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Typisch deutsch:Die Münze öffnet viele Türen

Streit um Grundrente

Münzen sind in München oft mehr wert als Scheine.

(Foto: dpa)

Unser Autor ist es gewohnt, Geldscheine oder Kreditkarten bei sich zu haben. In manchen Momenten aber wäre eine kleine Münze viel hilfreicher.

Manchmal ist es die kleine Münze, die für die große Entscheidung zuständig ist. Sie wird vor Bundesligaspielen geworfen - und wer weiß, ob die Münchner ihre Rivalen aus Dortmund auch dominiert hätten, wäre die Münze auf der anderen Seite gelandet. Die Münze ist wie der Vorbote des Schicksals in diesem Land, in einer Epoche, in der in anderen Teilen der Welt nur noch mit Papiergeld oder mit Plastikkarten gehandelt wird.

Du kommst nach München, streifst durch die Stadt und merkst plötzlich, dass überall Geldmünzen von Hand zu Hand gereicht werden. Beim Schuster, beim Bäcker, in der Kirche. Es sind Momente, in denen man die Kreditkarte zücken will - und dann eines Besseren belehrt wird. Allerspätestens vor der WC-Anlage des Münchner Hauptbahnhofs lernt man dann dazu.

Die Geldmünze enthält oft den einzigen Code, um verschlossene Türen dieser Stadt zu öffnen. Eine handelsübliche Ein-Euro-Münze öffnet die Kloschranke sekundenschnell, während sämtliche Bankkarten zu wertlosem Plastik degradiert werden. Vor dem Hauptbahnhofs-WC wird der Hundert-Euro-Schein zum jämmerlichen Versager. Wer Scheine statt Münzen bei sich trägt, ist auf verlorenem Posten.

Die Münze sperrt den Spind in Schwimmbädern, Bücherein und Bahnhöfen. Und wer durstig vor einem Getränkeautomaten steht, dem ist zu wünschen, dass es in seinem Geldbeutel klimpert. Es gibt Momente, da kann so eine kleine Münze wie ein Messias für den trockenen Mund wirken.

Und dann diese Ticket-Automaten für die Münchner U-Bahn, die vorgeben, jegliche Scheine bis zu 50 Euro in sich aufzusaugen. Und dann steht man da, mit seinem Fünfziger, der einem schon zum fünften Mal wieder ausgespuckt wurde. Wegen einer Einzelfahrt für knapp drei Euro. Die Uhr tickt und man hört schon, dass sich die U-Bahn nähert. Das sind die Momente, wo man sich so sehr wünschen würde, drei einzelne Euros in der Hosentasche zu haben. Sonst droht die Kontrolle. Und die Strafe in Höhe von 60 Euro.

Um solch missliche Umstände zu vermeiden, ist der Münchner im Besitz eines sogenannten Geldbeutels, der seinen Namen zu Recht trägt, weil er Platz bietet wie eine Känguru-Mama. Manche heben sich die Münzen gar in großen Einmachgläsern auf, wahrscheinlich um sicherzugehen, dass man schnell in die nächste öffentliche Toilette hüpfen kann, falls das heimische WC einmal von Gästen dauerbesetzt ist. Oder um bereit zu sein, wenn der nächste Supermarktgroßeinkauf stattfindet - der schon daran scheitern kann, dass man nicht mit einer Münze für den Einkaufswagen ausgerüstet ist.

Manchmal hört man die Münzen auch fallen. Ich will gar nicht wissen, wie viel Geld ich dadurch schon verloren habe. Am günstigsten ist es, wenn es bei mir daheim passiert. In meinem Sofa gibt es zum Beispiel kaum eine Ritze, wo nicht irgendeine Euro- oder Cent-Münze hineingerutscht ist. Sie entspannen sich zwischen Stoff und Staubflusen. In finanziell angespannten Zeiten erinnere ich mich an sie und fische sie heraus. So wandern sie weiter - und landen vielleicht irgendwann in einem Automaten. Oder auf einem Fußballfeld.

Übersetzung aus dem Englischen von Korbinian Eisenberger

© SZ vom 15.11.2019/vewo

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