Wirtshauswiesn in München:Fast schon wieder eine eigene Tradition

Wirtshauswiesn in München: Beglückt über die neue Wirtshauswiesn: Wiesn-Wirte-Sprecher Peter Inselkammer (links) und Gregor Lemke, Sprecher der Münchner Innenstadtwirte, mit dem Münchner Kindl.

Beglückt über die neue Wirtshauswiesn: Wiesn-Wirte-Sprecher Peter Inselkammer (links) und Gregor Lemke, Sprecher der Münchner Innenstadtwirte, mit dem Münchner Kindl.

(Foto: Florian Peljak)

Oktoberfestdeko, Wiesnbier und volkstümliche Livemusik - das gibt es zur Oktoberfestzeit auch dieses Jahr nicht nur auf der Theresienwiese. 39 Wirtshäuser in der Innenstadt und drumherum laden parallel wieder zur Wirtshauswiesn. Was genau geplant ist.

Von Franz Kotteder

Es soll ja nicht wenige Münchnerinnen und Münchner geben, für die das eine handfeste Drohung ist: "Ganz München ist Wiesn!" Ist aber keine Drohung, sondern die Devise der Münchner Innenstadtwirte, die in diesem Jahr schon zum vierten Mal ihre "Wirtshauswiesn" abhalten - zur selben Zeit wie das normale Oktoberfest auf der Theresienwiese, also in diesem Jahr ganze 18 Tage lang, vom 16. September bis zum 3. Oktober. Was bedeutet: In den 36 teilnehmenden Gaststätten gibt es eine besondere Oktoberfestdeko, spezielle Lebkuchenherzen, selbstverständlich auch Wiesnbier in Masskrügen und fast überall auch besondere Wiesnschmankerl vom Hendl bis zur großen Wiesnbrezn.

Am Donnerstagmittag stellten die Wirte ihr Programm im Weinhaus Neuner an der Herzogspitalstraße vor, einem der drei neuen Mitglieder des Vereins der Münchner Innenstadtwirte. Und ein Traditionslokal obendrein, denn das Weinhaus gibt es bereits seit 1621. Also fast 190 Jahre länger als das Oktoberfest, das 1810 zum ersten Mal stattfand, anlässlich der Hochzeit des damaligen Kronprinzen und späteren Königs Ludwig I. mit der Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen. Damals bestand die Attraktion noch aus einem Pferderennen, zu essen und zu trinken gab es hingegen nur in den Wirtshäusern der Stadt. Dorthin zogen die Feiernden nach den Rennen.

Die Münchner Innenstadtwirte und die Wiesnwirte nahmen dies 2020 zum Anlass, während der Corona-Pandemie diese Ausflugstätigkeit wiederzuentdecken. Die Wirtshauswiesn war erfunden, so ließ sich auch mit Abstandsregeln bei Bier und Hendl feiern. Und auch Dirndl und Lederhose mussten wegen des Verbots des alljährlichen Trachtenfaschings in den Bierzelten nicht in den Kleiderschränken bleiben. Glück im Unglück, sozusagen.

Auch in diesem Jahr darf man seine Tracht - oder das, was man dafür hält - wieder in den 39 teilnehmenden Gaststätten ausführen. Ein Zwang besteht natürlich nicht, es gibt ja keine Kleiderordnung analog zum P1, in das man früher zum Beispiel als Träger einer billigen Trevirahose nicht hineinkam. Drinnen erwartet einen in vielen Wirtshäusern auch Livemusik, in aller Regel volkstümliche Blasmusik in kleinerer Besetzung. Bei der Programmvorstellung im Weinhaus handelte es sich dabei um das Trio Bayrisch Extrem, das sogar extra ein Alphorn mitgebracht hatte. Das gehört nicht zum Standard für Wirtshausmusikanten, wer es trotzdem hören möchte: "Wir spielen bei der Wirtshauswiesn jeden Tag im Andechser am Dom!"

Wirtshauswiesn in München: Das haben nicht alle Wirtshausmusikanten dabei: Das Trio "Bayrisch Extrem" beeindruckte mit Alphorn.

Das haben nicht alle Wirtshausmusikanten dabei: Das Trio "Bayrisch Extrem" beeindruckte mit Alphorn.

(Foto: Florian Peljak)

Gregor Lemke vom Augustiner Klosterwirt und Sprecher des Vereins der Innenstadtwirte freute sich, dass nicht nur die 36 Mitgliedsbetriebe "vom Gourmetlokal bis zum Café und zum größten Wirtshaus der Welt mit dabei sind, sondern auch unsere Freunde vom Augustinerkeller, vom Löwenbräukeller und vom Ayinger in der Au". Mittlerweile habe sich die Wirtshauswiesn fast schon zur Tradition entwickelt. Und auch wenn es Oktoberfestkopien weltweit gebe, "so etwas wie wir hier haben, das gibt es sonst nirgends".

Peter Inselkammer, Sprecher der Wiesnwirte und mit dem Ayinger am Platzl sowie dem Ayinger in der Au selber Teilnehmer der Wirtshauswiesn, pflichtete ihm bei: "Die Wirtshauswiesn hat sich etabliert. Nächstes Jahr haben wir schon Fünfjähriges, damit ist sie fast schon Brauchtum." Da muss er selber ein bisschen lachen.

Ob es manche Neukreationen zur Wirtshauswiesn zum Brauchtumsstatus bringen, bleibt noch abzuwarten. Karl-Heinz Wildmoser, der sonst am Marienplatz sein Restaurant-Café im früheren Gasthaus Zum Ewigen Licht hat, präsentiert in seinem italienischen Lokal Pizzarei am Dom zum Beispiel eine "Wirtshauswiesn-Pizza", der Belag ist noch geheim. Und der Schnitzelwirt im Spatenhof hebt ein "Wirtshauswiesn-Cordon bleu" auf die Karte: ein Schnitzel, gefüllt mit Obazdem, Speck und Zwiebeln. Gerichte, mit denen man sich nicht unbedingt Freunde macht, zumindest nicht unter kulinarischen Puristen.

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