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Nymphenburger Sommer:Klassik nur für Geimpfte

Frisch renoviert: Der 250 Jahre alte Hubertussaal glänzt. Fehlt nur noch das Publikum. Das könnte der "Nymphenburger Sommer" liefern.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Der Veranstalter des Nymphenburger Sommers fordert die Spielerlaubnis für sieben Konzerte, weil laut Umfrage 90 Prozent der Ticketbesitzer bereits geimpft sind.

Von Michael Zirnstein

"Wasserdicht" soll das Sicherheitskonzept des "Nymphenburger Sommers" sein, "und zwar in alle Richtungen", sagt Eckard Heintz. Der Initiator der renommierten Klassikkonzertreihe meint: "absolut Corona-sicher". Im Hubertussaal soll für Viren gelten, was für Hunde an der Metzgerei gilt: "Wir müssen leider draußen bleiben". Zur Rettung der Kammermusik allgemein und speziell der sieben Konzerte der 17. Saison seines Herzensprojekts geht Heintz weiter als alle Veranstalterkollegen. Er legt nicht nur ein ausgeklügeltes Hygienekonzept vor, sondern will zudem garantieren, dass alle Gäste gegen Corona geimpft sind: Zugangsvoraussetzung Nummer 1 ist ein Impfnachweis.

Die große Frage ist: Spielen Kartenkäufer, Behörden und Politik mit? Daher verfolgte Heintz gespannt den Impfgipfel von Kanzlerin Angela Merkel und den Ministerpräsidenten. In den Berichten suchte er aber "vergeblich nach behördlichen Zeichen der Hoffnung für den Beginn ,Corona-freier' Kultur-Veranstaltungen". Die Aufhebung der Impfpriorisierung im Juni hatte Priorität in der Runde, über Privilegien für Geimpfte beim Shoppen, Reisen und Kulturgenuss will man später entscheiden. Zumal beide Punkte moralisch verknüpft sind: Kann man nicht erst dann Geimpften wieder Rechte zurückgeben, wenn jeder zumindest die Möglichkeit hat, sich ein Vakzin spritzen zu lassen?

So lange will und kann Heintz nicht warten, das erste Konzert mit dem Schumann Quartett ist am 8. Juni angesetzt. Und schließlich habe er eine spezielle Zielgruppe, "alles graubemooste Häupter", sagt er im Scherz, den er sich erlauben kann, weil er mit 85 Jahren auch dazugehört - und bereits geimpft ist, wie er es von allen seinen Kunden erwartet, zumindest bis Juni. Heintz weiß das, weil er alle angeschrieben hat. Das ging, weil es nur 135 Ticketkäufer gibt: Die Sitzplatzzahl wurde von 400 auf 80 reduziert, und die meisten Stammkunden haben gleich mehrere Konzerte gebucht. Er fragte sie also unter anderem, ob sie einen Impfnachweis ins Schloss mitbringen würden. "90 Prozent haben mit ja geantwortet", sagt Heintz.

Aber beeindruckt das die Obrigkeit? Zum Glück ist Heintz, der der erste Geschäftsführer des Münchner Gasteigs war, bestens vernetzt. So hat er den bayerischen Ministerien für Kunst und für Gesundheit geschrieben sowie dem Münchner Kommunalreferat und "eine Veranstaltungs-(Sonder-)Genehmigung als Pilot-Projekt (§28 Abs. § 12. BaylfSMV)" beantragt. Von dort kamen bisher keine positiven Signale. Auf Nachfrage der SZ erklärt Kunstminister Bernd Sibler lediglich sein Wohlwollen, dass es ihm "sehr am Herzen liegt, bei einem Inzidenzwert unter 100 kulturelle Veranstaltungen zu ermöglichen" und dass er "im intensiven Dialog mit allen beteiligten Ressorts, auch mit den Gesundheitsbehörden" stehe. Das Kommunalreferat wiederum wartet auf neue Regelungen, die "auf Bundes- und Länderebene" getroffen würden. In der gültigen 12. Bayerischen Infektionsschutzmaßnahmenverordnung seien "Ausnahmen oder Privilegien für geimpfte Personen nicht vorgesehen".

Die meisten Kollegen von Heintz fordern derlei gar nicht. Beim Verband der Münchner Kulturveranstalter heißt es, man wolle "niemanden ausschließen" (Patrick Oginski); Impfkontrolle sei kompliziert, das eigene Personal zu impfen sei derzeit nicht möglich, und man wolle etwa bei der "Langen Nacht der Musik" gerade ein Angebot auch an Jüngere machen (David Boppert); und es bestünde die Gefahr, Kunden zu "vergraulen", sagt Anna Kleeblatt, die auch darauf hinweist, dass subventionierte Betriebe kaum separieren dürften. Außerdem tue man schon genug. "Wir wissen doch, dass sich bei unseren Hygienekonzepten niemand im Konzert ansteckt", sagt Kleeblatt, "schon dass wir mit dem Publikum Schnelltests machen wollen, ist doch unser Zusatzangebot an die Politik - das Sprungtuch, das wir einziehen."

Die kulturpolitischen Sprecher der Landtagsfraktionen hat Eckard Heintz jedenfalls hinter sich. "Wir brauchen mutige Leute wie ihn, die in der Kultur etwas wagen", sagt Wolfgang Heubisch, FDP, "ich kann nur dringend empfehlen, seinem Antrag stattzugeben." Beim Nymphenburger Sommer gebe es doch ein "gesetzteres Publikum, die können doch alle ihren Impfausweis vorzeigen. Da müssen nun das Gesundheitsministerium und die Stadt zusammenspielen. Es muss endlich etwas passieren." So sieht das auch Sanne Kurz von den Grünen: "Die Kultur ist dankbar um alle, die wieder Kultur besuchen dürfen - darum ein klares Ja dazu, Geimpften Kultur zu erlauben." Es dürfe aber keine Klassengesellschaft geben, Impfungen für Jüngere seien noch fern, man müsse auch an Kinder- und Jugendtheater denken.

Dass Menschen mit negativem PCR-Test nicht schlechter gestellt werden dürfen als Geimpfte, findet nicht nur Kurz, sondern auch Robert Brannekämper von der CSU. Er kann sich, "wenn die Inzidenz deutlich unter 100 liegt", Erleichterungen bei Konzerten für alle vorstellen, die geimpft seien oder mit einem Schnelltest nachweisen, dass sie keine Viren übertragen können. Eine "spannende Frage" sei es dann, so Volkmar Halbleib, SPD, ob man dann bei Konzerten für Geimpfte und Getestete auf Abstände und Masken verzichten könne. Denn Virologen könnten momentan keinen Gegenbeweis liefern, dass auch Geimpfte Viren noch übertragen können. Dennoch, kulturelle Öffnungen will auch er, "und solange nicht alle geimpft sind, lasst uns eine Möglichkeit finden, die nicht spaltet". Auch er will Impfungen und Tests gleichstellen.

Diese Lösung wäre Eckard Heintz nur recht. Der Initiator der "Aktion: Rettet die Kammermusik" hat vorgesorgt und in seinem Schreiben an die Gäste in spe gefragt, ob sie zudem bereit wären, einen Schnelltest zu machen. Niemand war dagegen - alles wasserdicht.

© SZ vom 28.04.2021/vewo, van
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