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Leopoldstraße:Ois anders

Lässt es sich noch flanieren zwischen E-Scootern und Radfahrern?

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Hässliche Stände, grelle Schirme: Die Leopoldstraße sei nicht mehr die Flaniermeile von einst, klagen Lokalpolitiker. Stimmt das wirklich? Ein Spaziergang.

Der Leopoldstraße fehlt - auf den ersten Blick - das Wichtigste: ein Anfang. Wer nach der Hausnummer 1 sucht, findet nichts. Erst eine tiefere Recherche löst das Rätsel: Als Nummer 1 gilt das Siegestor, jenes Bauwerk mit der berühmten Inschrift "Dem Sieg geweiht - Vom Krieg zerstört - Zum Frieden mahnend". Immerhin.

Doch auch eine Nummer 2 findet sich nicht. Stadtauswärts auf der rechten Seite startet die "Leo", wie sie von Alteingesessenen liebevoll genannt wird, mit der Nummer "4", einem klassizistischen Monsterbau, in dem eine Patentanwalts-Sozietät von beachtlicher Dimension residiert. Gegenüber, in unmittelbarer Nachbarschaft zur Akademie der Bildenden Künste, wohnt im Haus Nummer 3 das Hochschulpräsidium der Ludwig-Maximilians-Universität, benachbart von Tropenmedizin und Experimenteller Parasitologie ihrer Tierärztlichen Fakultät. Das ist der unspektakuläre Beginn von Münchens "berühmtester Flaniermeile", wie die SPD des Bezirksausschusses Schwabing-Freimann die Leopoldstraße in einem Stadtratsantrag rühmt.

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Doch dies ist ein vergiftetes Lob. Denn der Grund für das Schreiben an die "LH München, Direktorium HA II" liegt darin, dass die Leopoldstraße nach Meinung der Schwabinger Genossen den Ehrentitel als "berühmteste Flaniermeile" nicht mehr verdiene. Es solle deswegen bitteschön der Stadtrat eingreifen, um den ursprünglichen Zustand dieser Straße wiederherzustellen. Da werden die Genossen radikal: Und fordern, dass die Beschränkungen für "Obst, Blumen, Presseerzeugnisse, Postkarten, Bücher, Kunsthandwerk" wieder eingeführt werden. Außerdem, so die Klage, verschandelten auch Litfaßsäulen und "Sonnenschirme in grellen Farben mit aufdringlicher Werbung" das Straßenbild. Auch stellten die Obst- und Gemüsestände "ohne die Warenauslagen", also nächtens, "einfach nur hässliche Bauwerke im öffentlichen Raum dar". Es bedürfe einer "strengen Regulierung", wie sie "in italienischen Städten selbstverständlich" sei.

Unabhängig von der Frage, ob die SPD derzeit nicht andere Sorgen plagen, zeigt eine Wanderung durch die Leopoldstraße von heute, dass einerseits die Erkenntnis, vieles sei nicht mehr ganz so wie früher, nicht falsch ist, dass aber andererseits an der Veränderung der Leopoldstraße weder Litfaßsäulen noch Obststände und schon gar nicht Sonnenschirme schuld sind. Die "Leo" ist, wie so vieles in der Stadt, einfach Opfer der Läufte der Zeit. Man trifft bei dieser Wanderung Menschen, die schon lange an und von der Leopoldstraße leben und trotzdem von den Restaurationsgedanken der SPD wenig begeistert sind. Und die zum Teil ganz andere, revolutionäre Pläne empfehlen würden. Dazu später mehr.

Sie ist immer noch eine mächtige und eindrucksvolle Pappelallee, auch wenn sie ihre Funktion als Flirtzentrum und Aufrissmeile längst verloren hat. Doch ihr abzusprechen, es mache keine Freude mehr, auf ihr entlang zu spazieren, ist ungerecht. Zwar war und ist die "Leo" (so heißt sie nur bis zur Münchner Freiheit, der lange Rest bis zur Domagkstraße ist eines Kosenamens nicht mehr würdig) keine architektonische Vorzeigemeile, zu viel wurde im Krieg zerstört. Die für sie typische Lebenslust aber spürt man immer noch, zumindest ein bisschen.

Wo man früher mit dem Cabrio vors Cafè vorfuhr, logieren heute Notare

Schon ganz am Anfang, wo auf der schattigeren Westseite die elegante Terrasse der Bar Giornale "Verweile doch!" ruft, auch wenn daneben ganz unelegant eine Spiel- und Wetthalle ins Anonyme lockt. Im Nachbarhaus verspricht dann das Ivan's, einer von Tausend Münchner Italienern, aber einer mit Tegernseer Hell, dolce far niente.

Im fast vollverglasten Bau eins weiter arbeitet Schwabings Jeunesse dorée jeglichen Geschlechts gut von außen sichtbar im Leo's Sports Club an Bauch und Po für den Fall, dass das abendliche Speed Dating erfolgreich verläuft; eine jener modernen Formen der Kontaktaufnahme also, die der "Leo" viel von ihrer einstigen Klientel und ihrem Charme als Anbandlmeile geraubt haben. Man fährt halt nicht mehr im Cabrio vors Café, um den Beifahrersitz besetzt zu bekommen.

Dass ein Stockwerk über der prominenten Schwitzanstalt Notare teure Verträge beurkunden, passt an den Ort und in die Jetztzeit, da die Explosion von Münchens Immobilienpreisen auch die Leopoldstraße prägt. So findet man im Netz beispielsweise ein Zwei-Zimmer-Business-Appartement mit 52 Quadratmetern für 4490 Euro im Monat; das kann eigentlich nur einem Schreibfehler geschuldet sein. Aber ein 30-Quadratmeter-Zimmer für 1350 Euro ist auch nicht gerade günstig.