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Ausstellung zu Ingo Maurer:Das große Leuchten

Ingo-Maurer-Retrospektive München,

Ingo Maurers Zettel-Leuchte in der Version „Laughing Buddha“.

(Foto: Anna Seibel)

Das fulminante Werk des Lichtgestalters Ingo Maurer ist in der Pinakothek der Moderne zu sehen. Der Künstler starb kurz vor der Vollendung der Ausstellung.

"Das Entscheidende am Licht ist der Schatten." Das ist der Satz, den man noch aus einem der letzten Gespräche mit Ingo Maurer in leicht melancholischer Erinnerung hat. Dieser geniale Lichtgestalter, der Meister Lampe des Leuchtendesigns, den man insofern auch als Schattenmann verehrt, ist am 21. Oktober im Alter von 87 Jahren gestorben. Weshalb die in München soeben in der Pinakothek der Moderne eröffnete Ausstellung "Ingo Maurer intim. Design or what?" zu seinen letzten Arbeiten zählt.

Maurer hat die von der Neuen Sammlung kuratierte Schau in der Paternoster-Halle des Museums - zu sehen sind mehr als 80 Objekte, Modelle und Fotografien - mitgestaltet. Der retrospektive Blick auf sein fulminantes Werk ist berührend, Maurer starb kurz vor der Vollendung der Ausstellung. Wenn der Tod ein Schattenreich sein sollte, dann wird er darin für ein wunderbares, ja magisches Licht sorgen. Auch das sagte er in jenem Gespräch: "Das Entscheidende am Schatten ist das Licht. Und umgekehrt."

"Zettel'z 5" (1997) lebt vom Mitmachen: Die Leuchte ist zu beschriften.

(Foto: Anna Seibel)

Wenn man diesen Satz, der eine Sentenz ist, gleich mal auf die Ausstellung, die eine große Hommage an die Größe des Gestalters ist, anwendet, dann gerät man zielstrebig auf Nebenwege. Nebenwege und Abseitiges, Zufälliges und Verirrtverwirrendes: So etwas mochte Maurer. Man gelangt also gern dorthin, wo die zentrale Paternoster-Halle mit ihren nimmermüde sich hebenden und senkenden Schatullen, die wunderbar zu Maurers Philosophie der Dynamik passen, in die Räume der ständigen Sammlung übergeht.

Und hier ist das bemerkenswert paradox erscheinende Objekt einer Leuchten-Parade eine in luftiger Höhe sich scheinbar aus der Wand zum Flug stemmende Figur, die präsent ist durch ihren Schatten. Nicht die Leuchte zählt - oder das Licht. Sondern der Schatten. Maurer hat seinem Denken sinnfällig Ausdruck gegeben.

Die Figur aus Polyurethan und Harz, sie ist ganz im typischen Yves-Klein-Blau gehalten, also in einem monochromen Ultramarinblau, das herrlicherweise vom Rot lebt, ist eine Hommage an den französischen Maler und Performancekünstler. Zu sehen ist Yves Klein bei seinem legendären "Sprung in die Leere". Nur mit der Fußspitze berührt "Remember Yves" (2007) die Wand. Genau an diesem Fußpunkt eines statisch tollkühn erscheinenden Augenblicks gefrorener Dynamik entwickelt sich der nur von einer kleinen Leuchte erzeugte, flächige Schatten der dreidimensionalen Figur, um zum eigentlichen Werk zu werden: zum Schatten, der vom Licht so erzählt, so dass daraus letztlich Architektur wird. "Und umgekehrt." Denn ohne Licht und Schatten gäbe es auch keine Architektur. Sie sind konstituierend für den Raum, sie machen ihn erst erfahrbar. Was letztlich (denkt man an Sonnenaufgang und Abenddämmerung) auch für die Zeit gilt. Raum und Zeit sind die Geschöpfe von Licht und Schatten.

Die Yves-Hommage ist eine typische Arbeit für Maurer. Etwas Kunst, etwas Design, etwas Architektur, wenig Licht, viel Schatten, ein Witz, eine Philosophie, eine Lakonie, eine Perfektion, ein Körper, eine Fläche, Dynamik und Statik, Ambivalenz und Paradoxie - und die Komplexität des Einfachen. Nicht zufällig hat man die relativ späte Arbeit in direkter Nachbarschaft dort platziert, wo mit "Bulb" 1966 alles begann. Denn am Anfang war die Glühbirne. Maurers Karriere, eine irre Selfmadestory, die aus dem Sohn eines Fischers vom Bodensee und aus dem Enkel Hamburger Bodellbetreiber einen weltweit prägenden Lichtgestalter machte, ist ohne die Liebe zur Birne (bulb) undenkbar.

Birne, Lampe, Leuchte - was ist nochmal der Unterschied?

Die erste Leuchte Maurers, eine popartifiziell zur Leuchtskulptur erweckte Glühbirne, die wie eine Matrjoschka-Puppe in einer noch größeren Glühbirne steckt und so die alte Sprachregel zwischen "Lampe" (das ist das Leuchtmittel, also die Birne) und "Leuchte" (das ist die Gesamtarchitektur, im Bulb-Fall also ebenfalls die Birne) auf huroresk-groteske und form-follows-function-schöne Weise ins Absurde führt. Bulb als überdimensionale Glühbirne, richtigerweise: Glühlampe, gedacht als Liebeserklärung an Thomas Alva Edison, war sogleich ein großer Erfolg. Finanziell sowieso. Noch die "Glüh"-Imitate, die heute hunderttausendfach in Betonquadern stecken ("Loxomo", 39,90 Euro), sind von Bulb inspiriert. 1969 nahm das Museum of Modern Art Bulb in die ständige Design-Sammlung auf. Nicht vielen Leuchten wurde und wird diese Ehre zuteil.

Zwischen Bulb und Remeber Yves sind natürlich auch die üblichen Maurer-Ikonen in der Ausstellung zu sehen, das Seilsystem "YaYaHo" etwa, die Partizipativ-Leuchte "Zettel'z 5", die Herzleuchte "One from the Heart" oder die explosive Leuchte "Porca Miseria!" Auch die Lichtkunst im öffentlichen Raum, von der U-Bahn- bis zur Theater-Illuminierung, wird dokumentiert. Die Schau macht zudem klar, dass der Poet Maurer auch ein Techniker war, ein Pionier der Leuchtwissenschaft, die für ihn untrennbar verbunden war mit der Lichtästhetik. Am wichtigsten aber ist vielleicht die Einsicht, dass Maurer mit seinem Licht der modernen, traurig erhellten Welt den Schatten, das Geheimnis und etwas Magie zurückgegeben hat.

Ingo Maurer intim. Design or what? Die Neue Sammlung - The Design Museum, Pinakothek der Moderne, bis 18.10.2020. die-neue-sammlung.de

© SZ vom 16.11.2019/vewo
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