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Neue Heimat:Wer das Mittelmeer überlebt, für den ist ein bayerischer See eine Pfütze

Deininger Weiher bei Straßlach, 2016

Vermeintliches Idyll: Im Frühjahr und Sommer 2016 ertranken einige Flüchtlinge in bayerischen Badeseen.

(Foto: Claus Schunk)

Ein entspanntes Verhältnis zu Wasser ist für Geflüchtete kaum mehr möglich. Wie war es eigentlich vorher?

Als ich zum ersten Mal in einen bayerischen See gesprungen bin, bekam ich Angst. Nicht vor dem Wasser, sondern weil Leute mit Hunden zum See kamen: Die Tiere lagen dann am Ufer und ich traute mich nicht mehr raus.

Was ich nicht wusste: Hier in der Region München lernt fast jeder schwimmen, Männer und Frauen, Mensch und Tier. Wahrscheinlich würde hier jeder zweite Haushund das Schwimmabzeichen bekommen. Als die Hunde ins Wasser sprangen, flüchtete ich ans andere Ufer. Wie gut, dass mir meine Eltern Schwimmen beigebracht haben.

Die Freibäder in München haben zwar jetzt zu, dafür gibt es für die kalten Tage Hallenbäder. In Syrien gibt es so etwas praktisch gar nicht. Geschwommen wird deshalb nur im Sommer, streng getrennt nach Geschlecht. In Deutschland dürfen Männer und Frauen sogar im gleichen Becken schwimmen. Wenn ein Syrer ein deutsches Schwimmbad besucht, ist vieles erst mal ungewohnt.

Flüchtlingen wird oft vorgehalten, dass sie sich im Schwimmbad nicht benehmen, es gibt Meldungen von sexueller Belästigung. Wenn man aus Syrien nach Deutschland kommt und plötzlich mit all dieser Freizügigkeit konfrontiert ist, dann mag der ein oder andere das am Anfang falsch verstehen. Und ohne damit irgendwas entschuldigen zu wollen: Die meisten Missverständnisse lassen sich dadurch erklären, dass entschleierte Frauen in Syrien nur im Schlafzimmer vorkommen. Für einen Syrer ist der erste Besuch in einem deutschen Schwimmbad deshalb ein echter Kulturschock.

Syrien ist aber nicht nur ein Land von Chauvinisten und Kriegstreibern, es gibt nicht nur Prüderie, Verfolgung und Gewalt. In meiner Kindheit durfte ich ab und zu am Fluss sein und dort mit anderen spielen.

Dieser friedliche Teil von Syrien gerät bei all den schlimmen Nachrichten der vergangenen Jahre fast in Vergessenheit, auch bei mir. Zuletzt ging es für viele Syrer nicht ums Schwimmen lernen, sondern ums nackte Überleben. Einige meiner Freunde, mit denen ich früher am Fluss gespielt habe, sind auf der Flucht ertrunken.

In Deutschland hört man die Zahlen der Fluchttoten im Radio, während man im Schwimmbad auf seinem Handtuch sitzt. Bis in den Herbst haben sich die Menschen in der Region gesonnt, Fußball in der Wiese gespielt, gelesen oder Musik gehört. An den Seeufern habe ich auch Flüchtlinge gesehen, allerdings wenige.

Der Respekt vor dem Wasser ist groß, und das wäre wohl bei den meisten Einheimischen ähnlich, hätten sie eine lebensgefährliche Seefahrt zwischen der Türkei und Griechenland hinter sich. Ich saß auch in so einem Boot, 20 Plätze für 45 Passagiere, zum Glück ging alles gut.

Ein normales Verhältnis zu Wasser ist kaum möglich

Wer so eine Tortur übersteht, mag entweder kein Gewässer mehr sehen. Der Effekt könnte aber auch ein anderer sein: Wer das Mittelmeer überlebt hat, dem könnte ein bayerischer See wie eine Pfütze vorkommen - vielleicht ein Grund, warum manche die Gewässer unterschätzen. Diesen Sommer gab es immer wieder Meldungen von Flüchtlingen, die in Seen ertrunken sind. Ich selbst war Zeuge, als ein Unglück geschah.

Es war ein Sommertag im Norden von München - ausgerechnet am "Hundesee". Ich lag am Ufer und schaute aufs Wasser hinaus, als ich sah, wie sich an der Oberfläche etwas bewegte. Ich stürmte in den See und erkannte, dass es ein Mensch war, der in Not sein musste. Zusammen mit einigen Kindern zog ich einen Mann aus dem Wasser und drückte ihm das Wasser aus der Lunge.

Wir kamen noch rechtzeitig, der Mann überlebte - ein Nigerianer, ein Flüchtling wie ich. Er blieb nicht im Wasser, weil draußen Hunde bellten, sondern weil ihn der Sog erfasst hatte und er nie gelernt hatte, wie man dagegen anschwimmt.

Mitarbeit: Korbinian Eisenberger

Vier Flüchtlinge, die in ihrer Heimat als Journalisten gearbeitet haben. Nach dem Porträt werden sie regelmäßig eine Kolumne schreiben. Fotografiert auf der Brücke im SZ-Hochhaus.

Mohamad Alkhalaf, 32, stammt aus Syrien. Bis 2015 arbeitete er für mehrere regionale Zeitungen, ehe er vor der Terrormiliz IS floh. Seit der Anerkennung seines Asylantrags lebt er in Kirchseeon.

Die Serie: Zusammen mit drei anderen Flüchtlingen schreibt Alkhalaf für die SZ eine Kolumne darüber, wie es sich in Deutschland lebt und wie sie die Deutschen erlebt. Alle Folgen finden Sie auf dieser Seite.