Oktoberfest-Anwohner:"Brüllt nicht die ganze Straße zusammen, wenn ihr nach Hause lauft"

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Oktoberfest-Anwohner: Wenn es zu laut wird in der eigenen Wohnung, läuft Valentin Schlagheck schnell auch mal rüber auf die Theresienwiese und feiert mit.

Wenn es zu laut wird in der eigenen Wohnung, läuft Valentin Schlagheck schnell auch mal rüber auf die Theresienwiese und feiert mit.

(Foto: Robert Haas)

Einkaufen wird zur Herausforderung, Nachbarn verlassen die Gegend - und wohin am besten mit dem Auto? Valentin Schlagheck lebt seit 24 Jahren in einem Haus an einer Durchgangsstraße zum Oktoberfest. Über 17 Tage Ausnahmezustand - und warum er trotzdem gerne dort wohnt.

Von Dilara Rix

Valentin Schlagheck wohnt in einem schönen, gepflegten Altbau - und er ist ziemlich gut abgeschirmt von der Außenwelt. Eine dichte, hohe Hecke, ein Gartentor, das mehr als zwei Meter misst, und dahinter gleich noch ein zweiter, kleinerer Zaun vor Fahrradständern und dem Garten. Schlagheck lebt in diesen Tagen in einem Ausnahmezustand. Er ist direkter Anwohner der Theresienwiese. Aber während viele Nachbarinnen und Nachbarn des Oktoberfestes sich bitter beklagen über den Lärm, den vielen Verkehr und Betrunkene, die herumpöbeln oder gar im Hauseingang liegen, wirkt er ziemlich entspannt. "Was soll man machen, das gehört halt dazu", sagt der 30-Jährige. Vielleicht ist es ja der robuste Zaun, der sein Nervenkostüm stärkt.

Valentin Schlagheck wohnt hier, in einer der Durchgangsstraßen zur Wiesn, seit 24 Jahren. Er ist es gewohnt, dass gut zwei Wochen im Jahr sich Menschen in Tracht dicht an dicht vom U-Bahn-Ausgang Goetheplatz zur Festwiese drängen. In den absonderlichsten Zuständen, manchmal die halbe Nacht lang. "Mich stört das nicht, mir ist die gute Lage wichtig", betont er.

Einige der Nachbarn in seinem Haus fahren extra zwei Wochen lang weg, um dem Getümmel zu entfliehen. Nicht Valentin Schlagheck. Denn er selbst geht "sehr gerne und regelmäßig" auf die Wiesn. Auch seine Geschwister, die hier aufwuchsen, haben eine enge Bindung zum größten Volksfest der Welt. Seine Schwester arbeitet dort zurzeit in einem Würstlstand und sein Bruder als Schankkellner.

Wenn die Zelte zumachen, kommen alle noch schnell auf einen Absacker zu ihm

Am liebsten geht Schlagheck mit einer großen Gruppe von Freunden ins Zelt. Nicht jeden Tag, aber recht häufig. Und nun versteht man, warum er die gute Lage seiner Wohnung so hervorhebt: Wenn die Zelte zumachen, kommen alle noch schnell auf einen Absacker zu ihm. Wer es dann mal nicht mehr nach Hause schafft, muss sich um ein Dach über dem Kopf keine Sorgen machen. Wie praktisch.

In seiner Wohnung hört man auch bei geschlossenen Fenstern den Lärm von der Straße und von der Theresienwiese. "Am lautesten sind die Schreie von den Fahrgeschäften", sagt der 30-Jährige. Da helfe dann alles nichts, sagt er mit einem Lächeln. Dann gehe er halt rüber und fahre selbst kurz eine Runde High Energy oder Riesenrad.

Dann, gegen Mitternacht, wird es auch in Schlaghecks Wohnung leiser. Nur die Nachzügler, die ganz spät in der Nacht sternhagelvoll und pöbelnd durch die Straße liefen, die störten ihn dann doch, sagt er. "Vor allem, wenn sie einen Schlager grölen, der einen eh schon den ganzen Abend als Ohrwurm quält.

Das Auto sollte man sicherheitshalber in der Tiefgarage parken

Schon um fünf Uhr morgens geht es weiter in der sonst so beschaulichen Seitenstraße: Die lauten Kehrmaschinen rücken an. Wenigstens sind die Straßen sauber, wenn man nach einer manchmal durchwachten Nacht das Haus verlässt. 24 Jahre Erfahrung als Nachbar der Wiesn haben aus Valentin Schlagheck auch einen Einkaufsprofi gemacht. Am besten nicht am Wochenende, denn da ist es zu voll. Und am besten nicht in der direkten Nachbarschaft, denn da ist es zu teuer. Viele Händler schraubten die Preise hoch. "Leberkäs-Semmeln kosten hier wesentlich mehr als sonst, aber dann esse ich halt in den zwei Wochen keinen Leberkäs", meint er. Noch ein Tipp vom Profi: Wer mit dem Auto wegfährt, sollte es danach dringend in die Tiefgarage bringen, zu oft würden Seitenspiegel weggetreten.

Die Stadt kümmert sich zwar um die Reinigung, ansonsten sind die Anwohner auf sich selbst gestellt. Was Schlagheck von dem Vorschlag hält, einen Entschädigungsgutschein für Anwohner einzuführen? "Das wäre sicherlich eine nette Geste, vor allem für die Nachbarn die sich vom Oktoberfest wirklich gestört fühlen."

Ob er gerne woanders wohnen wollen würde? "Auf keinen Fall!" Auf der sonst so leeren großen Fläche vor seiner Haustür geht er regelmäßig Joggen oder zum Inlineskaten. Einen Wunsch an die Wiesn-Besucher hat der junge Mann dann aber doch: "Brüllt nicht die ganze Straße zusammen, wenn ihr nach Hause lauft." Aber, schränkt er dann gleich wieder ein: " Die meisten tun das heuer eh nicht. Das ist eher die Ausnahme."

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