Restaurant Oskar:Frei von jeder Doktrin

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Restaurant Oskar: Es gibt ihn noch, den Coq au Vin: im "Oskar" als Coq au Riesling mit Nudeln.

Es gibt ihn noch, den Coq au Vin: im "Oskar" als Coq au Riesling mit Nudeln.

(Foto: Stephan Rumpf)

Das Oskar in Schwabing wird von fantasiebegabten, gut gelaunten Leuten betrieben. Konzept: kleine Karte, schmackhaftes Essen, guter Wein.

Von Carolus Hecht

Mit dem Niedergang des Huhns als malträtierter Massenkost ist auch der einst geschätzte Coq au Vin schier verschwunden. Und plötzlich: Oskar serviert Coq au Riesling (24,50 Euro), gebadet in diesem elegant säuerlichen Saft von Wein und Estragon. Allerdings mit Garganelli, also Nudeln, denen wir genussvoll das ganz vorzügliche, aber kärglich verabreichte Brot vorzogen. Oskar, das ist eine in früheren Tagen unglücklich bewirtschaftete Örtlichkeit am Ende der Bismarckstraße hinter Schwabings monumentalem Oskar-von-Miller-Gymnasium, heute betrieben von fantasiebegabten, gut gelaunten, diskursfreudigen Leuten. Der langgestreckte Raum verlängert sich in einen hübschen, stillen Garten. Man fühlt sich willkommen und gut beraten, ohne das Ranschmeißerische, das heute manche Wirtsleute irrig für besonders stimmungsfördernd halten.

Frankreich, Italien, das alpennahe Mitteleuropa prägen Oskars erfreulich kleine Karte. Die Schmackhaftigkeit des einzelnen Tellers ist hier Konzept, nicht eine Linie, keine Doktrin, keine Nation. Meist zwei Tagesgerichte außer der Reihe sind an der Glaswand zur Küche angeschrieben. Die Zwiebelsuppe mit Comté (12,50) versetzte uns mit ihrem Schmelz in Entzücken. Die Bouillabaisse (18) ist gediegener Standard nahe am Klassiker, mit sehr mildem Rouille. Rindertartar (16,50) mit neckischem Wachtelei betörte uns mit dem Hauch der Kapern.

Die "Kalbsfleischpflanzerl" kugelten sich mild-würzig beim Püree (11,50; der tumbe, hierorts grassierende Diminutiv "-pflanzerl" spricht von Ahnungslosigkeit, wo der Begriff wohl herkomme: vom Pfannzelten, dem Pfannkuchen; aus dem Fleischpfannzelten wurde in Bayern das Fleischpfanzl, also ohne zweites "l", bereits eine Verkleinerungsform; der Volksmund hat dann das zweite l hineingeschmuggelt, und so ein "Pflanzl" daraus gemacht; das "r" schließlich ist eine töricht neckische Nochmalverniedlichung, also ein Fleischpfannküchleinchen).

Restaurant Oskar: Betörende Idee: Rindertartar mit neckischem Wachtelei und einem Hauch Kapern.

Betörende Idee: Rindertartar mit neckischem Wachtelei und einem Hauch Kapern.

(Foto: Stephan Rumpf)

Gediegen der Sommersalat mit Garnelen (15,50). Nichts zu beanstanden am Roastbeef (15,50). Unserem alpin geschulten Mitesser war der gebratene Kaspressknödel (16), wiewohl ansprechend, zu Recht eine Spur zu trocken. Und der Cidre-Lavendel-Schaum, kaum wahrnehmbar obenauf, zu verschmockt. Saftiges Entzücken hingegen über das Stück vom Duroc-Schwein (32,50), das, wiewohl nicht eben wohlfeil, seinem schmackhaften Nimbus Ehre machte. Und den Saibling (22) umflorte in seiner Zartheit der Duft gerösteter Kapern. Ach ja, und dann noch das Wienerschnitzel (21,50) - sehr reichlich, nicht wirklich saftig, was in München kaum jemand zu Wege bringt, und an Würze ohne die Delikatesse, die sonst dieses Haus auszeichnet, vom wässrigen Kartoffel-Gurken-Salat ganz abgesehen.

Neben der untadeligen Crème Brulée (6,50) empfanden wir das Mango-Sorbet (pro Kugel 3 Euro) als zu teigig, fast wie einen Pudding. Die Schokomousse mit marinierten Beeren (8,50) hielt hingegen wiederum den Standard des Hauses.

Das Oskar versteht sich auch als Bar

Oskar, wo man also trefflich speist, versteht sich auch als Bar. Man pflegt hier das Tegernseer und tischt das komplette Sortiment der Schneiderbrauerei auf. Und, wie rar in München, Pilsner Urquell vom Fass. Nur: Hopfen ist ein kräftiges Narkotikum, und wer sich als Aperitif ein kleines Pilsner mit seinem immensen Hopfengehalt gönnt, muss gewärtig sein, dass er vom Wein, in dessen Welt man hier ganz sicher eintreten sollte, wegen der Betäubung der Geschmacksnerven nicht mehr allzu viel mitbekommt. Schon die Offenen sind, wenn auch schmales Programm, delikat sortiert, überwiegend aus Deutschland, Österreich und Italien.

Von dort haben wir einen Verdicchio (0,2 zu 9 Euro) mit diesem schönen leisen Bitterton aus der vollmundigen Mittellage probiert. Verwunderlich, dass diese phänomenale Sorte aus den Marken, die von zartester Eleganz bis zu voluminöser Wucht alles können, in Deutschland kaum jemand kennt. Wer will, zecht hier jenseits des Mainstreams. Aber auch der Konvention dient man redlich, etwa mit dem Riesling aus Rheinhessen (9), saftig, von ausgewogener Säure.

Restaurant Oskar: Marko Huth ist der Chef des Hauses - und auch sein Weinheiliger.

Marko Huth ist der Chef des Hauses - und auch sein Weinheiliger.

(Foto: Stephan Rumpf)

Man kann sich über Orangen-Wein und Naturwein austauschen, deren Exemplare es naturgemäß nicht im Glasausschank gibt. Aber zum Glück vertritt Oskar keine ideologische Absolutheit, sondern man lässt die Stile und Vorlieben nebeneinander gelten. Just dies bei den Gelegenheitsgläsern, wenn Ungewöhnliches präsentiert wird wie der toskanische Gronda (12,50), der in seiner Würze und Eigenart auch als Aperitif durchginge. Außerordentlich in seiner eindringlichen Mineralität das Cuvée aus Riesling und Furmint vom Balaton in Ungarn. Furmint ist weithin unbekannt, obwohl ihn die meisten als einen der Grundweine des berühmten Tokajers schon getrunken haben. Hier gibt er sich tief mineralisch, von markanter Würze und Trockenheit. Weniger herausfordernd der Weißburgunder (8) aus Rheinhessen.

Erstaunlich schlank ein Nebbiolo aus dem Piemont (der Rebe, aus der die Geschmacksriesen Barolo und Barbaresco gekeltert werden). Brav der Merlot (0,1-Glas 5 Euro). Redlich der Pinot Noir aus Baden. Es gilt unbedingt, mit dem Chef und dem Weinheiligen des Hauses zu debattieren, um zu den richtigen Empfehlungen zu kommen. Und so erklecklich münchenüblich die Glaspreise sind, so moderat erweist sich dann preislich der Griff nach der Flasche, immer in Relation zu Originalität, Qualität und dem, was man in vergleichbaren Lokalitäten hinzublättern hätte. Wenn Oskar nun auch noch grundsätzlich das köstliche originale Pilsner nicht als geschmacksdämpfenden Introitus, sondern als kräftigen Schluck zum Ende empfähle, was wäre man hier gut aufgehoben.

Oskar, Bismarckstraße 21, 80803 München, Telefon 089/23755030, Dienstag bis Samstag 18 bis 0 Uhr, Sonntag 12 bis 18 Uhr

Die SZ-Kostprobe

Die Restaurant-Kritik "Kostprobe" der Süddeutschen Zeitung hat eine lange Tradition: Seit 1975 erscheint sie wöchentlich im Lokalteil, seit einigen Jahren auch Online und mit einer Bewertungsskala. Etwa ein Dutzend kulinarisch bewanderter Redakteurinnen und Redakteure aus sämtlichen Ressorts - von München, Wissen bis zur Politik - schreiben im Wechsel über die Gastronomie in der Stadt. Die Auswahl ist unendlich, die bayerische Wirtschaft kommt genauso dran wie das griechische Fischlokal, die amerikanische Fast-Food-Kette, der besondere Bratwurststand oder das mit Sternen dekorierte Gourmetlokal. Das Besondere an der SZ-Kostprobe: Die Autorinnen und Autoren schreiben unter Pseudonym, oft ist dies kulinarisch angehaucht. Sie gehen unerkannt etwa zwei- bis dreimal in das zu testende Lokal, je nachdem wie lange das von der Redaktion vorgegebene Budget reicht. Eiserne Grundregeln: hundert Tage Schonfrist, bis sich die Küche eines neuen Lokals eingearbeitet hat. Und: Nie bei der Arbeit als Restaurantkritiker erwischen lassen - um unbefangen Speis und Trank, Service und Atmosphäre beschreiben zu können.

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