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Millimeterarbeit an der zweiten Stammstrecke:Wie eine 1350-Tonnen-Brücke an ihre Position geschoben wird

Der 1350 Tonnen schwere Stahlkoloss wird auf einem Schlitten mit sechs Metern pro Stunde an seine Position am S-Bahnhof Hirschgarten geschoben.

(Foto: Robert Haas)

Eine neue Brücke überspannt die Bahntrasse am Hirschgarten. Sie wird einmal zur zweiten Stammstrecke gehören - dient aber zunächst einem anderen Zweck.

Von David Wünschel

Auch auf den größten Baustellen sind es oft Kleinigkeiten, die dafür sorgen, dass alles nach Plan verläuft. So simple Dinge wie Gleitmittel beispielsweise, ohne das die Stabbogenbrücke, die seit Mittwoch eine Trasse in der Nähe des S-Bahnhofs Hirschgarten überspannt, wohl nicht an ihre finale Position gelangt wäre.

Die Brücke ist ein Koloss aus Stahl: 16 Meter hoch, 95 Meter lang, 1350 Tonnen schwer. In den vergangenen Monaten wurden die rund 80 Brückenteile zur Baustelle gefahren und dort wie ein Puzzle zusammengeschweißt. Wer regelmäßig auf der Stammstrecke unterwegs war, konnte sehen, wie die Brücke auf einem Hügel neben den Gleisen wuchs und wuchs. Am Dienstag und Mittwoch schoben dann Hydraulikpressen den Koloss über einen sogenannten Verschubschlitten an seine Endposition: Stück für Stück, mit einer Geschwindigkeit von sechs Metern pro Stunde. Damit die Brücke über den rostroten Verschubschlitten gleiten konnte, wurde dieser mit einer dicken, weißen Fettschicht eingerieben. So hätten die Pressen "nur" gegen ein Gewicht von etwa 80 Tonnen ankämpfen müssen, sagt Projektleiter Oliver Schmidt.

Die Stabbogenbrücke ist einer der ersten fertigen Bausteine, aus denen sich später einmal die zweite Stammstrecke zusammensetzen soll. Künftig verkehren hier Züge zwischen dem Ostbahnhof und Laim. Bislang halten die S-Bahnen zwischen diesen beiden Haltestellen an acht Stationen. Auf der zweiten Stammstrecke werden es nur noch zwei sein: der Hauptbahnhof und der Marienhof.

Die neue Brücke am Hirschgarten soll dabei helfen, den Umstieg zwischen den beiden Stammstrecken zu erleichtern. Östlich der Brücke werden die Gleise kurz vor der Donnersbergerbrücke in ein Tunnelportal eintauchen, westlich sollen sie sich parallel zu den Gleisen der ersten Stammstrecke einfädeln. Am Bahnhof Laim wird zwischen den beiden Trassen ein Bahnsteig entstehen. So können Fahrgäste zwischen den Stammstrecken umsteigen, ohne das Gleis zu wechseln. "Oberirdisch West" nennt die Deutsche Bahn (DB) diesen Abschnitt, auf dem erste und zweite Stammstrecke dann aufeinandertreffen.

Wie viel Vorbereitung nötig war, um die Brücke an ihre Endposition zu schieben, weiß Anke Hering, DB-Projektleiterin für "Oberirdisch West". Die Brücke verläuft über zwei Gleise: Eines, das als Ausweichgleis dient, falls andere Strecken gesperrt sind; und ein zweites, das zum ICE-Werk führt. Dort werden die Züge zunächst gewartet, bevor sie zurück zum Hauptbahnhof fahren. Hering zufolge sei es schwierig gewesen, den Einschub der Brücke so zu koordinieren, dass der Betrieb ohne Fahrplanänderungen weiterlaufen konnte.

Doch noch anspruchsvoller war wohl die technische Vorarbeit: Die Oberleitungen der unter der Brücke liegenden Strecken mussten verlegt werden; außerdem entstanden zwei acht Meter hohe Hilfsstützen, die bis zu 20 Meter tief in der Erde verankert sind. Sie stellten sicher, dass der Stahlkoloss während des Einschubmanövers nicht ins Leere fiel. Es sei eine "absolute Präzisionsleistung, die Brücke millimetergenau an ihren Ort zu schieben", sagte Helmut Schütz, Amtschef im Ministerium für Wohnen, Bau und Verkehr, bei einem Baustellenbesuch am Mittwoch. Die Brücke sei eine "Landmarke" und ein "Identifikationspunkt im Münchner Westen".

Bis hier S-Bahnen hinübersausen, dauert es allerdings noch einige Jahre: Die Inbetriebnahme der zweiten Stammstrecke ist erst für 2028 geplant. In der Zwischenzeit stehen noch zahlreiche andere Bauprojekte auf der Agenda; beispielsweise der Umbau des Bahnhofs Laim. Die Stabbogenbrücke bleibt derweil aber nicht ungenutzt, sondern soll als Zufahrt zu den anderen Baustellen dienen. Die Brücke ist dann quasi selbst das Gleitmittel, das die anderen Projekte in "Oberirdisch West" am Laufen hält.

© SZ vom 22.07.2021/kafe
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