Festival in Murnau:Freundschaftsdienst am Dichter

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Festival in Murnau: Gabi Rudnicki und Georg Büttel sind die Vorsitzenden der Ödön-von-Horváth-Gesellschaft und die Macher des Festivals.

Gabi Rudnicki und Georg Büttel sind die Vorsitzenden der Ödön-von-Horváth-Gesellschaft und die Macher des Festivals.

(Foto: Christian Kolb/Ödön-von-Horváth-Gesellschaft)

"Trau! Schau! Wem?" lautet das Motto der diesjährigen Murnauer Horváth-Tage. Geplant sind Theater, Lesungen und Gespräche.

Von Sabine Reithmaier, Murnau

Ein funktionierendes Netzwerk ist etwas Feines, vor allem wenn dadurch so ein hochkarätiges Festival wie die Murnauer Horvath-Tage entsteht. Dessen künstlerischer Leiter Georg Büttel drückt das natürlich viel poetischer aus. "Freundschaft und Inhalt vereinen sich hier zu einer wunderbaren Mischung", sagt er. Wohl wahr. Bereits seit 1998 erinnert die Ödön von Horváth-Gesellschaft im dreijährigen Turnus an den Namensgeber. Immer mit eigenen Theaterinszenierungen, Lesungen, Gesprächen und Kooperationen mit anderen Institutionen, dieses Mal unter dem Motto "Trau! Schau! Wem?". Immer spielen auch Menschen mit, die sowohl zu Horváth als auch zu Büttel eine besondere Beziehung haben.

Sebastian Bezzel zum Beispiel, allerorten bekannt als der Eberhofer Franz aus den Rita-Falk-Verfilmungen, trat in Murnau schon 2001 auf, als Protagonist in Büttels erster Solostückfassung von Horváths "Ein Kind unserer Zeit". Dieses Mal gestaltet er gemeinsam mit der Schauspielerin Johanna Wokalek einen Abend über das Leben des Schriftstellers, kombiniert Texte aus Briefen, Postkarten und Telegrammen mit Auszügen aus bekannten Stücken und Prosatexten (12.11.). Bezzel und Büttel kennen sich aus Garmisch-Partenkirchen, dort sind beide geboren. 1994 fanden sie sich, bereits in München, mit zwei anderen Freunden zur Kabarettgruppe "Kummerspiele" zusammen. Als einer der Kabarettisten ausstieg, stieß Christoph Süß zur Truppe. Logisch, dass auch der Kabarettist und Fernsehmoderator auf dem Festival vertreten ist, moderiert er doch regelmäßig die Eröffnungsgala, in der der Ödön-von-Horváth-Preis verliehen wird (11.11.).

Nach Felix Mitterer (2013), Edgar Reitz (2016) und Josef Hader (2019) erhält diese Auszeichnung heuer Sir Christopher Hampton. Der britische Dramatiker, Übersetzer, Drehbuchautor, Regisseur und zweimalige Oscar-Preisträger ist ein profunder Horváth-Kenner, übersetzte und adaptierte zahlreiche Stücke Horváths für das britische und amerikanische Theater. Er komme aber zum ersten Mal nach Murnau, versichert Büttel. Anders als der Vor-Preisträger Josef Hader, der mit seinem aktuellen Solo-Programm "Hader on Ice" bei den Tagen gastiert (ausverkauft). Auch er war schon 2001 da, unter anderem mit einer Kabarettnummer über den Pariser Ast, der Horváth 1938 erschlug. Nach diesem todbringenden Ereignis sitzt der Autor - zumindest im literarisch-musikalischen Gastspiel der Deutschen Bühne Ungarn (20.11) - in einem Warteraum zum Himmel und unterhält sich mit ungarischen Zeitgenossen über Gott, die Welt und europäische Kriege.

Festival in Murnau: Karl Kraus' "Letzte Tage der Menschheit" ergänzt als Szenencollage das Programm.

Karl Kraus' "Letzte Tage der Menschheit" ergänzt als Szenencollage das Programm.

(Foto: Thomas Bruner)

In der Realität lebte der Schriftsteller von 1924 bis 1933 in Murnau, wohnte dort überwiegend im Landhaus seiner Eltern und entdeckte im Ort die Vorbilder für manche seiner Figuren. Seinen 1927 gestellten Antrag auf die bayerische Staatsbürgerschaft lehnte die Regierung von Oberbayern ab, vermutlich weil der 26-jährige ungarische Diplomatensohn als Schriftsteller kein regelmäßiges Einkommen vorweisen konnte. In Murnau entstand auch die Komödie "Zur schönen Aussicht", die sich 15 Jugendliche des Staffelsee-Gymnasiums in einer freien Inszenierung angeeignet haben (5./16. 11.).

Da auch Horváths Zeitgenossen regelmäßig im Festival auftauchen, passt Karl Kraus' Meisterwerk "Die letzten Tage der Menschheit" gut ins Konzept. Büttel hat die Szenencollage mit ihrer Fülle an fiktiven Dialogen und authentischen Zeitungsfundstücken bereits im Vorjahr im Münchner Teamtheater inszeniert, in Murnau ist die Aufführung zweimal zu sehen (17. und 19.11.).

Nicht zu vergessen sind natürlich auch die zweiteiligen "Horváth-Gespräche", die diverse Aspekte im Werk des Autors wissenschaftlich beleuchten. Oder das Graphic Novel Live Theater, das eine Expedition durch drei Horváth-Stücke unternimmt. Und noch vieles mehr. Am besten hingehen und zuschauen.

Trau! Schau! Wem? Murnauer Horváth-Tage, 11. - 22. November, an verschiedenen Spielstätten in Murnau. Infos: www.horvath-gesellschaft.de

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