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Prozess:Sprengsatz im Stadion: 19-Jähriger vor Gericht

Fans in der Allianz-Arena, 2016

Fußballfans in der Arena in Fröttmaning.

(Foto: Alessandra Schellnegger)
  • Beim Champions-League-Spiel des FC Bayern gegen den PSV Eindhoven zündete ein junger Mann aus den Niederlanden einen Böller und warf ihn in einen anderen Fanblock.
  • Acht Menschen wurden verletzt und leiden auch Monate später noch an den Folgen.
  • Nun hat ein Münchner Jugendgericht den 19-Jährigen verurteilt.

Von Thomas Schmidt

Der Anpfiff zur Champions-League-Begegnung zwischen dem FC Bayern und dem PSV Eindhoven war kaum verklungen, da zündete ein 19-jähriger Niederländer einen Böller in der Arena, schleuderte ihn in einen anderen Block und verletzte damit acht Fußballfans. Der FCB gewann das Spiel mit 4:1, wodurch der junge PSV-Fan eine doppelte Niederlage einstecken musste: zuerst die auf dem Rasen, dann eine zweite bei seinem Prozess. Das Münchner Jugendgericht verurteilte den Auszubildenden aus den Niederlanden wegen Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und vier Monaten auf Bewährung.

Der Vorfall liegt bereits ein paar Monate zurück, es war der Abend des 19. Oktobers, die achte Spielminute lief gerade. Der 19-Jährige stand im Gäste-Block des Münchner Stadions, lieh sich ein Feuerzeug bei einem Nebenmann und zündete damit die Lunte des Böllers an. Auf dem Video der Überwachungsanlage ist laut Angaben des Gerichts deutlich zu erkennen, wie er den Sprengsatz mit einem "zielgerichteten Wurf" in den Mittelrang schleuderte. Der brennende Böller landete dort zunächst auf der Schulter eines Fans, flog dann auf den Boden und explodierte.

Die Explosion war so heftig, dass der Stadionbesucher ein Knalltrauma erlitt und bis heute mit einem beiderseitigen Tinnitus leben muss. Ein weiterer Fan leidet nun ebenfalls an einem Tinnitus sowie an einer Schwerhörigkeit für hohe Töne am linken Ohr. Weitere Personen in der Nähe erlitten auch Knalltraumata, insgesamt wurden acht Menschen durch die Explosion des Böllers verletzt.

Bei der Verhandlung vor dem Amtsgericht gab der junge Niederländer die Vorwürfe zu. Er behauptete, den Böller von einem Landsmann zugesteckt bekommen zu haben. Ein Ermittler der Polizei sagte vor Gericht aus, dass der Sprengkörper ein sogenannter "Blitzknallsatz" gewesen sei, für den man eigentlich einen Sprengschein brauche. Was inmitten unbeteiligter Fans in die Luft ging, war demnach alles andere als ein harmloser Silvesterkracher.

Die Gefahr, die von solch einem Böller ausgehe, sei "erheblich", erklärte die Richterin. Es hätte noch weit Schlimmeres passieren können, betonte sie, zum Beispiel wenn der Sprengstoff in eine Kapuze oder einen Kragen gefallen wäre oder sich im längeren Haar eines Besuchers verfangen hätte. Außerdem hätte es zu einer Massenpanik kommen können, "wenn urplötzlich ein sehr lauter Knall mitten in der Zuschauermenge ertönt", so die Richterin.

Zugunsten des 19-jährigen Eindhoven-Fans wertete das Gericht, dass er seit der Tat in Untersuchungshaft saß und davon "deutlich beeindruckt" sei. Das Gericht hege daher die "feste Hoffnung", dass er künftig keine Straftaten mehr verüben werde. Weil die Richterin eine "Reifeverzögerung nicht ausschließen" konnte, verurteilte sie ihn nach Jugendstrafrecht. Ein einjähriges Stadionverbot gab es als Zugabe obendrauf.

Dass Stadionbesucher durch Böller oder Bengalos verletzt werden, ist die absolute Ausnahme. In der vergangenen Fußball-Saison zählte die Münchner Polizei 22 Einsätze im Stadtgebiet wegen illegaler Pyrotechnik. Bis auf einige Knalltraumata seien aber keine ernsthaften Verletzungen bekannt, erklärt Polizeisprecher Wolfgang Behr. Meistens geht das Zündeln also glimpflich aus - aber nicht immer. So zum Beispiel bei der Zweitliga-Begegnung Nürnberg gegen Dresden Ende Januar. Beim Marsch der Dynamo-Fans zum FC-Stadion explodierte ein Böller in der Hand eines 35-jährigen Dresdners, der Mann verlor dabei drei Finger.

© SZ vom 28.02.2017/infu
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