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Münchner Momente:Beziehungsstatus kompliziert

Die Menschen aus der Stadt lieben das Umland. Wirklich auf Gegenliebe aber stoßen sie dort nicht

Kolumne von Laura Kaufmann

Endlich Sommer, endlich raus, aber wohin? Der Münchner, in einer beengten Stadtwohnung lebend, möchte an die frische Luft. Abgeschreckt von der Schlange am Biergarten begeht er womöglich Fehler Nummer eins und will ein Bier an der Isar trinken. Ist er aber älter als 20 Jahre, könnten ihm die Auswüchse der spät-coronistischen Phase dort auf die Nerven gehen. Spätestens, wenn er umzingelt ist von Feiergrüppchen, aus deren Lautsprecher unterschiedliche Klangteppiche auf ihn zuwabern. Dann doch besser das Isarufer vorerst den Jungen mit Feiertrieb überlassen.

Nun liebt der Münchner es sowieso am meisten, die Stadtgrenzen hinter sich zu bringen. Je weiter raus, desto schöner die Seen, Berge gratis dazu. Das Erste, was dem Münchner zu den Vorzügen seiner Heimatstadt einfällt, ist die Nähe zur Natur. Leider ist seine brennende Liebe fürs Umland eine wenig erwiderte. Von der Tegernsee-Region etwa treffen den Münchner regelmäßig Pfeile ins Herz. Seine immer zahlreichere Anwesenheit bei den Waldfesten der letzten Jahre wurde nicht gerade mit Beifall quittiert. Er wisse ehrlich gesagt nicht, wer hinter den Münchnern den Dreck hinterherräumen solle, fragte der Bürgermeister zu Coronahochzeiten, als der Münchner seine Spaziergänge auf die Hausberge ausdehnte. Autsch. Beziehungsstatus: kompliziert.

Nun ist es natürlich so, dass die Münchner immer mehr werden, und der Großstädter seit geraumer Zeit die früher spießig anmutende Liebe zum Land neu entdeckt. Dem Vanlife frönen und spontan mit dem Retrobully an den See? Die Stellplätze sind längst ausgebucht. Sonntags in die Berge? Das ist die Wahl zwischen im Stau stehen oder kollektivem Sardinenbüchsenerlebnis in den Öffentlichen. Sie ist beengend, die Situation im Freien. Glücklicherweise kann nun auch der Münchner endlich mit dem Finger auf andere zeigen. Sicher alles die Urlauber aus dem Norden, Westen, Osten, die nun, wie vom Landesvater aufgefordert, im schönen Bayern Urlaub machen und den Platz am Gipfelkreuz belegen. Vielleicht sind sie die Chance für Städter und Seeanwohner, wieder näher zusammenzurücken. Beim gemeinsamem Fingerzeigen, wie früher auf dem Schulhof. Nur der Stau, der löst sich davon leider auch nicht auf.

© SZ vom 10.07.2020
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