Kommentar:Verdienstvoller Provokateur

Um auf den oftmals fragwürdigen Umgang mit der NS-Geschichte hinzuweisen, tritt Aktionskünstler Wolfram Kastner Politikern und Behörden oft auf die Füße. Nun wird sein Einsatz endlich belohnt

Von Bernd Kastner

Die Botschaft ist so einfach wie eindeutig: Der 30. April 1945 war und ist für München der Tag der Befreiung. Wenn kommende Woche an öffentlichen Gebäuden weiße Fahnen hängen, die an den Einmarsch der Amerikaner vor 75 Jahren und das Kriegsende erinnern, dann ist das ein gutes Zeichen. München ehrt Frieden und Freiheit.

Diese Aktion in Corona-Zeiten ist dem Aktionskünstler Wolfram Kastner und dem Grafikdesigner Michael Wladarsch zu verdanken. Vor allem für Kastner ist die große Resonanz ein überfälliger Lohn. Seit Jahrzehnten thematisiert er auf seine eigene, provokante Art den Umgang von Politikern und Behörden mit der NS-Geschichte. Er tritt allen auf die Füße, bei denen er Geschichtsvergessenheit diagnostiziert, ganz egal ob Bundeswehr oder Kirche, Stadt oder Staat. Mal spaziert er als Papst verkleidet neben einem Hitler-Imitator durch München, mal bemalt er den Gedenkstein des Nazi-Generals Jodl auf der Fraueninsel mit roter Farbe. Seine Aktionen wirken mitunter holzschnittartig, aber sie regen zum Diskutieren und Erinnern an. Dazu gehört jedes Jahr der Brandfleck auf dem Königsplatz, dem Ort der Bücherverbrennung.

Nun erfährt eine Kastner-Initiative breite Anerkennung. Der SPD-Oberbürgermeister unterstützt sie und die Staatskanzlei des CSU-Ministerpräsidenten. Zu wünschen ist, dass auch viele Bürger weiße Tücher aus ihren Fenstern hängen und so den 30. April zu einem Feiertag der Demokratie machen.

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