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Corona-Freizeit:Joggen ist die Sportart der Verzweifelten

Joggen könnte eine schöne Abwechslung sein - wenn es nicht so langweilig wäre.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die stupideste Erfindung, seit es Menschen gibt, ein Notnagel für Verzweifelte, erbärmlich langweilig - aber wenn Videokonferenzen den Tag dominieren, nimmt man sogar das Joggen als Abwechslung auf sich.

Glosse von Isabel Bernstein

Mit dem Frühling kommt die Motivation. Und auch die Joggingschuhe, die den Winter über unbeachtet in der hintersten Ecke des Schuhschranks ihr Dasein gefristet haben, reizen das latent schlechte Gewissen. Na gut, denkt man sich, ein bisschen Sport kann ja nicht schaden, zumal nach dem langen Arbeitstag, den man wieder einmal ausschließlich vor dem Computer und in viel zu vielen Videokonferenzen verbracht hat. Also rein in die Schuhe, raus aus der Haustür, losgelaufen.

Doch schon nach den ersten Metern ärgert man sich. Ist man diese Straße nicht schon Hunderte Male gelaufen? Zum Einkaufen, um das Auto abzustellen, um leere Flaschen zur Müllinsel zu bringen? Man kennt jeden der kommenden Meter, links der Bäcker, da die Apotheke, selbst die Schnelltestzeiten, die auf dem Plakat stehen, kennt man auswendig. Ah, jetzt ist man schon am Getränkemarkt vorbei, kurz gegrüßt, hallo, Frau Nachbarin!

Aber gut, wird sicher gleich besser. Der Park rückt in Sichtweite. Doch auch hier: Kennt man alles. Der Spielplatz, die Jugendlichen, die in Gruppen - Corona hin, Corona her - auf den Bänken lümmeln und laut Musik hören. Alles ist wie immer. Auch die Hundebesitzer trainieren wieder mit ihren Tieren auf der Wiese, brav sitzen bleiben, sitz, sitz - und jetzt, hol das Stöckchen! Spätestens da ahnt man: Es wird nicht mehr besser. Nur in einem Moment erwacht man kurz aus seinem Jogging-Trott, ja es kommt sogar so etwas wie Spannung auf: eine Pfütze, über die man springen kann. Auf dem Rückweg passiert man den Streetball-Platz, sehnsüchtiger Blick, ja, eine Runde Basketballzocken wäre mal wieder was.

Joggen ist langweilig, die stupideste Erfindung, seit es Menschen gibt, ein Notnagel für Verzweifelte, die unter der Woche wegen der Arbeit nicht in die Ammergauer Berge kommen oder eine Alternative zum geschlossenen Müllerschen Volksbad oder den Fitnessstudios suchen müssen. Man läuft und läuft und läuft, und am Ende ist man an jenem Ort, den man schon minutenlang vor Augen hat. Es soll ihn ja geben, den Rausch beim Jogging, Neudeutsch Runner's High genannt. Ein Zustand, in dem der Läufer eins ist mit sich und der Umwelt und das Glück absolut ist. In dem sich alle Quälerei und Probleme in Wohlgefallen auflösen und man, besoffen von den körpereigenen Drogen, einfach nur sein Dasein genießt.

Und tatsächlich, nach 30 Minuten stellt sich diese Euphorie ein: Die Haustür ist in Sichtweite.

© SZ vom 03.05.2021
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