Pflegenotstand Und plötzlich sagt die Schwester, wo's lang geht

Personalnotstand, nicht nur in der Notaufnahme: Nach Angaben der Gewerkschaft Verdi müssten bayernweit eigentlich 10 000 Pflegekräfte eingestellt werden.

(Foto: dpa)

Erbittert konkurrieren Münchens Krankenhäuser um gut ausgebildete Pflegekräfte. Jetzt wollen die Kliniken gemeinsam Lösungen finden.

Von Heiner Effern und Christian Gschwendtner

Krankenschwestern sind in München Mangelware, die Frau aus Ostdeutschland hat das nur zu gut verstanden. Sie bewirbt sich im Klinikum Neuperlach auf eine ausgeschriebene Stelle in der Inneren Medizin. Doch eigentlich ist es umgekehrt, das Klinikum wirbt mit allen Mitteln um die Fachkraft. Es ist die Frau, die hier die Bedingungen stellt. "Krieg ich auch eine Wohnung?", fragt sie, als man sich handelseinig ist. Das Neuperlacher Krankenhaus verspricht, sich schnellstmöglich um eine Bleibe zu kümmern.

Am Ende zieht es doch den Kürzeren, ein Mitbewerber war schneller. Die Frau wird an einem anderen Krankenhaus anfangen. Ein Fall, wie er sich täglich abspielt und wie er symptomatisch für den Pflegenotstand in München ist.

Die Stadt will nun etwas gegen den akuten Mangel an Fachkräften in den Krankenhäusern tun. Der Gesundheitsausschuss beschloss am Donnerstag, einen runden Tisch einzurichten, an dem alle 41 Münchner Kliniken teilnehmen sollen. Egal ob sie von der Stadt, von den Universitäten oder von privaten Trägern betrieben werden. Schon allein, dass das Interesse bei den Kliniken groß ist, verbucht Gesundheitsreferentin Stephanie Jacobs als Erfolg. Denn im Alltag sind sie auf der Suche nach Personal oft erbitterte Gegner.

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"Der runde Tisch ist erst der Einstieg in ein komplexes Thema. Mir ist wichtig, dass die Kliniken nun miteinander reden und sich nicht auf dem Arbeitsmarkt gegenseitig die Kräfte streitig machen", sagte Jacobs. Das Problem, gute Kräfte dauerhaft in der Stadt zu binden, kennen zumindest die meisten Betreiber. Doch konkrete Zahlen über die Situation in München gibt es nicht. Die eigenen Zahlen kennen alle Krankenhäuser, die der Konkurrenten eher nicht. Deshalb spendiert die Stadt zum Start des runden Tisches 100 000 Euro für ein eine exakte Analyse der Situation.

Nach Angaben der Gewerkschaft Verdi müssten bayernweit eigentlich 10 000 Pflegekräfte eingestellt werden. Dafür ist entweder kein Geld da, oder es findet sich kein Personal. In München ist die Situation besonders angespannt. Um diejenigen Fachkräfte, die auf dem Markt sind, kämpfen die Krankenhäuser mit harten Bandagen. Mancherorts sollen sogar Prämien gezahlt werden, hört man von Branchenkennern.

Das Klinikum rechts der Isar kann die nötigen Stellen nur besetzen, weil es Fachkräfte aus dem Ausland nach München holt. In Neuperlach ist es keine Seltenheit, dass in manchen Wochen die Kapazität heruntergefahren werden muss. Wird jemand krank, müssen Kollegen aus dem Urlaub zurückgeholt werden. "Das Problem beschäftigt uns jeden Tag", sagt Betriebsratschef Erhard Reinfrank. Wächst den Angestellten der Druck endgültig über den Kopf, können sie eine "Überlastungs- und Gefährdungsanzeige" machen. In ruhigen Zeiten erhält die Klinikleitung pro Woche sieben solcher Meldungen.

70 unbesetzte Stellen hat allein das städtische Klinikum

Verdi schätzt, dass mittlerweile mindestens jede zweite Münchner Krankenpflegerin nur in Teilzeit arbeitet. Schuld seien die miserablen Arbeitsbedingungen und die chronische Überlastung. Die Arbeit laste auf zu wenigen Schultern. Überstundenberge und Burn-out seien die Folge.

Das städtische Klinikum hat derzeit 70 unbesetzte Stellen, für die es auf dem Arbeitsmarkt Kräfte sucht. Ein Schwerpunkt dabei ist die Kinderkrankenpflege. Geschäftsführer Axel Fischer begrüßt den runden Tisch, fordert aber auch ein Umdenken in der Gesellschaft. "Hier geht es um weit mehr als das Thema Bezahlung, sondern um Perspektiven. Pflegekräfte benötigen Weiterentwicklungsmöglichkeiten und Anerkennung für die geleistete Arbeit."

Ein Rezept für mehr Pflegekräfte ist für das Klinikum die Ausbildung von Nachwuchs. In der eigenen Akademie würden 500 junge Menschen ausgebildet. Und jeder zweite Azubi bleibt danach am Klinikum als Fachkraft.

Altenpflege, Sterben, Pflegehelferin, Tod, Altenheim Düstere Aussicht
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Nach dem Tod ihrer Mutter wollte sich unsere Autorin endlich stellen: dem Alter und dem Sterben. In ihrem halben Jahr als Pflegehelferin hat sie eine Welt erlebt, in der es Stress und Chaos, aber wenig Liebe gibt.