Das ist schön:Darf's ein bisschen leichter sein?

Ralph Siegel präsentiert sein Zeppelin-Musical. Das Luftschiff wird dabei zum Sinnbild für die Wertschätzung der Kunst in der Krise.

Von Michael Zirnstein, Füssen

Dann hebt er ab und - völlig losgelöst von der Erde ... nein, schwebt nicht Major Tom, sondern ein Zeppelin. Mitten im Festspielhaus Neuschwanstein. Die prall-silberne Flugwurst dreht ferngesteuert ihre Runden über den Köpfen der Gäste. Es ist ein Moment zum Luft anhalten, erhebend, wie in Flegeljahren, als die schwarze Plastikhülle des Solar-Ufos aus dem Yps-Heft tatsächlich von der Sonne erwärmt aufstieg. Die Mini-Hindenburg im Musical "Zeppelin" ist genauso sinnfrei, aber ein feines Gimmick.

Ralph Siegel freute sich wie ein Kind, dass er Dutzenden eingeladenen Freunden und Medienmenschen diese Woche einen Einblick in sein Meisterstück geben konnte. Nach fünf Jahren des Werkelns und Planens und Umplanens ("ein Marathonlauf") wird es nun endlich im Oktober seine Welturaufführung in Füssen haben. Und beweisen: "Dass ich ein paar mehr Dinge im Leben gemacht habe als ,Ein bisschen Frieden' und ,Dschingis Khan'", sagte der Grünwalder Schlagerkönig.

Aber dürfen denn die Musen schon wieder Ihre Leichtigkeit feiern? Jede Zeit hat doch, wie bei einem Expertengespräch der Landtags-Grünen heuer erörtert wurde, ihre "Legitimierungsmythen der Kultur". Damit sind die Erklärungsversuche gemeint, warum die Allgemeinheit für Jux und Tollerei bezahlen soll. Zeppeline sind eine schöne Analogie dafür, wie in der Musical-Präsentation zu hören war: Erst warfen sie kriegswichtig deutsche Bomben auf London ab und demonstrierten nationale Technik-Überlegenheit, dem Erfinder-Grafen schwebten aber Forschungsfahrten zum Nordpol und Übersee-Linienflüge als Gesellschaftsereignisse vor.

Die Kultur ist derzeit ein "Led Zeppelin", sie liegt bleischwer am Boden. Und muss, um förderbar zu sein, Schweres transportieren: Sie soll momentan die Sexualität befreien und gerecht verteilen, die Wirtschaft mit Ideen impfen und ein Bollwerk gegen die Feinde der Demokratie sein. Nur eines soll sie in der Krise nicht: unterhalten. Weil das wäre ja die Söder'sche Sicht, ein lauwarmes Lüftchen, von dem sich die kulturellen System- und Bedenkenträger naturgemäß nicht tragen lassen wollen.

Aber: Auch Leichtigkeit ist eine Kunst, man darf zwischendurch gerne mal über "Das Leben des Brian" im Gärtnerplatztheater lachen oder sich auf "Der Schuh des Manitu" im Deutschen Theater freuen. Wie Operetten-Fürst Ralph Benatzky mal sagte: "Leichtigkeit erringt man nur mit allergrößter Müh." Fragen Sie mal Ralph Siegel! Arbeiteraufstand, Kriegsgetöse, den Juden- und Kulturhass der Nazis, Hindenburg-Katastrophe und Schicksalsfragen hat der Komponist in zwei Erzählsträngen zu einem "Traumschiff der Lüfte" mit - Titanic-Tiefgang - verwoben, vor allem aber in eine echt erhebende Hit-Parade gegossen. Wenn man als Zeuge dem zweistündigen "Auszug" glauben schenken darf: Das wird lang wie ein Luftschiff, aber schön.

© SZ/arga
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