Schulabschluss in Corona-Zeiten:Ein ganz besonderer Jahrgang

Schulabschluss in Zeiten von Corona: Fünf Schülerinnen und Schüler haben fünf Monate im Wechsel berichtet, welche Herausforderungen sie gemeistert haben. Vom Alleinsein vor dem Bildschirm bis zur neunstündigen Prüfung mit Maske.

Von Kathrin Aldenhoff

Sie hatten sich das anders vorgestellt, klar. Und sind doch froh, dass das Lernen für den Abschluss, dass die Schulzeit nun hinter ihnen liegt. Geschafft: keine Verpflichtungen mehr, Freiheit, Sommer. Lilli Schickel hat ihr Abitur und kann ab Herbst Grundschullehramt mit Sonderpädagogik studieren. Bara Chayah hat den Notenschnitt erreicht, den er braucht, um an die FOS zu wechseln. Niklas Krofta hat am Freitag sein Abiturzeugnis bekommen, Note: 1,1. Yannick Andricek hat sein Fachabitur, Maya Grombach am Mittwoch ihre letzte Prüfung geschrieben. Der Weg dahin war für diesen Jahrgang aber schwieriger als für andere.

Das letzte Schuljahr vor dem Abschluss, da geht es ums Lernen, um Prüfungen und Noten. Da geht es aber auch um Abschlussfeiern, Abschlussfahrten und Zukunftspläne. Und all das war und ist in diesem Schuljahr, das nun zu Ende geht, ganz anders als sonst. Ein Schulabschluss in Coronazeiten - wie das geht, mit welchen Schwierigkeiten die Abschlussschüler umgehen mussten, was sie bewegt und was sie besorgt, über all das haben fünf Schülerinnen und Schüler der verschiedenen Schularten seit Mitte Februar aus ihrer ganz persönlichen Perspektive regelmäßig geschrieben.

Es sind fünf Jugendliche von mehr als 15 800 Abschlussschülerinnen und -schülern in der ganzen Stadt. 4100 an den Gymnasien, 4200 an FOS und BOS, 3100 an den Realschulen, 2300 Mittelschüler und weitere 800 Mittelschüler im M-Zug, für den Mittleren Schulabschluss also, 750 an den Förderschulen, 520 an den Wirtschaftsschulen - so viele haben nach diesem Corona-Schuljahr ihre Abschlussprüfung abgelegt. Noch stehen nicht alle Ergebnisse fest. Die Abiturprüfungen hatten schon Mitte Mai begonnen, hier steht jetzt schon fest: Dieses Abitur ist ähnlich ausgefallen wie die Jahre zuvor. Der Schnitt von 2,14 ist sogar der bislang beste bayerische Abiturschnitt überhaupt. Und doch: Corona hat einen Unterschied gemacht.

Mit der ganzen Abschlussklasse wegfahren, das klappt wegen Corona nicht, sagt Maya Grombach, die ihre Mittlere Reife an der Theresia-Gerhardinger-Mädchenrealschule macht. Sie hofft, dass sie wenigstens mit vier Freundinnen wegfahren kann. "Ich freue mich aber schon sehr darauf, wenn es vorüber ist, wenn ich eine gewisse Freiheit habe, mit dem Abschluss in der Tasche", sagt sie. Und sie fügt hinzu: "Dieses Jahr zieht sich einfach so unendlich lange hin."

Schnelltests wurden für Abschlussschüler schnell zur Normalität

Für sie war es schwierig, dass es viele Monate lang keine Routine mehr gab. "Normalerweise geht man in die Schule, dann stellt sich ein Alltag im Lernen ein", sagt Maya Grombach. "Aber wenn sich immer wieder alles ändert, bringt einen das in Schwierigkeiten. Vor allem, wenn man die Kraft finden muss, sich hinzusetzen und zu sagen: Ich tue jetzt etwas, ich mache im Unterricht mit, ich arbeite gut." Wer alleine zu Hause arbeite, der könne sich ja viel leichter ablenken.

Schulunterricht vor dem Bildschirm, getrennte Klassen, Unterricht in der Aula, der Turnhalle und der Mensa - das ändert einiges. Er habe gemerkt, dass Präsenzunterricht nicht zu ersetzen sei, sagt Yannick Andricek. Seine Lehrer an der FOS an der Barlachstraße hätten sich zwar wirklich sehr bemüht, aber der Austausch mit den anderen Schülern, der fehle einfach, wenn man sich nur über Kameras sehe. "Diskussionen kommen eher schwierig zustande, man muss sich viel mehr konzentrieren." Yannick Andricek hat die Glasknochenkrankheit, so wird das umgangssprachlich genannt. Nach dem Abschluss will er sich nun erst einmal erholen, will sich in Ruhe Gedanken machen, wie seine Zukunft aussehen soll. Irgendwas mit Medien und Film will er machen, so viel steht fest.

Über kaum ein Thema wurde in diesem Schuljahr so ausführlich diskutiert und gestritten wie über die Selbsttests im Klassenzimmer. Für die Abschlussschüler wurden sie schnell zur Normalität. "Ich stecke das Stäbchen in die Nase, drehe es, tauche es in die Flüssigkeit und dann tropfe ich die Flüssigkeit in die Testkassette hinein. Den Rest macht der Test ja alleine", so sagt es Bara Chayah, der an der Mittelschule Toni-Pfülf-Straße seinen Mittleren Schulabschluss gemacht hat. Zwei Mal die Woche testen, drei Mal die Woche - Hauptsache, der Unterricht kann stattfinden.

Abstand halten, auch zu den Mitschülern - daran haben sich die Jugendlichen gewöhnt. Gewöhnen müssen. Monatelang hatte Bara Chayah mit den anderen Abschlussschülern seiner Klasse Unterricht in der Aula - 20 Jugendliche in einem Raum, in den 200 Menschen passen. Mitte Juni sind sie zurück ins Klassenzimmer gezogen. Das habe sich erst einmal ziemlich eng und klein angefühlt, sagt er. Und auf einmal wieder jemanden direkt neben sich sitzen zu haben - das war für alle erst mal ein bisschen fremd.

Über das Unwohlsein in vollen U-Bahnen, den Frust über gestrichene Faschingsferien und schwaches Schul-Wlan - über all diese Themen haben die Abschlussschüler geschrieben. Lilli Schickel von der FOS an der Barlachstraße hat sich darüber geärgert, dass immer nur von den Abiturienten an den Gymnasien gesprochen wird, nicht von denen an der FOS. Und darüber, dass sie trotz der Tests während der Abiprüfungen eine Maske tragen musste. In ihrem Fall waren das neun Stunden während der schriftlichen Deutschprüfung.

Dass dieses Schuljahr nicht nur schlecht war, dass es auch Vorteile hatte, das hat Abiturient Niklas Krofta vom Klenze-Gymnasium in seiner Kolumne beschrieben. Er hat den Lockdown im Winter sogar als angenehm empfunden - er sei jemand, der gerne Zeit zu Hause verbringt, sagt er. Aber: "Am Ende war es schon gut, wieder in die Schule gehen zu können. Denn jetzt ist sie unweigerlich vorbei." Er will im Herbst ein Informatik-Studium an der TU beginnen. Und hofft, dass die Kurse dann in der Uni stattfinden. Nicht zuhause am Rechner.

© SZ vom 17.07.2021
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