Wetter in München:Ein Sommer wie von van Gogh

Platzregen in München, 2018

Auf Regen folgt Sonnenschein: In diesem Sommer galt diese Regel ziemlich häufig.

(Foto: Stephan Rumpf)

Ja, es hat in den vergangenen Wochen in München unüblich viel geregnet. Aber es war auch außergewöhnlich warm und sonnig. Für die Natur ist das ein Segen.

Von Thomas Anlauf

Eine Gischtwolke liegt in der Luft, braunes Wasser stürzt über Kaskaden hinab, darüber leuchtet ein wolkenloser Sommerhimmel. Während in der Isar die Wassermassen abfließen und der Hochwasserpegel am Donnerstag wieder unter die erste Meldestufe sinkt, scheint seit Tagen über München die Sonne. Dieser scheinbar widersprüchliche Anblick ist typisch für den bisherigen Sommer: Er war zu sonnig, zu warm - aber auch zu nass.

Das kollektive Gedächtnis beim Wetter trügt wieder einmal in diesem Sommer. Die meisten würden sagen: In München hat es doch dauernd geregnet. Stimmt nicht, sagt, Uwe Zimmermann, Meteorologe beim Deutschen Wetterdienst in München. "Der Juni hat den Sommer gepusht", sagt Zimmermann. Denn der war mit durchschnittlich 19,7 Grad Celsius "außergewöhnlich warm". Verglichen mit der Referenzperiode aus den Jahren 1961 bis 1990 lag die durchschnittliche Junitemperatur in diesem Jahr um 3,2 Grad höher als im langjährigen Vergleichszeitraum. Selbst den aktuelleren Monatsmittelwert für den Juni in den Jahren 1991 bis 2020 braucht der diesjährige Sommerauftakt nicht zu scheuen: Er lag immerhin noch um knapp zwei Grad darüber.

Der heißeste Tag bislang war der 18. Juni. An jenem Freitag stieg das Thermometer auf 32 Grad im Schatten, während Hunderte Menschen auf dem aufgeheizten Marienplatz unter zu Sonnenschirmen umfunktionierten Regenschirmen standen und gegen Antisemitismus demonstrierten. Erst kürzlich hatte Charlotte Knobloch, die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde, gesagt, man hätte die Veranstaltung angesichts der hohen Temperaturen eigentlich absagen müssen. Dabei herrschten an dem Junitag noch nicht einmal Rekordtemperaturen: Im Juni 2013 war es in München sogar 34,4 Grad heiß.

Dazu begann der diesjährige Sommer auch besonders sonnig. 317,4 Stunden lang schien im Juni die Sonne, normal seien 196 Stunden. München übertrifft damit auch die durchschnittliche Sonnenscheindauer in ganz Bayern in diesem Juni, da waren es 275 Stunden - auch viel zu sonnig. Allein im Juni gab es in München 20 Sommertage, also Maximalwerte von mehr als 25 Grad Celsius. Im langjährigen Durchschnitt (1961 bis 1990) waren es nur sieben Sommertage, also fast ein Drittel.

Schutz durch die Isar-Renaturierung

Als am 24. August 2005 eine bis dahin nie gesehene Flutwelle durch München rauschte, hatte die Stadt auch Glück. Zu diesem Zeitpunkt war der südliche Bereich der Isar im Stadtgebiet bereits so renaturiert und umgebaut, dass die Wassermassen nicht noch größere Schäden hinterließen. Damals stieg die Isar in München auf 5,42 Meter, am vergangenen Montag, als die Meldestufe 2 ausgerufen wurde, waren es maximal 3,07 Meter. Im Sommer 2005 hätte nicht viel gefehlt, und die Flut hätte sich in Teile der Altstadt, Untergiesings oder der Au ergossen. Heute geht das Wasserwirtschaftsamt davon aus, dass die Isar 1100 Kubikmeter Wasser pro Sekunde verkraften kann, damals rauschten 1050 Kubikmeter als braune Flut durch München.

Die Renaturierung der innerstädtischen Isar, die genau vor zehn Jahren, im Juni 2011, abgeschlossen wurde, hat den Fluss noch sicherer gemacht. Denn nun können sich Wassermassen deutlich stärker auf den Wiesen am Ostufer ausbreiten, während früher die Hochwasserwellen gefährlich durch das eingezwängte Isarbett donnerten. Den wichtigsten Schutz vor einer Hochwasserkatastrophe bietet aber der Sylvensteinspeicher. Das Wasserwirtschaftsamt Weilheim reguliert die Wassermengen, die von dort in die Isar geleitet werden. Zeichnet sich eine Unwetterlage ab, kann vorzeitig Wasser abgelassen werden, damit während des Starkregens der Speicher wieder aufgefüllt werden kann. Später, wenn das Unwetter durchgezogen ist, lässt das Wasserwirtschaftsamt wieder dosiert Wasser ab. Als am 13. September 1813 eine Flutwelle durch München rauschte, gab es den Damm natürlich noch nicht. Damals starben beim Einsturz einer Brücke etwa hundert Menschen. anl

Aber was ist denn nun mit dem vielen Regen, der die Isar so anschwellen ließ und den Böden nach den trockenen Sommern der vergangenen Jahre endlich wieder Wasser bescherte? "Wenn es geregnet hat, dann gleich viel", sagt Meteorologe Zimmermann. Am 4. Juni beispielsweise prasselten 40 Liter pro Quadratmeter nieder, Ende Juni waren es an fünf Tagen jeweils mehr als 30 Liter.

Vor allem im Juli war es bisher viel zu feucht. Zwischen 1. und 18. Juli fielen 88 Prozent der üblichen Niederschläge, an 15 Tagen gab es in München mehr oder weniger starken Regen. Außerdem war der Monat bis zum 18. Juli zu kühl, das dürfte jedoch mit der derzeitigen Schönwetterperiode wieder ausgeglichen werden. Schuld an dem Juliregen der vergangenen Wochen war laut Zimmermann vor allem eine umgekehrte Omega-Wetterlage, also ein Tiefdruckgebiet, das von zwei Hochdruckgebieten flankiert wird. Das gab es bereits im Mai dieses Jahres.

Zuletzt kam Tief Bernd dazu, das die verheerenden Überschwemmungen vor allem in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz verursachte. München kam hier glimpflich davon, lediglich die Isar stieg in den vergangenen Tagen rasch an und riss sogar am 19. und 20. Juli die zweite von vier Meldestufen mit einem Pegel von mehr als drei Metern. Am Donnerstagabend sank der Pegel bereits wieder deutlich unter zwei Meter.

An der Isar, 2021

Die Meteorologen verzeichneten bislang nicht nur reichlich Niederschlag, sondern auch sehr viele Sonnentage.

(Foto: Robert Haas)

Für die Natur war der feuchte, aber auch sonnige Start in den Sommer ein Segen. "Alles ist grün und blüht", schwärmt Heinz Sedlmeier. Der Geschäftsführer des Landesbunds für Vogelschutz in München vergleicht den Artenreichtum an Pflanzen in der Langwieder Heide mit einem Gemälde: Sie sähe aus, "als hätte sie van Gogh gemalt". In Feuchtwiesen wie der Moosschwaige seien verschiedene Orchideenarten aufgetaucht, darunter das Knabenkraut, das in München eigentlich seit 100 Jahren verschwunden sei. Durch die starken Regenfälle hätten sich an vielen Stellen in Parks und an der Isar große dauerhafte Pfützen gebildet, an denen Stockenten und Blässhühner erfolgreich ihre Jungen aufziehen konnten. Für die Natur sei es bislang "ein Erholungsjahr", auch für die Bäume. Die obere Grundwasserschicht sei nun wieder aufgefüllt, sodass die Wurzeln genügend Wasser bekommen.

Das Reservoir dürfte eine Weile reichen. Wetterexperte Zimmermann rechnet, dass selbst wenn bis Ende August kein Tropfen Regen mehr fallen würde, München genügend Wasser wie in einem Durchschnittssommer abbekommen hätte.

© SZ vom 23.07.2021/kafe, van
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