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SZ-Serie: Streifzüge durch die Stadt:In 80 Minuten um die Welt

Wofür Jules Vernes Romanhelden Monate brauchten, das schafft man im Westpark leicht an einem einzigen Tag: Eine kleine Reise um den Globus - von Österreich bis nach Nepal.

Von Martin Bernstein

Es war im Jahr 1873, als der französische Schriftsteller Jules Verne seinen Roman "Reise um die Erde in 80 Tagen" veröffentlichte. Ach, könnte man doch nur... Schneller als weiland die Romanhelden Phileas Fogg und dessen Diener Passepartout würde man wohl auch derzeit - unter Beachtung der jeweils gültigen Quarantänebestimmungen - die Tour via Italien, Nordindien, Ostasien und Nordamerika kaum schaffen. Wenn überhaupt. Und dennoch: Auch wenn touristisches Reisen umständehalber genauso aus der Mode gekommen ist wie der Beruf des Dieners - es ist zu schaffen. In München. In 80 Minuten.

Zwei grundlegende Änderungen gegenüber der Romanvorlage sind freilich dafür zu beachten. Die Weltreise beginnt nicht im Reform Club in London, sondern an der Trambahn-Haltestelle Stegener Weg beziehungsweise am Parkplatz am Südende der Westendstraße. Und dann führt die Reise nicht, was im Roman am Ende eine entscheidende Rolle spielt, rechts herum um den Globus, sondern erst einmal (gedanklich) Richtung Westen.

Nur ein paar Schritte hinter dem Parkplatz erreichen die Münchner Weltreisenden ihr erstes Ziel: Wien. Denn nicht nur in der Donau-Metropole gibt es ein Hundertwasser-Haus, sondern auch im nach einem Entwurf des kürzlich gestorbenen Landschaftsarchitekten Peter Kluska geplanten Westpark. Freilich eines im Maßstab 1:20. Bewohnen können es also bestenfalls Insekten und Vögel. Der Maler, Architekt und Ökologe Friedensreich Hundertwasser (1928-2000) hat sein Hoch-Wiesen-Haus anlässlich der Internationalen Gartenbauausstellung entworfen, die von April bis Oktober 1983 in München stattfand. Ausstellungsort war der Westpark, der eigens zu diesem Anlass geschaffen worden war.

Fast alle Stationen unserer Weltreise im Kleinen gehen auf diesen Anlass zurück. Dass die Gebäude und Denkmäler abweichend von der ursprünglichen Planung überhaupt erhalten blieben, ist den Münchnerinnen und Münchnern zu verdanken, die den neuen Park schnell in ihr Herz schlossen. Wie Architektur im Einklang mit der Natur aussehen könnte, wollte Hundertwasser mit seinem Hausmodell zeigen. Fast 40 Jahre später ein immer noch hochaktuelles Ansinnen.

Jetzt könnte man es sich leicht machen und sich bereits in Italien wähnen. Denn gleich gegenüber wurde der Rosengarten angelegt. Weil dort aber derzeit (fast) keine der im Sommer bis zu 20 000 Rosen blühen und weil - anders als auf den Dolomitenbergen des Südtiroler Rosengartens - weit und breit keine Klettergelegenheit zu finden ist, wandern die Münchner Weltreisenden weiter und halten sich dabei immer am Südrand des 60 Hektar großen Areals, auch nachdem sie die Brücke überquert haben, die in den Ostteil des Parks führt.

Dort erreichen sie, ziemlich versteckt und mit den Wegweisern "Kunstausstellung" ausgeschildert, endlich Italien. Im Sardenhaus finden, wenn gerade mal keine Pandemie herrscht, Kunstausstellungen statt. Gleichzeitig kann der Besucher aber auch Impressionen aus der Geschichte der zweitgrößten italienischen Insel, Sardinien, sammeln. Ein bisschen im Gebüsch versteckt bewacht ein von Mario Nieddu geschaffener steinerner Krieger aus der Nuraghenzeit das Ensemble, das von einer Nuraghe gekrönt wird. Nuraghe? Die Türme aus riesigen Steinquadern, errichtet vor rund 3000 Jahren, sind typisch für die Mittelmeerinsel. Es gibt sie nur dort und zwar in erstaunlicher Fülle: Rund 10 000 dieser Steintürme haben Forscher nachgewiesen. Ihr Zweck ist bis heute unklar. Vermutlich handelte es sich um Wohn- und Wehranlagen, doch auch Nutzungen als Grab- oder Kultstätten wurden diskutiert.

Der Sprung über den Großen Teich ist im Westpark nicht nötig. Denn die leuchtend bunten Farben des "Indian Summer", der für die Wälder des nordamerikanischen Kontinents so typischen herbstlichen Laubfärbung, sind auch in diesen Novembertagen noch an vielen Stellen des Westparks zu bewundern. Am schönsten rund um das Ostasien-Ensemble, zu dem unsere Wanderer noch kommen werden. Und am Südufer des Sees im Ostteil des Parks. Dort stehen amerikanische Sumpfzypressen im Wasser, deren Nadeln sich im Herbst rostbraun bis blutrot verfärbt haben.

Die Reise um den Globus führt - sowohl gedanklich als auch ganz praktisch - von Amerika nach Westen, nach Ost- und Südasien. Dabei kommen die Weltenbummler auch an einem originalen Bayerwaldhaus vorbei. 1748 wurde das damals noch in Oblfing bei Schöllnach stehende Holzhaus erstmals urkundlich erwähnt, 1977 zunächst ins Museumsdorf Tittling im Bayerischen Wald übertragen, fünf Jahre später dann nach München.

Man könnte jetzt rechts abbiegen und noch einen stilisierten Barockgarten mit Marmorbecken durchqueren und sich für einen Moment im französischen Versailles fühlen. Unsere Weltreisenden aber folgen weiter den Spuren von Sir Phileas Fogg und Passepartout und damit dem Hauptweg, der sie nach Japan bringt.

Der japanische Garten mit Pavillon, Wasserbecken und einem Raum für die Teezeremonie symbolisiert die Städtepartnerschaft zwischen den beiden Olympiastädten von 1972, München und Sapporo. Der gleiche Garten wurde dort im Yurigahara-Park angelegt. Japanische Gartenmeister wirkten an der Gestaltung der Anlage mit. Der kontemplative Charakter des japanischen Gartens zieht vor allem am Morgen regelmäßig Menschen an, die dort die meditative Kampfkunst des Tai Chi Chüan praktizieren.

Nur ein Katzensprung ist es danach zum chinesischen "Garten von Duft und Pracht". Die im Winter geschlossene, gleichwohl auch von außen sehenswerte Anlage symbolisiert einen Gang durch die vier Jahreszeiten. Experten aus Kanton in China haben den Garten konzipiert. Westlich vom chinesischen Tempel steht in einem See eine buddhistische Andachtsstätte. Im Mai feiern Münchens Buddhisten dort das farbenfrohe Vesakh-Fest, das an Geburt, Erleuchtung und Verlöschen des Buddha erinnert. Die Buddha-Skulptur in der Thai-Sala schuf der thailändische Bildhauer Nopradol Khamlae aus einem einzigen Ahornstamm. 1994 wurde sie vom Abt eines buddhistischen Klosters offiziell geweiht. Die Thai-Sala war damit das erste öffentlich zugängliche buddhistische Heiligtum in Deutschland.

Für die letzte Station der Reise in 80 Minuten um die Welt geht es in die Berge. Die hölzerne Nepal-Pagode, die jetzt im Westpark steht, wurde am Südhang des Himalaya von 300 Handwerkern in siebenmonatiger Arbeit geschnitzt. Die Beförderung der Einzelteile nach München soll vor 40 Jahren von Schmugglern zum Transport einer größeren Menge Haschisch genutzt worden sein. Die Holzreliefs des Kunstwerks und seine spirituelle Kraft hinterlassen freilich auch ohne irgendwelche bewusstseinserweiternde Substanzen einen tiefen Eindruck auf den Betrachter. Vorbild des Bauwerks ist das nepalesische Nationalheiligtum Pashupatinath. Auch in München wird das Heiligtum von Gläubigen für Meditationen und Zeremonien aufgesucht.

Die 80 Minuten sind dann fast vorbei, die Reise um die Erde auch. Auf den letzten Metern zum Parkplatz oder zur Tram haben die Reisenden dann noch Zeit, über den nahezu prophetischen Schriftsteller Jules Verne und dessen Einsichten nachzudenken. Etwa über diesen hoch aktuellen Satz: "Die Wissenschaft besteht nur aus Irrtümern. Aber diese muss man begehen. Es sind die Schritte zur Wahrheit."

© SZ vom 03.11.2020/syn

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