Münchner Sommernachtstraum "Rocker duzen sich ja"

Scooter, Heino, Nena - und sechs Tonnen Feuerwerk: Das Programm des Münchner Sommernachtstraums im Olympiapark klingt nach Bad-Taste-Party, doch das Experiment funktioniert. Und das liegt vor allem an Totenkopf-Heino.

Von Anna Fischhaber

Am späten Abend rempelt der bullige Scooter-Fan aus Thüringen im neonfarbenen Hyper-Hyper-Shirt seine Freunde doch noch an. Eine etwas überdrehte Nena in zerrissenen Jeans und Lederjacke singt gerade eine Punkversion von "Irgendwie, Irgendwo, Irgendwann". Der Mann pogt durch die Menge, die Enttäuschung über den kurzen Auftritt seiner Techno-Helden, sie scheint fast vergessen. Und das liegt nicht nur an Nena, sondern auch an Heino und seiner Haselnuss.

Man könnte den "Münchner Sommernachtstraum" im Olympiapark als ein Experiment betrachten. Neben sechs Tonnen Feuerwerk sollen ausgerechnet Scooter, Heino und Nena die Zuschauer bespaßen. Das klingt nach Bad-Taste-Party, zumal die Fans der drei Altstars so gar nicht zusammenpassen wollen. Da sind die Scooter-Anhänger, manche mit Alufolie im Haar; da sind die nicht mehr ganz jungen Mütter, die zu Nena in ihrer Jugend schwelgen wollen. Und da sind die Heino-Fans im Rentneralter, die den Schlagersänger von Tanztee und Musikantenstadl kennen - und die hier eindeutig in der Unterzahl sind.

Heino und Scooter-Frontmann H.P. Baxxter sehen sich dagegen erstaunlich ähnlich: wasserstoffblondierte Haare, schwarzes Outfit. "Er könnte ja mein Sohn sein", scherzte der Schlagersänger vor dem Auftritt. H.P. lächelte müde. Und noch etwas verbindet sie: Die beiden Männer sind auf dem Höhepunkt ihrer Karriere angekommen. Zumindest gemessen an der Akzeptanz, die ihnen nach so vielen Jahren im Musikbusiness plötzlich aus den Feuilletons entgegenschlägt.

Als erster steigt am späten Nachmittag H.P. Baxxter auf die Bühne, ein Relikt aus der Techno-Steinzeit (Scooter feiern gerade 20-jähriges Jubiläum). Das Olympiastadion ist noch fast leer, es hat immer noch weit über 30 Grad. "Are you ready", brüllt H.P., und "Move your ass". Die wenigen Zuschauer hüpfen zu den wummernden Bässen auf und ab. Als Einheizer hat Baxxter Talent, das muss man dem Mann lassen. Die Nonsens-Parolen, die er ins Mikrofon schreit, sie funktionieren. In München und inzwischen auch bei den Kritikern. H.P. erzählt nun gerne in Interviews, den Dadaismus hinter Zeilen wie "How Much Is The Fish" habe bislang einfach niemand verstanden.

"How Much Is The Fish" spielen Scooter auch in München, dazu viele neue Songs, die alle ziemlich ähnlich klingen. Am Ende seiner Show stimmt H.P. noch einmal "Hyper Hyper" an, vor der Bühne schießen zwei Feuer in den Himmel, die Tänzerinnen, die außer Neonhöschen kaum etwas tragen, wackeln noch einmal über die Bühne. Dann ist der Auftritt nach knapp 40 Minuten wieder vorbei.

Dabei ist H.P. mit seinen 47 Jahren der jüngste von den drei Künstlern an diesem Abend. Und bei den Fans ist er wesentlich unumstrittener als Heino, dessen Name bei den Zuschauern zunächst Buhrufe auslöst.

Ein einziges Fanshirt nur ist in der Masse zu sehen. Ein Geschenk von Kollegen, erklärt der Mann entschuldigend. Da hilft es auch nicht, dass der Moderator den Schlagersänger als größten Rockstar der Welt anpreist. Anders als H.P., der immer nur Nonsens-Techno gemacht hat, bis irgendjemand merkte, dass man seine Musik auch als Kunst verstehen kann, hat der Schlagerveteran mit der Ghettosonnenbrille zum Gegenschlag ausgeholt.