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Urlaub dahoam:Ein Münchner Scheintourist

Urlaub in München am Marienplatz

Die üblichen bekannten Sehenswürdigkeiten wie das Glockenspiel abklappern ist eine Möglichkeit Urlaub in der eigenen Stadt zu machen, aber nicht die einzige.

(Foto: Catherina Hess)

Im Hotel einchecken für einen Urlaub in der eigenen Heimatstadt - unser Autor hat genau das getan. Ein Reisebericht aus einem vertrauten und irgendwie doch unbekannten München.

Von Franz Kotteder

"Urlaub dahoam" lautet das Schlagwort der Stunde. Fast schämt man sich, dass man all die Jahre nicht selbst draufgekommen ist: München ist die Reisedestination schlechthin, und wir glauben, es wäre nur ein Wohnort! In den letzten Wochen allerdings machen viele alles, um das zu ändern. Im Rathaus erfand man den "Sommer in der Stadt", die Hoteliers locken mit "Tapetenwechsel" Münchner zu Sonderpreisen in ihre leer stehenden Unterkünfte. Zeit also, die Perspektive neu zu justieren und für zwei Tage und Nächte zum Scheintouristen zu werden - all das zu tun, was man als richtiger Tourist in der Stadt so macht, wenn man vielleicht nur ein Wochenende lang Zeit hat.

Gut, man muss sich nicht verkleiden, keine Shorts und Sandalen und knallbunte T-Shirts anziehen. Spätestens beim Fahrkartenautomaten am Marienplatz wäre man sowieso enttarnt. Echte Touristen stehen da konsterniert davor, zwischen Ratlosigkeit und Verzweiflung schwankend. Das könnte Münchnern zwar auch so gehen, aber sie sind von ihrem Tarifsystem Kummer gewöhnt, sie bringt so leicht nichts mehr aus der Ruhe.

Aber wie ist das unter Pandemiebedingungen, wenn man die üblichen Sehenswürdigkeiten besucht und das tut, was man im Urlaub halt gerne macht? Zum Baden gehen will, in Ausstellungen oder ins Theater? Wenn man Shoppen gehen möchte. Oder landestypisch essen und dann unweigerlich an Nepplokale gerät? Um so etwas herauszufinden, kann es sicher nicht schaden, mal die Seiten zu wechseln.

So schleicht man also mit dem Rollkoffer - der ist Verkleidung genug - zum Hotel Blauer Bock am Viktualienmarkt. Das ist ein besseres Haus, nicht oberste Liga, aber hübsch und gemütlich und familiär geführt. Die Zimmer sind mit Liebe zum Detail gestaltet, auf dem Bettvorleger findet man die blauen Fährten eines Bocks, und auf den historischen Merian-Stichen an der Wand hüpft immer ein winziger Bock durchs Bild. Gestalterische Kollateralschäden durch die Corona-Pandemie sind jedoch auch zu beklagen: Sitzecken in Foyer und Bar sind durch Plastikbänder abgesperrt - in Gelb und Schwarz, den Stadtfarben Münchens immerhin. Natürlich gibt es beim Frühstück auch kein Büffet mehr, und man muss dafür halbstündige Zeitfenster vorab buchen. Sonst aber ist fast alles normal, sieht man davon ab, dass für den Sonderpreis von 99 Euro die Nacht bis zum 6. September auch noch Münchner unterkommen, so wie in rund 50 anderen Hotels der Stadt.

Erstaunlicherweise stellt sich dieses typische Urlaubsgefühl auch in der eigenen Stadt gleich ein, sobald man das Zimmer bezieht: Nicht lange rummachen, nur das Notwendigste auspacken, und dann gleich raus auf die Straße! Sehen, was da draußen so los ist. Den eigenen Augen trauen.

Was als Erstes auffällt: Die Münchner Gastronomie arbeitet wegen der Abstandsregeln schwer an einer Ausweitung der Mampfzone: Die Tische im Freien sind deutlich mehr geworden, man geht in die Fläche, soweit das möglich ist. Und die Wirte achten offenbar sehr darauf, dass dieser Platz auch optimal genutzt wird. Kommt man solo und will etwas essen, kann es leicht passieren, dass zwar noch viele Tische frei, aber allesamt reserviert sind: "Die kommen gleich!" Ersatzweise wird man an eine Art Barhocker mit Arbeitsplatte verwiesen: "Die Hochtische sind noch frei." Die Hochtische aber sind - da darf man sich keiner Illusion hingeben - die Katzentische der bayerischen Wirtschaften. Da kommen die hin, die zu wenig einbringen, weil sie zu wenig konsumieren. Man darf als alleinreisender Minderleister also am Hochtisch Platz nehmen, den Gästen an den richtigen Tischen auf die Halbglatze oder den Haarfärbeansatz und auf den Teller glotzen, während die da unten den erhöht Sitzenden in seiner ganzen Pracht beim unbequem Herumhocken bestaunen können. Na danke!

Urlaubsfeeling dahoam am Strand vor der Oper.

(Foto: Catherina Hess)

Natürlich ist der Viktualienmarkt dann eine der ersten Stationen. Es geht längst nicht so zu wie sonst im August. Man merkt, dass die Touristen fehlen. Drüben an der Metzgerzeile scheint die Stadtverwaltung die historische Wehrmauer wieder hochgezogen zu haben, leider mit untauglichen Mitteln, nämlich den hässlichen, rotweißen Baustellenabsperrungen aus Plastik. Hier muss man durch, wenn man zum Alten Peter und zum Glockenspiel will, beides Pflichttermine für jeden Münchentouristen. Mit einer Turmbesteigung ist es freilich nichts, "auf unbestimmte Zeit", wie es heißt, ebenso wie beim Rathausturm und an der Frauenkirche.

München von oben - derzeit schwierig. Das Glockenspiel aber dreht eisern seine Runden, auch wenn die Menge da unten um elf Uhr überschaubar ist, hundert Menschen sind es vielleicht, mehr nicht. Die Schäffler tanzen zur Melodie: "Aber heit is' koid", auch bei 31 Grad im Schatten. Stolze zehn Minuten dauert das, nun ja: Spektakel, das sich gebürtige Münchner nur einmal im Leben, so ungefähr im Grundschulalter antun. Eigentlich ist das viel zu lange für die Aufmerksamkeitsspanne eines modernen Menschen. Hat aber was Entschleunigendes, und das sucht man ja im Urlaub auch. Überrascht ist man dann aber, dass das Glockenspiel eine Stunde später wiederholt wird, und um 17 Uhr ebenso.

Als Münchner hat man nun auch die Möglichkeit, vergünstigt im Hotel abzusteigen.

(Foto: Catherina Hess)

Zwischendrin dann ein Aufenthalt im Hofbräuhaus. Die Schwemme, eine Ansammlung leerer Tische mit ganz vereinzelten Gästen oder Familien. Gottseidank gibt es den Biergarten im Innenhof, ein ewiger Geheimtipp in jedem München-Führer. Hier ist zwar jeder Tisch besetzt, aber doch recht locker. Trotzdem fehlt etwas. Die Musik? Ja, doch. Die Menschen, die fragen, ob sie sich dazu setzen dürfen. Die staunenden japanischen Touristen, wenn sie ihre erste Mass sehen. Und heute fehlt auch noch der Wurstsalat, der erst mit gehöriger Verspätung nach der ersten Halben kommt, so als sei er in der Küche mit höchster Achtsamkeit Radl für Radl vom Küchenchef persönlich angefertigt worden. Immerhin entschuldigt sich die Bedienung umgehend.

So verbringt man dann doch etwas mehr Zeit als geplant im berühmtesten Wirtshaus der Welt, getreu dem vorletzten Satz aus Ludwig Thomas "Münchner im Himmel" über den Engel Aloysius: "Und da sitzt er heit no." Keine Zeit mehr für die Alte Pinakothek, die sperrt um 18 Uhr schon zu. Ein Münchner ist um Ausreden nie verlegen.

Ist natürlich Unsinn. Bereits am nächsten Tag zeigt sich, dass die Münchner sehr gern ihre Alte Pinakothek besuchen. War das ehrwürdige Museum nach der Wiedereröffnung noch das krasse Gegenteil von Ischgl - ein Mensch auf schätzungsweise 400 Quadratmetern -, so ist es jetzt fast schon wieder normal besucht. Ganz abgesehen vom Kunstgenuss dank Raffael, Rubens, Tizian und Tintoretto ist das Museum auch angenehm kühl temperiert.

Und Abkühlung zu finden, das ist für Münchner und Touristen nicht ganz leicht in diesem Sommer. Die Badeseen rund um die Stadt sind voll, hört man. Die Freibäder fast alle auf Tage hinaus ausgebucht. Im Dantebad ist noch was frei, stellt sich heraus. Also fährt man hinaus nach Gern, lässt sich von der MVG-App in die Irre beziehungsweise auf einen Riesenumweg führen, weil der angegebene Zielpunkt nur auf dem Wasserweg und dann mit einer Leiter zu erreichen wäre. Schafft es dann schließlich aber doch und findet sich erschöpft auf einer weitläufigen Liegewiese wieder. Das Wasser im großen 50-Meter-Becken ist viel wärmer als sonst, es dürfen laut Aushang auch nur 105 Schwimmer hinein, immerhin deutlich mehr als im "Attraktionenbecken" mit Strömung und Massagedüsen, da dürfen nur 55 hinein.

Bei all der Hitze nimmt es jedenfalls nicht wunder: Der natürliche Kulturfolger des Sommers scheint in München inzwischen die Palme zu sein. Palmen stehen auf dem Marienplatz herum und vor der Oper, dort in Verbindung mit einem Sandstrand, der erstaunlich gut hinpasst. Auch auf der Theresienwiese gibt es, bei "Sommer in der Stadt", Palmen und Sand, aber auch noch vieles andere, wie eine Stippvisite zeigt. Der Bavaria kann man zwar ebenfalls nicht in den Kopf steigen wie sonst. Sie und die Ruhmeshalle sind "auf unbestimmte Zeit" geschlossen. Aber dafür findet man zu ihren Füßen eine beinahe afrikanisch anmutende Steppe oder Savanne mit hoch gewachsenem Gras vor, dazwischen versprengte Mandel- und Kartoffelhütten, Spiel- und Kletterstationen sowie mit "Kunst im Quadrat" ein richtiges kleines Kulturfestival. Leider läuft es nur noch ein paar Tage. Die Theresienwiese erinnert bei "Sommer in der Stadt" jedenfalls an einen exotischen Urlaub - wegen der skurrilen Buntheit dort und weil es hier keine Fahrgeschäfte gibt und kein Riesenrad.

Einige Hotels beteiligen sich an einer Aktion um München für seine Einwohner attraktiver zu machen.

(Foto: Catherina Hess)

Wobei der Münchner Scheintourist das Riesenrad auf dem Königsplatz liebgewonnen hat. Es wird offenbar auch von anderen gut angenommen, man muss mittlerweile anstehen, um in eine der Gondeln zu kommen. Fünfmal geht es rundherum, und man kann dort auch noch den Sonnenuntergang miterleben, irgendwo dahinten bei Schloss Nymphenburg, denn es fährt bis zehn Uhr abends. Selbst gestandene Münchnerinnen bekommen dann einen ganz verzückten Blick. Was bei einem Menschenschlag, der eher zum Granteln neigt, ja doch nicht so oft vorkommt.

Freilich, auch der Grant wird seinen Platz bekommen, wenn man nur lange genug Urlaub macht in der eigenen Stadt. Wenn man zum Beispiel in einer sehr heißen Woche schwitzend durch die Fußgängerzone wandert. Ausruhen und sich hinsetzen? Das geht fast nur am Rande eines Pflanzkübels oder kostet Geld in einem der gastronomischen Angebote. Ebenso wie der ständige Begleiter des Touristen, die Wasserflasche. Kauft man die zum Beispiel in einer der Filialen eines großen Traditionsbäckers, dann zahlt man 2,60 Euro. Und erinnert sich daran, dass man neulich in Venedig fast ein bisschen empört gewesen ist, als ein Alimentari 1,50 Euro für die gleiche Menge verlangte, während sich alle anderen mit einem Euro begnügten. Und hier, daheim, also nun 2,60 . . . Wenn das nicht weltstädtisch ist.

© SZ vom 14.08.2020/mmo

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