Ochsengarten Aus Liebe zum Leder

Der Ochsengarten in der Müllerstrasse: Treffpunkt der Lederliebhaber in der Schwulenszene.

(Foto: Stephan Rumpf)

Klub für Kerle: Der Ochsengarten in der Müllerstraße hat seit Jahrzehnten einen bundesweiten Ruf in der Schwulenszene. Er war das erste Fetischlokal Deutschlands, Mottonächte gibt es auch heute noch.

Von Sabrina Ebitsch

Der Ochsengarten ist eine Trutzburg, wenn auch eine kleine, bewehrt mit schwarz verklebten Fensterscheiben und zwei dem traditionsreichen Namen angemessenen Hörnern, die er im Wappen oder vielmehr Logo trägt. Eine Enklave des angenehm Verschmuddelten ist er in der Müllerstraße inmitten von Bars mit Glasfronten und Apple Pie Martini und Agenturen und Nagelstudios.

Im Ochsengarten gibt es nichts mit Apfelaroma, keine leichten kleinen Gerichte und keine Panoramafenster. Es gibt gar kein Tageslicht. Im Ochsengarten gibt es eine Einrichtung, von der nicht einmal der Wirt weiß, wie alt sie ist, eine Holzverschalung an den Wänden, wie man sie aus Partykellern in Einfamilienhäusern kennt, und ein paar leicht oder vielmehr schwer mit Leder, aber nicht allzu viel davon, bekleidete, muskulöse Männer an den Wänden.

Klub für Kerle

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Die Plakate, auf denen die papiergewordenen Traummänner des Ochsengarten-Publikums zu sehen sind, stammen aus London, Chicago und Los Angeles, sind vergilbt und haben fast historischen Wert. Wie der Ochsengarten selbst, der mit 44 Jahren Deutschlands älteste Lederkneipe ist. Damals, erklärt Wirt Fridolin Steinhauser, habe es keine schwulen Reiseführer gegeben, da hat sich die Szene die Adressen und Plakate mit einschlägigen Lokalitäten um den halben Globus postalisch zukommen lasen.

Steinhauser sitzt in seiner Kneipe und sieht mit der Hornbrille, in seiner Cordhose und seinem Karohemd so ganz anders aus als die Männer an der Wand hinter ihm. Manchmal, erzählt er, werde er ja schon gefragt, was aus seiner Figur geworden sei. "Aber das ist 40 Jahre her." Steinhauser war fast von Anfang an im Ochsengarten dabei, zumindest seit seiner Neueröffnung als Lederkneipe, ist mit dem Laden und seiner Kundschaft alt geworden.

Bevor der Ochsengarten eine Nische füllte und zur Institution im Gärtnerplatzviertel und in der Schwulenszene wurde, war hier nicht mehr viel los. Einst als Biergarten für die Bauern und Händler gegründet, die hier Ochsen kauften und verkauften und der Wirtschaft ihren heute noch immer irgendwie passenden Namen gaben, war in den 1950er und 1960er Jahren ein Treffpunkt für die Damen, die auf dem Straßenstrich in der Müllerstraße ihr Geld verdienten.

Als im damaligen Rotlichtviertel allmählich das Licht ausging, übernahm die Bedienung Gusti die Wirtschaft von ihrem Chef - und hatte den richtigen Riecher: Sie machte aus der Wirtschaft einen Treffpunkt für die schwule Szene und damit eine kleine Revolution. Augusta Wirsing machte aus dem Ochsengarten das, was er heute ist.

"Das war schon eine Person, ein Unikum", sagt Steinhauser und lacht. Er wiederum stand jahrelang unter ihrer Ägide hinter der Bar. Nachdem er, aus einem kleinen Dorf im Allgäu kommend, hier eine neue Heimat gefunden hatte, sagte die Gusti zu ihm, wenn er eh schon jeden Abend hier sei, könne er auch arbeiten. Was Steinhauser dann auch tat, mit 24 fing er im Ochsengarten an. "Die Gusti ist meistens nur dagehockt, hat ihren Spaß gehabt und sich mit den Leuten unterhalten", sagt Steinhauser. Bedient haben er und andere junge Kerle, weil "das zieht natürlich".

Die Gusti habe sich nicht nur Schnaps um Schnaps ausgeben lassen, sondern auch keine Cola ohne Schnaps dazu verkauft. Und wenn es besonders lustig zuging, dann habe sie auch schon mal die Bluse hochgehoben, wohlwissend, dass das hier mehr Aufführung als Verführung war.

"Die Gusti hat halt dazugehört, mit Sex hatte das bei ihr nie was zu tun", fast sei sie das Maskottchen der Münchner Lederszene gewesen, sagt Steinhauser und es klingt wie ein Ehrentitel. Die Gäste, die sonst bei Damenbesuch eher verstimmt reagieren, hatten mit ihr kein Problem und sie hatte, lange bevor Paragraf 175 abgeschafft wurde und noch länger bevor zwei Männer Hand in Hand durchs Viertel gehen konnten, kein Problem mit Schwulen. Dass hier eine Wirtin den Laden geführt hat, mag den Ochsengarten auch vor Repressionen geschützt haben.

Und der Laden lief. Mit einem "erlesenen Publikum", wie Steinhauser sagt, mit Doktoren und Professoren, die hier nur einen Vornamen hatten. Zu den Hochzeiten sei Freddie Mercury Stammgast gewesen, wenn er in München war. Unscheinbar sei er gewesen, sagt Steinhauser: "Er hatte die Lederkappe tief ins Gesicht gezogen, dunkel war's eh. Wenn man's nicht gewusst hätte... Aber es wäre auch keiner hin und hätte nach einem Autogramm gefragt." Rainer Werner Fassbinder sei immer da gehockt, erzählt Steinhauser und zeigt auf das noch düsterere Hinterzimmer. "Mit Hut im Dunkeln, einsam, er hat wenig mit den Leuten geredet."

Als Gusti nach einem Unfall nicht mehr arbeiten konnte, hat Steinhauser, der eigentlich gelernter Metzger ist, übernommen und nicht viel verändert. "Ich wollte den Ochsengarten als Lederladen weiterführen. Eine Nische, wo die Leute, die das lieben, hingehen konnten", sagt Steinhauser.

Manchmal klingt er, als müsse er all jene beruhigen, die hinter den schwarzen Scheiben und angesichts einiger Dekorationselemente Sodom und Gomorrha vermuten. "Ich weiß gar nicht, was die Leute für eine Meinung haben, was wir hier machen. Man sitzt halt beieinander, knutscht sich nieder." Ganz normale Leute mit ganz normalen Berufen kämen her und trügen auch nicht unbedingt Leder.

"Jeder so, wie er will." Das Leder sei halt ein Fetisch, "jedem Tierchen sein Plaisirchen", sagt er und lacht. Aber ansonsten gehe es darum, jemanden kennenzulernen, wenn auch nicht für die Ewigkeit. "Gesucht hat jeder was, das Glück für zehn Minuten."