Orgelkonzerte:Aufbruch in fremde Galaxien

Lesezeit: 3 min

Per Anhalter durch die Galaxis

"42 oder die Weltformel" nennt Peter Kees seinen Revolutions-Requiem-Zyklus mit 42 Konzert-Performances an der Orgel. Inspiriert zu dem Titel hat ihn Douglas Adams' Science-Fiction-Romanreihe "Per Anhalter durch die Galaxis", die 2005 verfilmt wurde.

(Foto: Touchstone Pictures (C) Spyglass Entertainment)

Der Konzeptkünstler Peter Kees denkt während 42 Orgelimprovisationen in 42 Kirchen über den Zustand der Welt nach - und beantwortet die Frage nach dem Sinn oder Unsinn des Lebens auf seine Weise.

Von Sabine Reithmaier, Steinhöring

Peter Kees hat einen Sinn für vielversprechende, hintersinnige Projekttitel. Muss er auch haben als Botschafter des Sehnsuchtsorts Arkadien. "42 oder die Weltformel" hat der Konzeptkünstler sein jüngstes Vorhaben genannt. Klingt verlockend. Vielleicht findet Kees während der angekündigten 42 Orgel-Performances an 42 Kirchen ja eine andere Antwort als der Supercomputer Deep Thought in Douglas Adams' Romanreihe "Per Anhalter durch die Galaxis".

Der beantwortet die Frage "nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest" nach 7,5 Millionen Jahren Rechenzeit schlicht mit der Zahl 42. Was die Weltformel betrifft, so hat der Begriff, seit der Physiker Werner Heisenberg 1958 irrtümlicherweise glaubte, eine übergeordnete "Einheitliche Theorie der Elementarteilchen" entwickelt zu haben und die Medien dies zur Entdeckung der Weltformel hochjubelten, einen eher schalen Beigeschmack. Gefunden ist sie auch immer noch nicht. Aber jetzt kann man eben auf Peter Kees und seine Orgelimprovisationen hoffen.

42 - Revolutions-Requiem-Zyklus Orgel Peter Kees

Als Organist ist der Konzeptkünstler bisher noch nicht aufgetreten, hier beim ersten Konzert des Zyklus in der St. Sebastian-Kirche in Ebersberg.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Als Organist ist der 56-jährige Künstler, in diesem Jahr mit dem Tassilo-Kulturpreis der SZ ausgezeichnet, bislang freilich noch nicht in Erscheinung getreten. Eher als einer, der sich nicht vor Provokationen und Irritationen scheut. Kunst muss für ihn eine gesellschaftliche Relevanz besitzen, er reagiert mit seinen oft auch sehr witzigen Aktionen auf die Fragen der Zeit. Als beispielsweise allerorten Arbeitslose ermuntert wurden, Ich-AGs zu gründen, nahm er den Begriff wörtlich. Nach dem Motto "Ich lebe, also koste ich" schickte er 2002 an alle möglichen Behörden, aber auch an den damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder Rechnungen für gelebte Lebenszeit. Er selbst bezeichnet sich auf seiner Homepage als "Chronist und Vermesser gesellschaftlicher und menschlicher Phänomene".

Unterwegs als selbsternannter Botschafter Arkadiens

2013 entdeckte er den Sehnsuchtsort Arkadien für sich, keine Schäferidylle, sondern die Vorstellung eines Orts frei von zivilisatorischen Zwängen. Für ihn ein Modell für eine gerechtere soziale Zukunft. Er ernannte sich zum Botschafter von Arkadien und hat in dieser Funktion schon an vielen Orten in Europa "Landnahmen" vollzogen: Jeweils einen Quadratmeter abgesteckt, okkupiert und zu arkadischem Hoheitsgebiet erklärt.

Warum versucht er sich jetzt als Musiker? Ganz einfach, sagt Kees, der in Steinhöring bei München und Berlin lebt. "Wir sind in einer sehr fragilen Zeit, haben jede Menge Probleme mit Klimawandel, sozialen Schieflagen und dem Totalitarismus um uns rum." Eine brisante Mischung, für die bislang keine Lösungen gefunden wurden. Daher wolle er mit seinen Orgel-Improvisationen, also mit Atmosphäre, Rhythmik und Klangfarben das aktuelle Zeitgeschehen kommentieren.

Ganz fremd ist ihm das Metier des Musikers nicht. In seinem "ursprünglichen Leben" (Kees) hat er Klavier, Geige und Bratsche gelernt. Die Affinität zur klassischen Musik sei fast zwangsläufig, sagt der 56-Jährige. Schließlich ist er in Bayreuth aufgewachsen und als Statist regelmäßig auf dem "Grünen Hügel" aufgetreten. Die Musik hat in seinem bildnerischen Werk bereits Spuren hinterlassen, als er Opern mit einem Grafitstift in der Hand dirigierte und die Bewegungen aufs Papier übertrug, den Klang in Zeichnungen umwandelte. Er hat auch das Video "Violin" gedreht, in dem eine Geige in einer Presse total zerquetscht wird, ein treffender Kommentar zum Umgang mit Künstlern in Corona-Zeiten.

Im Herbst 2020 erfand Kees als improvisierender Pianist in Ebersberg die "Konzerte 1 zu 1", ebenfalls eine Reaktion auf den Lockdown: ein Musiker und ein Zuhörer, zwei Haushalte. Seine Leidenschaft für die Orgel dagegen pflegte er bislang im Stillen, nur dann, wenn er auf dem Land an einer Kirche vorbeikam und die Orgel frei zugänglich war. "Da setze ich mich hin und improvisiere." Irgendwann entstand die Idee eines 42-sätzigen "Revolutions-Requiem-Zyklus".

Drei der 42 Konzerte hat er bereits absolviert - "zwei davon waren ekstatisch, das dritte eher ein langsamer Satz". In Ebersberg waren 30 Leute da, in Oberndorf "weniger", in St. Gilgen am Wolfgangsee ungefähr 20. Aber es geht nicht um die Zahl der Zuhörer. "Ich spiele auch, wenn niemand kommt. Ich ziehe das durch." Seine Improvisationen dauerten bislang zwischen einer halben und einer Dreiviertelstunde. Aber es ist nicht auszuschließen, dass er irgendwann einmal drei Stunden spielt. "Ich habe kein Problem damit, wenn jemand geht." Bis jetzt seien aber alle geblieben, sagt er dann und wirkt ein wenig überrascht. Womit er ebenfalls nicht gerechnet hat, ist sein Lampenfieber. "Ganz extrem, aber auch gut, da fallen Verkrustungen ab." Bei seinen provokanten Interventionen ist er längst nicht mehr nervös. "Da weiß ich, wie es funktioniert."

Manchmal leidet er inzwischen unter dem Gefühl, die Kunst entwerte sich selbst durch die Menge an Angeboten. Jedes Dorf habe einen Kunstpfad, jedes zweite ein Festival, grantelt er. Nicht, dass er nicht auch zu diesem Überangebot beiträgt - in diesem Jahr veranstaltete er zum zweiten Mal mit dem Kunstverein Ebersberg das ausgezeichnete Arkadien-Festival. "Gelegentlich frage ich mich schon, ob es nicht Zeit für mich wird, Ruhe zu geben?" Aber darüber kann er ja jetzt an der Orgel nachdenken.

Peter Kees: 42 oder Die Weltformel. Ein Revolutions-Requiem-Zyklus. Nächstes Konzert am 7.10., 19 Uhr , St. Gallus, Bahnhofstraße 1, 85643 Steinhöring. Weitere Termine: www.peterkees.de/42.html

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