen Missbrauch durch Harvey Weinstein, Dieter Wedel und Co. berichten Betroffene von dieser Schweigespirale. Entsprechend vertraut ist das Problem den 70 Beraterinnen am Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen". Gleiches gilt für die Frage, warum Frauen erst "so spät" davon erzählen, was ihnen widerfahren ist. Dass das Tabuthema auch in Deutschland immer mehr aufbricht, machen sie an handfesten Zahlen fest: Die Zahl der Beratungen an der Notfall-Hotline stieg im Jahr 2016 um 27 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Rund 80 000 Mal klingelte das Hilfetelefon.

Unter der Rufnummer 08000 116 016 können sich seit mehr als vier Jahren Frauen, die von Gewalt betroffen sind, Rat, Trost und konkrete Unterstützung holen. Am Ende der Leitung sitzen hauptamtliche Fachkräfte, die rund um die Uhr im Schichtbetrieb im Einsatz sind. Die Sozialarbeiterinnen, Pädagoginnen und Psychologinnen können mithilfe von spontan zugeschalteten Dolmetscherinnen in 17 Fremdsprachen beraten. Die Vermittlung klappt innerhalb einer Minute.

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Petra Söchting, die Leiterin des Hilfetelefons, das im Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben in Köln untergebracht ist, sagt: "Die Rufnummer der Ratsuchenden ist unterdrückt. Die Zusicherung der Anonymität ist unerlässlich für unsere Beratungsarbeit. Die Frauen, die Hilfe suchen, entscheiden selbst über ihr eigenes Handeln, sie werden von uns nicht zu einer bestimmten Vorgehensweise gedrängt." Denn genau hier liegt das Problem: Der erste Schritt, um ihren Peinigern zu entkommen oder tief sitzende Gewalterlebnisse zu verarbeiten, ist für Betroffene oftmals der schwerste. Unter dem Hashtag #schweigenbrechen werben die Expertinnen vom Hilfetelefon unermüdlich dafür, dass Frauen reden - das funktioniert ähnlich wie bei #MeToo.

Vor allem nach Schlägen oder Vergewaltigungen durch Bekannte gibt es klar erkennbare Zeiten, wann Frauen sich endlich trauen: "Vor und nach Feiertagen gibt es viel mehr Anrufe. Es scheint so zu sein, dass Frauen, gerade wenn Kinder dabei sind, den Wunsch haben, auch in schwierigen Partnerschaftssituationen die Tage ruhig hinzubekommen. Danach kommen dann oft Anrufe wie: Ich habe es versucht, aber es hat nicht geklappt. Die Situation mit meinem Mann ist wieder eskaliert. Jetzt möchte ich mir Hilfe von außen holen", berichtet Söchting.

Durchhalten und sich nichts anmerken lassen, bis es einfach nicht mehr geht; es ist stets ein Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. So war es auch im Fall der zwei ehemaligen Schauspielerinnen, die nach Jahrzehnten des Schweigens im Dezember als Erste das brutale Vorgehen des Regisseurs Wedel in der Zeit publik machten. Hier war der Tropfen, dass Wedel sich erdreistet hatte, dem Radiosender FFH einen Monat vorher zu erzählen, dass auch Männer sexuelle Übergriffe erlebten - und er selbst als junger Mann am Theater von Regisseuren "mächtig unter Druck" gesetzt worden sei. Er fühlte sich offenbar wegen der Weinstein-Debatte zum Plaudern animiert - seine Opfer hingegen fühlten sich verhöhnt.

Es ist selten Rache, eher totale Verunsicherung, was die Beraterinnen erleben, wenn Betroffene sich überwinden, zum Hörer zu greifen und zu reden. Etwa die Juristin, die neulich anrief: Sie werde von ihrem Vorgesetzten am Arbeitsplatz sexuell belästigt - durch blöde Sprüche, aber auch durch Griffe an alle Körperregionen. Sie kenne ihr Recht, traue sich aber trotzdem nicht, etwas zu unternehmen. Es war pure Rückversicherung, die sie sich beim Gespräch holte, berichtet ihre Beraterin. Das habe die Frau bestärkt in ihrem Gefühl, dass sie in ihrem Empfinden nicht falsch liegt und sich zu Recht wehrt. Sie zeigte das Verhalten des Chefs beim Arbeitgeber an - der Mann wurde entlassen.

"Natürlich sind uns Grenzen gesetzt. Bei konkreten Gefährdungssituationen, wenn wir zum Beispiel Brüllen oder Schreie im Hintergrund hören, können wir nur etwas tun, wenn die Frau uns sagt, wer und wo sie ist", sagt Petra Söchting vom Hilfetelefon. Auch eine Konferenzschaltung zur Polizei sei möglich. Gerade in Paarbeziehungen ist das Ausmaß an Gewalt gegen Frauen hoch. Das Bundeskriminalamt hatte Ende 2016 erstmals Zahlen veröffentlicht, wonach 104 000 Frauen von Bedrohungen und Tätlichkeiten durch ihre Partner oder Ex-Partner betroffen sind. Dabei sind das nur die polizeilich registrierten Fälle, die Dunkelziffer ist erheblich größer.

Aus den gut 80 000 Kontaktaufnahmen am Telefon gingen 35 000 Beratungsgespräche hervor. Allein das Reden bringt den Frauen bereits viel, so die Erfahrung. Aber die Expertinnen am Telefon vermitteln auch an andere Stellen - unter anderem an Ärztinnen, Frauenhäuser und Sozialstationen. Am häufigsten wurden 2016 Dolmetscherinnen für Arabisch verlangt, gefolgt von Farsi - wegen der zunehmenden Zahl von Anrufen geflüchteter Frauen. 2017 wurde das Sprachangebot um Albanisch und Kurdisch erweitert. Dabei ähneln sich die Formen von Gewalt gegen Frauen, und zwar unabhängig von der Herkunft: Die häusliche Gewalt hat einen Anteil von 60 Prozent, sexualisierte Taten machen zwölf Prozent aus. Dahinter folgen psychische Gewalt, Stalking und Mobbing.

© SZ vom 13.02.2018 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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