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Prozess:"Er hatte mich genug beleidigt und genervt"

Auftakt im Prozess um Totschlag auf einem Friedhof

Alter Nordfriedhof: Daniel B. soll dort einen Trinkkumpan im Streit um geklaute Weinflaschen totgeprügelt haben.

(Foto: dpa)

Nach einem Streit soll der Angeklagte Daniel B. seinen Bekannten mit Schlägen und Tritten getötet haben. Der Gewaltexzess auf dem Alten Nordfriedhof wird vor Gericht verhandelt.

"Ich weiß es nicht, ich kann mich nicht erinnern", das sind Sätze, die Daniel B. immer wieder leise von sich gibt, wenn die Schwurgerichtskammer unter Vorsitz von Elisabeth Ehrl etwas von ihm wissen will. Dass er aber in der Nacht auf den 12. August 2018 auf dem Alten Nordfriedhof an der Arcisstraße die Kontrolle über sich verloren und seinen ebenfalls obdachlosen Saufkumpan verprügelt hat, daran kann sich der 36-Jährige erinnern. "Er hatte mich genug beleidigt und genervt", sagt er vor dem Landgericht München I. Am nächsten Morgen habe er bemerkt, dass es dem 55 Jahre alten Freund "tatsächlich schlecht geht". Zu dem Zeitpunkt lebte der Mann nicht mehr. Daniel B. steht vor Gericht, weil er den 55-Jährigen totgetreten haben soll.

Daniel B. ist ein Mann von kräftiger Statur, mit tätowierten Unterarmen. Er widerspricht sich ständig in seinen Aussagen und wird ungehalten, als das Gericht nach seinem Leben und seiner Heimatadresse bei seiner Mutter in Rumänien fragt. "Was hat das damit zu tun", meint er unwirsch. "Wir wollen uns ein Bild von Ihnen machen", antwortet die Vorsitzende Ehrl.

Es ist schwer zu ergründen, was das für ein Mensch ist, der da wegen Totschlags auf der Anklagebank sitzt. Ein Mann, der behauptet, im Sitzen mit der Ferse auf seinen Tippelbruder eingetreten zu haben. "Nicht mit voller Kraft", sagt er einmal. Dann: "Ziemlich stark, mit aller Kraft." Tritte mit dem Fuß gegen Kopf und Oberkörper, zwei Faustschläge in den Bauch, so schildert er es vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass das Opfer kurz nach den Tritten verstorben ist. Das Verletzungsbild allerdings sieht aus wie nach einem grauenvollen Gewaltexzess: Schwerste Kopfverletzungen mit diversen Hämatomen und Einblutungen im Gehirn, beide Augenhöhlen gebrochen, Rippenserienfrakturen mit beidseitigen Brüchen der Lenden- und Halswirbel und noch ein Bruch in der Hüftgelenkspfanne. Nach den Prügeln sei er zu einer Parkbank gegangen und habe weitergeschlafen. "Da hat er geatmet und sich bewegt", behauptet B. Der Tochter des Opfers, vertreten durch Rechtsanwalt Reinhard Köppe, ist bei den Schilderungen das Entsetzen anzusehen.

An jenem Abend habe er im Supermarkt fünf Flaschen Wein gestohlen

Daniel B. stammt aus Rumänien, versuchte sich in Italien, Spanien und der Schweiz mit Gelegenheitsjobs und kam im Juni 2018 nach Deutschland, "weil die Leute nur Gutes darüber erzählt haben". Doch auch hier klappte es nicht mit der Arbeit: Er hätte als Isolierer oder Dachdecker Angebote gehabt, sagt B. "aber ich konnte die Arbeit nicht". Mit finanzieller Unterstützung seiner Familie sei er über die Runden gekommen. Wobei Schlafen, Waschen und Essen durch soziale Einrichtungen in München gedeckt war, das Geld ging wohl für Alkohol und Drogen drauf. Seit 2000 konsumiere er Haschisch, Kokain, Marihuana oder "irgendwelche Kräuter" - "wenn man trinkt, schließt man sehr schnell Freundschaften auch in Drogenkreisen".

Zwei oder drei Wochen vor der Tat habe er den 55-Jährigen kennengelernt, ebenfalls ein gebürtiger Rumäne. Abends hätten sie sich gelegentlich zum Schlafen zwischen die Gräber auf dem Alten Nordfriedhof gelegt. An jenem Abend habe er im Supermarkt fünf Flaschen Wein gestohlen. Gemeinsam habe man eine Flasche getrunken, "dann bin ich eingeschlafen". Er sei nachts erwacht und der restliche Wein sei verschwunden gewesen. Es kam zum Streit, der 55-Jährige habe wiederholt seine Familie und die verstorbenen Verwandten beleidigt. "In Rumänien ist das inakzeptabel, das wusste er", sagt der Angeklagte. Der Prozess dauert an.