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Oktoberfest:München, was hat die Wiesn nur mit dir gemacht?

Ein betrunkener Wiesnbesucher auf dem Oktoberfest in München

Sechs Millionen Menschen in 16 Tagen, viele von ihnen betrunken - wie soll eine Stadt das schaffen?

(Foto: dpa)

Auf dem Oktoberfest, wie es heute ist, muss man die Augen so fest vor allem Ekelhaften verschließen, dass man auch das Schöne nicht mehr sehen kann. Zeit, dass sich etwas ändert.

Wenn die Wiesn im Herbst nach München kommt und sich das Stadtleben 16 Tage lang um kaum etwas anderes dreht, dann wäre es eigentlich Zeit auszuwandern. Oder wenigstens Urlaub, weit weg von allem, das wäre schön. Aber wer in der Innenstadt wohnt und nicht einfach davonfliegen kann - aus familiären, beruflichen oder finanziellen Gründen -, der ist der Wiesn jedes Jahr aufs Neue ausgeliefert. Es ist ja nicht so, dass es reichen würde, nicht hinzugehen. Dass man das Oktoberfest einfach ignorieren könne, ist eine Utopie.

Da wären die Menschen überall in den U- und S-Bahnen, die nur noch halbwegs bei sich sind. Sie schwellen zu einer solch großen Menge an, dass alles im öffentlichen Nahverkehr zur Zerreißprobe wird. So steht man da, eingequetscht zwischen schwankenden Gestalten, die einem ihren feuchten Bieratem entgegenhauchen, und man möchte nur noch weg. Weg aus dieser Stadt. Oder wenigstens heim.

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Das eigene Zuhause wird zum Fluchtpunkt, zum Versteck. Aber selbst das funktioniert nicht, ist der Nachbar doch in den Urlaub geflogen und hat sein Zimmer für 1000 Euro die Woche an Wiesn-Besucher untervermietet. Und da stehen dann fünf Männer in Lederhose um ein Uhr nachts vor der eigenen Wohnungstür, kratzen an ihr herum, klopfen auf sie ein und haben die Hoffnung, sie würde sich doch noch öffnen. Wenn man dann entnervt aufmacht, fragen sie einen, warum denn bloß der Schlüssel nicht passt. Vielleicht einfach, weil sie die Tür nebenan gemeint haben.

Ja, als Münchner, der im direkten Umfeld des Oktoberfests wohnt, ist man hart gestraft. Das eigentliche Problem ist, dass den Menschen während der Wiesn nicht mehr zu trauen ist. Nichts ist so unberechenbar wie derart beängstigend viele Menschen in einem derart beängstigenden Trunkenheitszustand.

Manche parken ihr Auto, das Motorrad oder die Vespa gleich zwei Kilometer weit weg, aus Angst, es könnte zerkratzt oder umgestoßen werden. Der Fußmarsch jeden Morgen und Abend wird dafür dann willig in Kauf genommen. Doch dieser Weg führt einem noch mal vor Augen, als ob die letzte Nacht nicht schon genug gewesen wäre, wie sich diese schöne Stadt durch die Wiesn verändert. Betrunkene, die einem morgens mit Bierglas in der Hand entgegenwanken. Kleine Kotzhügelchen, an denen man besser vorbeisteigt, wenn man das Oktoberfest nicht auch noch an seinem Schuh kleben haben möchte. Zur Arbeit fährt man dann lieber besonders aufmerksam, denn es könnte ja sein, dass aus der nächsten Autoreihe heraus gleich die nächste Lederhose auf die Straße fällt.

Jeden Wahnsinn in München macht die Wiesn wahnsinniger. Also auch die Mieten. Denn sie bringt nicht nur bei Wiesngängern die schlechteste Seite zum Vorschein. Wenn Menschen ihre Zimmer räumen, um in dieser Zeit das Doppelte ihrer Miete zu kassieren, dann finden Studenten, die zum Semesteranfang gerade neu in die Stadt kommen, überhaupt keine Wohnung mehr.

Die Stadt muss schauen, dass sie kein Minus macht

Ohnehin ist dieses sogenannte Volksfest nichts für das gemeine Volk. Das zeigt sich auch an den Preisen, die das Oktoberfest mit sich bringt. Welches Volk gibt denn elf Euro für eine Mass aus? Und für noch eine. Und noch eine. Und noch eine.

Die Wiesn ist übrigens auch keine solche Gelddruckmaschine, wie viele glauben. Zumindest nicht für die Stadt. Die gibt immer mehr Geld für Sicherheit, Polizei oder Sanitäter aus, mehr als neun Millionen Euro waren es zuletzt. München muss sich strecken, um dann wenigstens kein Minus zu machen. 2017 zum Beispiel ging die Kalkulation gründlich schief. Gut sechs Millionen Euro nahm die Stadt da an Pachten ein, also deutlich zu wenig, um die Kosten zu decken. Daher hat sie die Umsatzpacht 2018 angepasst, um auf keinem Minus sitzenzubleiben. Die Wiesnwirte fanden das natürlich weniger gut. Man werde dafür benachteiligt, "dass Oktoberfestzelte nicht so viel abwerfen, wie die Allgemeinheit unterstellt", klagte einer.

Oktoberfest Auf der Wiesn werden Männer zu Urmenschen
München 2018

Auf der Wiesn werden Männer zu Urmenschen

Ist es der Alkohol? Oder bloßes Imponiergehabe? Auf der Wiesn machen viele Männer ein paar Schritte zurück auf der Evolutionsleiter. Damit lässt sich hervorragend Geld machen, wie zwei Studenten gezeigt haben.   Kolumne von Benjamin Emonts

Wenn also die Stadt nicht so viel von der Wiesn hat, wie man meinen könnte, und selbst die Wiesnwirte sich beschweren, dann hier ein kühner Vorschlag: Lassen wir das ganze Spektakel doch einfach bleiben. Wir haben es jetzt eine ganze Weile ausprobiert, 185 Versuche, jetzt ist dann auch mal wieder gut. Wenn etwas so ausartet, muss man doch vielleicht mal das Konzept überdenken.

Dann würde man im Ausland vielleicht auch etwas anderes zu hören bekommen. Wenn man sagt, dass man aus München kommt, heißt es bisher immer: "Munich. Oktoberfest. Yeeeaah." Oktoberfest kennt jeder. Oktoberfest hat sich eingeprägt. Aber verdammt, München ist mehr als die Wiesn. München ist toll. Die Münchner sind toll. Nur nicht die Wiesn. Nicht so, wie sie geworden ist.

Warum nicht mal über eine Obergrenze reden?

Denn im Grunde genommen ist die Wiesn mittlerweile nichts als ein enthemmtes Volksbesäufnis geworden, bei dem Männer ungeniert auf halbnackte Brüste starren können und Frauen in chinesischen Minirock-Trachten so tun, als hätte ihr Outfit etwas mit Tradition zu tun. Bei dem 600 Polizisten, 50 Ärzte und noch mal 600 Sanitäter im Einsatz sind, um sich um eine Masse zu kümmern, die sich selbstverschuldet in Alkoholvergiftungszustände getrunken hat, für deren Behandlung am Ende die Stadt und die Krankenkassen aufkommen müssen.

Hinzu kommt, dass Menschen auf diesem Fest anscheinend auf dumme Gedanken kommen, die sie sonst vielleicht nicht gehabt hätten. Oder warum ist jedes Jahr erneut von den sogenannten Wiesn-Grabschern die Rede? Täglich liest man im Polizeibericht von Körperverletzungen, von Sexualstraftaten, Diebstählen und Trunkenheitsfahrten. Nach nur einer Woche ist dieses Jahr ein Mann tot.

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Nirgendwo liegen Knutschen und Kotzen so nah beieinander

Das Hofbräuzelt auf der Wiesn ist das Epizentrum der Eskalation. Die Party ist ekelhaft und abstoßend, aber auch weltoffen und mitreißend.   Von Benjamin Emonts

Solche Ausschreitungen lassen sich nicht verhindern? Nun gut, ein Vorschlag, um zurückzukehren zu einem Volksfest, das einfach nur schön ist: Wollen wir nicht mal über eine Obergrenze für das Oktoberfest reden? München muss in 16 Tagen sechs Millionen Menschen aufnehmen, die größtenteils nicht nüchtern bleiben. Warum keine Obergrenze für Betrunkene, die München verkraften kann? Ist eh nicht durchsetzbar? Vielleicht, aber wir können ja mal darüber reden.

Gewiss: Zur Wiesn werden wir aus unserem Alltagstrott gerissen, weil alles für 16 Tage ein bisschen anders läuft. Aus der Reihe der Dinge, die uns in letzter Zeit aus dem Takt gebracht haben, ist die Wiesn bei Weitem noch der verträglichste Aufruhr.

Und klar, die allermeisten feiern friedlich und fröhlich. Es gibt die Frauen, die ihre viel zu betrunkene Freundin sicher nach Hause bringen. Ebenso wie es die Männer gibt, die heldenhaft dazwischengehen und sich für einen Abend als Freund einer Frau ausgeben, wenn ein Betrunkener einfach nicht kapieren will, dass sie kein Interesse hat. Aber warum muss das überhaupt sein? Warum müssen wir das überhaupt hervorheben? Das sollten doch die Grundlagen anständigen Verhaltens sein.

Wenn alle sich so verhalten würden, wenn die Wiesn ein richtiges Volksfest wäre, also ein Fest für das Volk, dann gäbe es gar nichts mehr gegen sie einzuwenden. Gut gelaunte Menschen, ein kühles Bier, Lieder, zu denen man hin und her schunkeln kann, Menschen aus der ganzen Welt, die man an einem Ort trifft. Zwischen den Zähnen knacken die gebrannten Mandeln und dann dreht man noch eine Runde auf dem Kettenkarussell, lässt die Beine baumeln, strahlt und fühlt sich für einen Moment, als könnte man fliegen.

Es gibt die schönen Seiten, aber man kann sie kaum erkennen

Kein Exzess. Nur eine leichte, noch kontrollierte Trunkenheit. Preise, die sich auch Senioren leisten können, ohne auf die Plätze auszuweichen, die in diesem Jahr tatsächlich für bedürftige ältere Menschen eingerichtet wurden. Einfach nur ein schönes Fest. Wäre das nicht toll? Für Münchner, für Menschen aus aller Welt und selbst die, die als Anwohner ganz nah dran wohnen?

Natürlich gibt es dieses schöne Fest schon längst. Und tatsächlich auch auf der Wiesn. Aber eben nicht nur. Auf dem Oktoberfest, wie es heute ist, muss man die Augen so fest vor allem Ekelhaften verschließen, dass man auch das Schöne nicht mehr sehen kann.

Es sei denn, man schaut der Wiesn vom Büro aus zu, aus der Ferne. Von oben, aus dem Hochhaus, erscheint sie so richtig schön. Wenn die Sonne untergegangen ist, der Himmel rötlich schimmert und in der anbrechenden Dunkelheit das Festgelände leuchtet. So friedlich tanzen die vielen Lichter durch den Abendhimmel, so schön dreht sich das Riesenrad, irgendwo schwenkt der Arm des XXL-Racers, der das XXL doch gar nicht bräuchte. Das Gekreische ist weit weg. Die Grabscher sind weit weg. Die besinnungslos Besoffenen sind weit weg. Da ist einfach nur ein friedliches Leuchten. So ist die Wiesn schön. So könnte man sie fast liebgewinnen. Wenn nur der Heimweg in die Innenstadt nicht wäre.

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