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Münchner Momente:Die Stadt ist zu voll! Die Stadt ist zu leer!

Weihnachtsgeschäft in München, 2017

Die Innenstadt vor ein paar Tagen, kurz vor dem Weihnachtsfest.

(Foto: Florian Peljak)

Mit München verhält es sich ähnlich wie mit gerade angesagten Kneipen - man jammert, dass der Laden so voll ist. Aber eigentlich findet man es auch ein bisschen geil.

Kolumne von Pia Ratzesberger

Die Stadt ist leer. Endlich. Viele Menschen müssten in diesen Tagen ziemlich zufrieden sein, denn während sie sonst zwei U-Bahnen abwarten müssen, bis sie sich wieder in einem Waggon an die Tür drücken dürfen, ist nun in München Platz für die Dinge, für die sonst kein Platz ist. Picknicken in der U-Bahn. Im Zickzack durch das Schwimmbecken kraulen. Im Kinosaal hinlegen. Auf dem Marienplatz zelten. Alles denkbar. Sogar nach zehn Uhr einen Sitzplatz in einer Bar zu finden. Vielleicht auch: zwei.

Das Leben könnte in diesen Tagen also sehr viel leichter sein, aber man vermisst Dinge nun einmal erst, wenn sie nicht mehr da sind. Und so hört man jetzt mancherorts die Frage, wo all die Menschen hin seien. Sei ja keiner mehr da! Sei so leer auf den Straßen! Verbrächten diese Leute die Zeit zwischen den Jahren etwa an einem anderen Ort als München? An einem besseren und schöneren und bezahlbareren? Vor ein paar Tagen war noch die Meldung zu lesen, dass zwar nach wie vor jedes Jahr Tausende Menschen in die Stadt ziehen, aber eben nicht mehr so viele wie zuvor.

Und spätestens jetzt zeigt sich, dass es sich mit München ähnlich verhält wie mit Besitzern von gerade angesagten Kneipen, die jammern, dass ihr Laden so voll ist. Man leidet. Aber eigentlich findet man es auch ein bisschen geil, dass alle herkommen wollen. Während sich manche in den vergangenen Monaten gerne über all die Menschen beschwerten, ist jetzt zu hören: So leer muss es auch wieder nicht sein. Die Frage nach der vollen (oder leeren) Stadt ist das Wetter der Münchner. Sie können darüber immer reden, mit jedem, nur noch zu überbieten von einem damit eng verbundenen Thema: den Wohnungen.

Um dieses Problem anzugehen, wäre jetzt allerdings eine gute Zeit, denn in Vierteln wie dem Glockenbach sind gerade so viele Parkplätze frei, dass man heimlich ein paar neue Häuser hochziehen könnte. Nächste Woche ist es wieder zu voll.

© SZ vom 29.12.2017/ratz
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