bedeckt München 25°

Münchner Kammerspiele:Willkommen in der Horrorküche

Dieser Hamlet an den Kammerspielen ist ein wirklich blutrünstiges Werk. Die Darsteller kippen sich das Kunstblut literweise über die Köpfe.

240 Liter pro Aufführung: So viel Kunstblut fließt während der aktuellen Hamlet-Inszenierung an den Münchner Kammerspielen. Das Rezept dafür kennt nur eine Frau.

Das Blut schmeckt gar nicht schlecht. Ein bisschen beerig, süß und es scheint auch ein Gewürz drin zu sein. Paprika? "Nein". Tomate? "Die kriegen Sie doch nie wieder aus Ophelias Kleid raus." Dagmar Dudzinski nimmt das Probiergläschen zurück, in dem die dunkelrote, dicke Flüssigkeit wabert, und lehnt sich amüsiert zurück. "Ich verrate meine Rezeptur nicht", sagt sie. Ein guter Koch verrät sein Rezept auch nicht.

"Nur so viel: Mein Blut ist zu hundert Prozent aus natürlichen Inhaltsstoffen. Die können Sie alle im Supermarkt kaufen. Und aufessen." Dagmar Dudzinski ist Blutmischerin an den Kammerspielen. Gut, eigentlich ist sie Requisiteurin, das schon seit 29 Jahren. Aber seit November beschäftigt sie vor allem ein großer Auftrag: Wie um alles in der Welt stellt man Blut selbst her? Schlappe 240 Liter hat sich Regisseur Christopher Rüping für seine Hamlet-Inszenierung gewünscht.

240 Liter Blut, die im Laufe jeder Vorstellung auf der Bühne herumgespritzt werden. Müssten die Kammerspiele diese Menge Blut kaufen, wären sie ein Vermögen los, denn ein Liter Theaterblut kostet zwischen 30 und 50 Euro, wären also mehr als 7000 Euro - pro Vorstellung, denn das Theaterblut lässt sich nicht zweimal verwenden. Also fing Dudzinski an zu experimentieren.

Jedes Theater braucht Blut. Ständig wird ja wer aufgeschlitzt, ständig stirbt einer, vor allem die Klassiker der Literatur sind voll von Toten. Zwar scheint die ganz große Blutschleuderzeit am Theater vorbei zu sein, so richtig schocken tut es die Zuschauer - wie Nacktheit auf der Bühne- eben nicht mehr.

Aber so ein paar Fläschlein hat jede Requisite immer im Kühlschrank stehen und bestellt bei Bedarf bei einem der großen Kunstbluthersteller wie Safex, Kryolan oder dem kleinen bayerischen Händler namens Bluat. Da gibt es das Blut in Flaschen und Spritzen zu kaufen, zum Anrühren und in kleinen Beißbeuteln, falls der Held nach dem Kinnhaken noch dramatisch aus dem Mund bluten soll. Aber eben nicht ganz billig.

"Also bin ich in den Supermarkt marschiert und habe mal alles eingepackt, was vielleicht passen könnte", sagt Dagmar Dudzinski. In der Requisite dann mischte sie, rührte, probierte, schmierte, wusch, verwarf wieder alles. Theaterblut muss schließlich einiges können. In erster Linie muss es auswaschbar sein, sonst protestieren die Kostümbildner.

Anders als beim Film, wo einmal beschmierte Klamotten nach dem Dreh weggeworfen werden können, ist ein Kostüm in der Regel eine Maßanfertigung und muss für jede Vorstellung wieder gereinigt werden. Theaterblut muss hautverträglich und im Idealfall auch essbar sein, wenn einem Schauspieler mal ein Schlückchen runterrutscht.

Dagmar Dudzinski ist eine fröhliche kleine Frau. Tatsächlich eher Typ Köchin als vergeistigte Künstlerin. Sie fährt gern Motorrad und sammelt, Überraschung, oft Kräuter im Wald, die sie dann weiterverarbeitet. "Wenn ein Regisseur kommt und sagt, er braucht 240 Liter Blut, ist das einfach nur eine neue Aufgabe", sagt sie. So sei sie stets zuversichtlich gewesen, die richtige Mischung rechtzeitig zu finden.

Einige Blutversionen hat sie verworfen: zu rosa, zu braun, zu dünn, zu dick. Heilerde war in einer frühen Mischung mal drin, flog wieder raus. Gelatine auch. Pünktlich zur Generalprobe aber hatte sie den Dreh raus. Sie wiederholt stolz: "Alles natürliche Inhaltstoffe, nichts Chemisches." Darin liegt auch der einzige Nachteil ihrer Mischung: Sie ist nicht sehr lang haltbar.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite