"Queen of Summer":Models mit Erfahrung

Lesezeit: 2 min

Die Bewohner der Seniorenheims Haus Heilig Geist standen in diesem besonderen Sommer für ein Modejournal vor der Kamera.

Von Franziska Gerlach

Die "Queen of Summer" - in diesem außergewöhnlichen Münchner Sommer, in dem alles anders war, alles neu, hat diesen Part wohl niemand so souverän übernommen wie Erika Mader in ihrem Neckholderkleid mit dem exotischen Palmenblättermuster: Den Ellbogen lässig ans Treppengeländer gelehnt schaut sie in die Ferne, um ihre Schultern schmiegt sich eine blutrote Fransenstola, auch die Fußnägel sind rot lackiert, an ihrem Handgelenk trägt sie ein opulentes Armband. Ein bisschen Boho-Style, ein bisschen Hawaii - und von der 82 Jahre alten Bewohnerin des Hauses Heilig Geist am Dom-Pedro-Platz, einem Seniorenheim von Münchenstift, vor der Kamera mit einer Selbstverständlichkeit präsentiert, als habe sie ihr Leben lang nichts anderes getan.

"Wir sind schon öfters fotografiert worden", sagt Erika Mader denn auch am Telefon. Allerdings mit dem Unterschied, dass sie diesmal für ein Modejournal mit dem Titel "A Very Special Summer" als Model vor der Kamera stand. Das erste Modejournal überhaupt, das es beim städtischen Heimträger Münchenstift jemals gab. Wegen des Coronavirus konnte die traditionelle Modenschau im Haus Heilig Geist, bei der die betagten Herrschaften vor Publikum über einen roten Teppich laufen, in diesem Jahr nicht stattfinden.

Doch die schöne Veranstaltung einfach zu streichen, das wäre nach den vielen, stillen Wochen des Frühjahrs natürlich schade gewesen. Sabine Herbrich, Mitarbeiterin in der hausinternen Tagesbetreuung und Organisatorin der Schauen, hatte schließlich die Idee mit dem Modejournal. Die Rolle des Fotografen übernahm ihr Kollege Josef Hinreiner. 16 Damen und Herren im Alter von 69 bis 94 Jahren wurden so zu "Silbermodels", wie ältere Models ihrer grauen Haare wegen auch genannt werden.

Die Mitarbeiter des Seniorenheims in Neuhausen besorgten in einem Secondhandshop Kleider und Accessoires, und überlegten dann gemeinsam mit jedem Bewohner einzeln, wie er oder sie sich vor der Kamera inszenieren möchte. Erika Mader wurde ihrer Vorliebe für kräftige Farben wegen zur "Queen of Summer", so der Name ihres Motivs. Weil einem Herren während der ausgangsbeschränkten Wochen die Haare bis in den Nacken gewachsen waren, wurden sie für das Fotoshooting zu einem Pferdeschwanz à la Karl Lagerfeld gebunden, eine Dame mit einem Faible für die Farben orange und gelb erhielt wiederum eine gelbe Bluse, eine orangefarbene Kette und einen überdimensionalen Strohhut. "Sie war recht glücklich damit", sagt Herbrich. Wie überhaupt alle Senioren sehr bereit gewesen seien, sich "von ihrer schönsten Seite" zu zeigen.

Herausgekommen ist ein 44 Seiten starkes Modejournal mit Fotos, die sich abheben von den aalglatten Kampagnen internationaler Kosmetik- oder Modemarken, die seit einigen Jahren ebenfalls verstärkt auf Models jenseits der 60 zurückgreifen. Doch während dort für gewöhnlich kräftig nachbearbeitet wird, um ein möglichst faltenfreies Ergebnis zu erzielen, darf der Wert des Alters in München seine Faszination ungehemmt zur Geltung bringen. Und nicht zuletzt vermittelt so eine Aufgabe den Bewohnern des Seniorenheims Normalität in diesen nicht ganz normalen Zeiten. Das Gefühl, gebraucht zu werden.

Gerade die Mode als stetiges Abbild gesellschaftlichen Wandels sei ein Thema, das Türen zu Erinnerungen öffnen kann, hat Sabine Herbrich festgestellt. Was wurde früher getragen, was ist heute modern? Erika Mader kann da mitreden. Die Münchnerin ist Damenschneiderin und hat sich schon als junge Frau oft und gerne den neuesten Schick der Modezeitschriften nachgenäht. Selbst heute noch setzt sich die 82-Jährige an ihre Nähmaschine, kürzt hier ein Hosenbein, näht dort etwas um. Eine, die sich für Mode interessiert - keine Frage. Aber ein Model? Ein Mannequin, wie das früher hieß? "Na", sagt Erika Mader bescheiden. "Das hätte ich mir nicht vorstellen können, dass ich da dazugehöre."

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