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Zum Tod von Ingo Maurer:Meister Lampe

Ausstellung des Lichtdesigners Ingo Maurer

Der Formwille von Ingo Maurer (1932-2019) war groß, trotzdem vergaß er nie die Funktion seiner Objekte. Denn er war überzeugt: "Schlechtes Licht macht unglücklich."

(Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Bei allem Formwillen hatten Ingo Maurers Entwürfe immer auch eine Funktion: wundervolles Licht. Zum Tode eines Designers, der nicht nur seine Werke zum Strahlen brachte.

In der Stadt mit dem schönsten Licht der Welt ein neues Licht zu entwerfen, eines, das nicht vom Wasser des Canal Grande reflektiert wird, sondern aus einer ordinären Glühbirne kommt, dafür braucht es wohl den Genie eines Meisters. Und genau den besaß Ingo Maurer, weltweit einer der bekanntesten Lichtdesigner, einer der Objekten eine Geschichte verlieh und sie dann auch noch zum Strahlen brachte. Der Autodidakt war und trotzdem gleich mehrere Generationen von Designern prägen sollte. Und dessen Entwürfe nicht nur in allen wichtigen Designmuseen dieser Welt stehen - von München über New York bis nach Tokio - und komplette U-Bahnhöfe gestalten, sondern der gerade eben noch das Residenztheater in München mit einer betörend schönen Lichtinstallation erleuchten ließ.

Im Hotelzimmer in Venedig, was etwa im Jahr 1965 gewesen sein muss, hat Ingo Maurer wohl selbst am wenigsten mit dieser erstaunlichen Karriere gerechnet. Wie auch? Sein strenger Vater war Fischer am Bodensee gewesen und Erfinder. Seine Mutter Tochter zweier Hamburger Bordellbetreiber. Ihn selbst, der kurz vor dem Krieg 1932 geboren wurde und später eine Lehre als Schriftsetzer gemacht hatte, zog es erst mal in die Welt. Mit 4000 Dollar in der Tasche und auf der Suche nach der Freiheit, was einen in dieser Zeit schnurstracks nach Amerika führte, wo Ingo Maurer die Hippievariante einer Ost-West-Durchquerung absolvierte. Angekommen in San Francisco, mit gerade noch 18 Dollar in der Tasche, arbeitete er zunächst als Art-Direktor einer Agentur, bis das erste Kind mit seiner Frau unterwegs war und beide wieder über Umwege nach München zogen.

Zum Tod von Ingo Maurer

Das letzte Feuer

Von dort bis zum Venezianischen Hotelzimmer war es nicht mehr allzu weit. Offenbar muss es recht spartanisch gewesen sein, von der Decke baumelte jedenfalls eine nackte 15-Watt-Glühbirne. Aber just diese Kargheit, vielleicht sollte man in diesem Zusammenhang aber lieber von Klarheit sprechen, und eine Flasche Rotwein führten zu dem sprichwörtlichen Geistesblitz, der Maurer kam, während er auf dem Bett lag und nach oben blickte: "Wenn man etwas betrunken ist, macht man die Dinge bisweilen größer, als sie sind. Ich fing spontan an zu zeichnen, war ganz euphorisch." Was sich am Ende auf dem Blatt Papier finden sollte, war die Ode Ingo Maurers an seine "große Liebe": die Glühbirne. Bis zum Schluss, als diese schon längst ausrangiert war, bezeichnete Maurer sie als solche. Mit ihrer "schönen Symbiose aus Technik und Poesie", ihrer Zerbrechlichkeit - und ihrer Kraft. Wenn statt einer 15-Watt-Glühbirne eine mit 1500 Watt an der Decke hängt, kann sie schließlich auch zur Waffe werden. Ingo Maurer war ein derart großer Verteidiger der Glühbirne, dass er sie sogar zum Weltkulturerbe ernennen lassen wollte. Vergeblich.

Dafür wurde Maurers Ode eine Ikone. Am Tag nach der Nacht in Venedig setzte er zu den Glasbläsern auf die Insel Murano über und ließ sich seine Version einer Glühbirne blasen. Zuhause in München kam die metallene Fassung dazu, geboren war "Bulb", eine übergroße Glühbirne. Die schaffte es bereits 1969 ins Museum of Modern Art (MoMA) in New York, der Ritterschlag für jeden Designentwurf. Bedeutet es doch Tür an Tür mit großen Kunstwerken ausgestellt zu werden. Doch das ist für Ingo Maurers Objekte wohl nur angemessen. Denn was sich bald aus der Werkstatt in der Schwabinger Kaiserstraße aufmachte die Welt des Lichtdesigns zu erobern, war so etwas wie der Inbegriff von Autorendesign.

Also Kunstwerke, in Zeiten industrieller Reproduzierbarkeit. An jedem Detail eines Entwurfs lässt sich schließlich sofort erkennen, dass es sich dabei um einen echten Ingo Maurer handelt: mal bekam die Glühbirne Flügel aus Gänsefedern wie bei "Lucellino" (1992) oder rote Storchenfüße aus Plastik wie bei "Bibibibi" (1982). Dann ließ der Designer ein halbes Service zersplittern - "Porca Miseria!" (1994) - oder einen Zettelkasten zur Explosion bringen, "Zettel'z 5" (1997). Doch bei allem Formwillen vergaß Maurer nie die Aufgabe seiner Objekte: "Die Witze, die ich mir erlaube, haben auch immer eine Funktion. ,Bibibibi' macht ein sehr wundervolles Licht."

Wie das Licht auf Menschen wirkt, das war Ingo Maurer, der zu jedem seiner Entwürfe eine Geschichte erzählen konnte und bis zum Schluss mit seinem Team in Schwabing an neuen Projekten arbeitete, sehr wichtig: "Schlechtes Licht macht unglücklich." Deswegen kämpfte er auch gegen "dröge Funseln". Und steckte mit seiner Leidenschaft an: Konstantin Grcic, einer der bekanntesten Produktdesigner der Welt, erklärt zum Tod des Designers: "Woran ich sofort denke: Ingo Maurer war ein Mensch mit einem großen Herz. Und dieses Herz leuchtete voller Leidenschaft und Neugier und Großzügigkeit. Das Licht, das er in sich trug, hat er den Menschen geschenkt. So einfach, so besonders."

Lesen Sie mit SZ Plus ein Interview von April 2019:
Design "Die Glühbirne war meine große Liebe"
SZ-Magazin

Ingo Maurer im Interview

"Die Glühbirne war meine große Liebe"

Der Lampendesigner Ingo Maurer spricht über dunkle Stunden, seine Abneigung gegen Werbung und Marketing, die Entstehung seiner bekanntesten Leuchte und Licht, das glücklich macht.