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SZ-Serie: Münchner Chefzimmer:Der Hobbyrocker in Zimmer 293

Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter in seinem Büro im Rathaus.

Mag eigentlich keine Papierberge: Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter.

(Foto: Catherina Hess)

Dieter Reiter könnte in seinem Büro ein Bad nehmen oder Gitarre spielen - wenn da nicht die vielen Akten wären. Ein Besuch bei Münchens Oberbürgermeister.

Nebenan in dem kleinen Ruheraum stehen die Gitarren. Eine akustische und eine elektrische, der Verstärker natürlich mit dabei. "Das hat sich leider nicht so eingependelt, wie ich ursprünglich gedacht habe", sagt Dieter Reiter. Eigentlich wäre es schön gewesen, zur Entspannung zwischen den Terminen ganz privat im stillen Kämmerlein ein paar Gitarrenriffs zu spielen. Dazu aber fehlt dem Oberbürgermeister die Zeit. Die Instrumente werden vor allem dann genutzt, wenn sich der begeisterte Hobbyrocker in einem nahegelegenen Übungsraum mit seiner Band trifft. Ansonsten stehen sie herum, wie auch der offensichtlich ungenutzte Fernseher, über dem ein Fußballtrikot hängt. "Der ist nicht einmal angeschlossen", sagt er.

Was der 61-Jährige sonst noch mit seiner E-Gitarre anstellt, ist auf einem riesigen Foto an der Wand seines Büros zu sehen. Da tritt der SPD-Politiker auf großer Bühne vor mehr als 20 000 Menschen auf - beim Konzert für Flüchtlinge und ihre Helfer 2015 auf dem Königsplatz. Es war ein Statement - und davon finden sich einige in dem gut 70 Quadratmeter großen Amtszimmer an der Südwestecke des Rathauses am Marienplatz. Eine Ansicht der ersten Großdemo gegen Pegida am Sendlinger-Tor-Platz ist zu sehen, im Regal stehen Fotos von Willy Brandt und Helmut Schmidt. Collagen von Kindern, die dem Rathaus-Chef geschenkt wurden, hängen an der Wand, es gibt jede Menge Bücher und die unvermeidlichen Devotionalien. Bierkrüge etwa.

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Dazu kommen Erinnerungen ans erste Anzapfen auf der Wiesn: ein roter, bemerkenswert schwerer Schlegel und ein mattschimmernder Zapfhahn.

Zimmer 293, Marienplatz 8, 80331 München lautet die korrekte Anschrift des Oberbürgermeisters. Wobei Raum 293 eigentlich eine ganze Zimmerflucht markiert. Besucher kommen zunächst ins Vorzimmer, das über einen markanten Erker am Rathauseck verfügt. Alte Türen, verschnörkelte Stühle, Parkett - was das Rathaus von außen verspricht, hält es im Großen und Ganzen auch im Inneren ein. Reiters Büro, direkt anschließend ans Vorzimmer, sieht etwas anders aus. Moderner. Schnörkellos. Es gibt einen stinknormalen Schreibtisch, einen Konferenztisch mit Stühlen und eine kleine Sitzgruppe, die laut Reiter überhaupt nie benutzt wird. Standardmobiliar der Münchner Stadtverwaltung. Kein teures Office-Design.

Auf den Hauptraum mit Reiters Arbeitsplatz folgen: das kleine Nebenzimmer mit Couch, Trikots und Gitarren. Sowie ein Mini-Raum mit Schrank, in dem Reiter ein paar Reservehemden verwahrt ("falls beim Mittagessen wieder mal was schiefgegangen ist") und der als Vorraum für das kleine Bad dient. Theoretisch könnte man in diesen Räumen auch mal über Nacht bleiben. Das hat Reiter aber noch nie getan. Irgendwann muss man auch einmal nach Hause.

Von Amtsvorgänger Christian Ude ist in den Räumen nichts geblieben. Der hatte eine schon etwas bejahrte Auslegware auf dem Boden liegen, besaß eine wohnzimmertaugliche schwarze Ledersitzgruppe, auf der er Gäste und Mitarbeiter empfing, und einen nicht immer ganz aufgeräumten Schreibtisch. Ein bisschen verkruschter als heute sah es bis 2014 aus, für Reiters Geschmack war es eindeutig zu dunkel.

Der aktuelle OB ist "Leertischler", wie er es selbst nennt. Überquellende Papierberge sind ihm ein Gräuel. Am Abend, so sein Prinzip, sollten auf dem Tisch keine unbearbeiteten Akten mehr herumliegen. Akten gibt es in großer Zahl in einer Stadtverwaltung. Über den Tisch des OB wandern jährlich Tausende von Beschlussvorlagen für den Stadtrat. Mappen über Mappen zum Unterschreiben. Bürgerpetitionen. Beschwerden. Und es geht ja nicht immer nur um Kommunalpolitik. Ein Münchner Oberbürgermeister ist Mitglied und zumeist sogar Vorsitzender zahlreicher Aufsichtsräte. Auch da gilt es wichtige Entscheidungen zu treffen.

Reiter verbringt in seinem Amtszimmer nach eigener Aussage mehr Zeit, als ihm eigentlich lieb ist - Politiker müssten schließlich unter die Leute. Aber natürlich hat ein Oberbürgermeister automatisch auch jede Menge Repräsentationspflichten außerhalb des Rathauses. Ein Stadtoberhaupt tingelt quasi als Reden-Maschine und Grußwort-Automat durch die Stadt. Es gilt, Bürgersprechstunden, Aufsichtsrats- und sonstige Sitzungen zu absolvieren und ganz allgemein die Stadt zu repräsentieren. Dafür gibt es ein streng hierarchisches Vertretungssystem: Hat der OB keine Zeit, werden zunächst die Terminkalender der beiden Bürgermeister befragt. Es folgen: Fraktionsvorsitzende und irgendwann auch einfache Stadträte. Ein bis zwei Außer-Haus-Termine pro Tag sind für den Rathaus-Chef das Minimum.

Aber auch wenn Reiter im Rathaus ist, sitzt er nicht zwangsläufig an seinem Schreibtisch. Die wöchentliche Runde der städtischen Referenten etwa trifft sich mit ihrem Chef in einem anderen Sitzungsraum auf gleicher Etage. Ebenfalls im zweiten Stock befinden sich der Große und der Kleine Sitzungssaal, in denen der Stadtrat tagt. Ist der OB mit im Saal, führt er den Vorsitz.

Zwischen den Terminen ganz privat im stillen Kämmerlein ein paar Gitarrenriffs spielen? Dazu fehlt dem Oberbürgermeister die Zeit.

(Foto: Catherina Hess)

Manchmal aber sitzt Reiter auch einfach nur auf seinem Fensterbrett und denkt nach, wie er weiter verfahren soll. Das geht gut bei dem wirklich sensationellen Blick direkt auf den Marienplatz, wie er sagt. Und es müsse sein. "In letzter Zeit habe ich oft über die Fraunhoferstraße nachgedacht", sagt Reiter. Radfahren plus Verkehrswende versus Autofahren plus Lieferverkehr. Ein klassisches Kommunalproblem. Der Oberbürgermeister ist es gewohnt, unangenehme Beschlüsse zu fassen. Schon wegen seiner Rolle als oberster Chef der Verwaltung. Die Referenten fragen normalerweise nicht bei Alltagsthemen im OB-Büro nach. Sondern vor allem dann, wenn eine "Pest-oder-Cholera-Entscheidung" ansteht, erklärt er.

Oberbürgermeister, das sagt Reiter immer wieder, sei ein Traumberuf. Weil man wirklich erstaunlich viel bewirken könne. Dennoch gibt es natürlich auch jene Tage, an denen irgendetwas grandios schief läuft oder heftige Attacken auf das eigene Nervenkostüm gestartet werden. Reiter kann dann auf eine Sammlung mit Postkarten zurückgreifen, die ihm der frühere Kulturreferent Hans-Georg Küppers regelmäßig alle 14 Tage mit ins Büro gebracht hat. Darauf lustige und manchmal auch etwas derbe Büro-Sprüche à la "Mach einfach dein Ding. Irgendjemand findet es sowieso scheiße." Oder: "Nicken, lächeln, Arschloch denken." Das klingt natürlich nicht sehr nett. Aber im Ernstfall hilft es.

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