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Therapie:Wo Kinder wichtige Entwicklungsschritte nachholen

"Es ist Schmarrn, die Kinder immer gewinnen zu lassen", sagt Miriam Fichtner. Sie sollen lernen, es auszuhalten, wenn sie mal verlieren.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Wenn Mädchen und Jungen noch nicht bereit für die Schule sind, bekommen sie Unterstützung in der Heilpädagogischen Ambulanz. Miriam Fichtner betreut dort auch die Eltern.

Die Erzieherinnen aus dem Kindergarten des Mädchens haben es angesprochen. Haben der Mutter empfohlen, mit ihrer fünf Jahre alten Tochter zum Kinderarzt zu gehen, weil sie sich im Kindergarten auffällig verhält. Sie könne sich schlecht ausdrücken, sei distanzlos und übergriffig gegenüber den anderen Kindern. Habe große Schwierigkeiten, sich von ihrer Mutter zu trennen und sei nicht so selbständig wie andere in ihrem Alter. Eine Entwicklungsstörung, die Einschulung ist gefährdet. Für die Mutter war das ein Schock. Für Miriam Fichtner ist das ein klassischer Fall.

Miriam Fichtner ist Heilpädagogin und hat vor zehn Jahren die Heilpädagogische Ambulanz München der Jugendhilfe Oberbayern gegründet. Heilpädagoginnen, Psychologinnen, Ergotherapeutinnen, Logopädinnen, Lerntherapeutinnen und Erzieherinnen behandeln hier Kinder, die sich nicht ihrem Alter entsprechend entwickelt haben, die Probleme im Alltag haben. Die zum Beispiel weniger Worte sprechen, Stifte nur verkrampft halten, ihre Gefühle nicht regulieren können. Die aggressiv sind, körperlich oder geistig beeinträchtigt. Oder auch Kinder, die Mobbing erlebt haben.

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"Es gibt so vielfältige Gründe, warum ein Kind sich nicht gesund entwickelt", sagt Fichtner. "Uns geht es nicht darum, zu bewerten, warum das so ist. Es geht nicht um Schuldzuweisungen. Wir überlegen, wie sich ein Kind oder ein Jugendlicher ideal weiterentwickeln kann." Viele Kinder und Jugendliche, die zu Miriam Fichtner und ihrem Team kommen, haben auf mehreren Ebenen einen Förderbedarf, ihre Probleme werden immer komplexer. Um diese Kinder bestmöglich zu fördern, arbeiten verschiedene Fachkräfte in einem Team. Das fünfjährige Mädchen zum Beispiel geht regelmäßig zur Logopädin, zur Ergotherapie und zur heilpädagogischen Spieltherapie.

Miriam Fichtner und ihre Kolleginnen behandeln in der Heilpädagogischen Ambulanz etwa 120 Kinder im Jahr. Der Fall des fünfjährigen Mädchens ist leicht verändert, um die Familie zu schützen. Es könnte ihn bei ihr aber genau so geben, sagt Miriam Fichtner. Denn auf solche Fälle sind sie spezialisiert. "Bei uns haben die Familien eine Anlaufstelle, wenn ihr Kind in mehreren Bereichen gefördert werden soll", sagt Miriam Fichtner. "Wir gehen ganzheitlich an die Therapie heran, schauen auf die Stärken und Schwächen der jungen Menschen. Wir bieten Hilfen aus einer Hand."

Ein Regal voller Pappschachteln: Mit Brettspielen trainieren Kinder ihre Frustrationstoleranz.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Die Büros der Kolleginnen sind nur wenige Meter voneinander entfernt - Logopädin, Heilpädagogin und Ergotherapeutin können sich auf kurzem Weg austauschen, Fortschritte besprechen und gemeinsam überlegen, wie sie den Mädchen und Jungen helfen. Auch Elterngespräche führen sie manchmal gemeinsam.

Auf dem Tisch im Werkraum klebt noch die Knete vom Gespräch am Vorabend - das Kind war dabei und hat rote Würste geknetet, während eine Mitarbeiterin von Miriam Fichtner mit Mutter und Vater gesprochen hat. In einer Ecke steht eine Werkbank, an der arbeiten die Kinder mit Holz. "Oft denken die Eltern, 'jetzt bastelt er hier nur'", erzählt Miriam Fichtner. "Aber dahinter stehen Entwicklungsschritte in der Feinmotorik, der Koordination, der Konzentrationsfähigkeit." Die Therapie folge einem klaren Konzept. "Wir wissen, wo wir hinwollen und welche Handlungsschritte es dafür braucht." Die Kinder sollen in der Heilpädagogischen Ambulanz wichtige Entwicklungsschritte nachholen. Und sie sollen gerne herkommen, gerne mitmachen.