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SZ-Serie: München natürlich:Berühmtheit in der Baumhöhle

Der bekannte Kauz Kasimir.

(Foto: Robert Haas)

Der Waldkauz Kasimir haust in einer alten Linde im Nymphenburger Schlosspark. Dort leben zwar noch andere Artgenossen - aber niemand wird so oft fotografiert wie er.

Von Thomas Anlauf

Die alte Linde reckt ihre knorrigen Äste in den frühherbstblauen Himmel. Sie ist eine imposante Erscheinung, auch wenn Wind und viele Jahrzehnte an ihr Spuren hinterlassen haben. Direkt neben einer kleinen Brücke hat sie dereinst Wurzeln geschlagen, wer weiß, vielleicht stand sie schon, als der Nymphenburger Schlosspark angelegt wurde. Immer wieder bleiben Spaziergänger unter der Linde stehen und blicken andächtig nach oben. Allerdings bestaunen sie nicht den alten Baum, sondern seinen berühmtesten Bewohner: Kasimir. Auch Franz Hammerl-Pfister blickt mit seinem Fernglas nach oben und sagt: "Er ist wohl der am meisten fotografierte Waldkauz der Welt."

Kasimir. So wurde der Waldkauz (Strix aluco) bei einer Umfrage unter Schlossparkbesuchern getauft. Es ist aber wohl gar nicht mehr der Kauz von einst, der täglich mit seinen großen schwarzen Augen von seiner Baumhöhle hinunter auf die Menschen blickt, die zu ihm aufschauen. "In diesem Jahr ist es ein Grauer", sagt Hildegard Pfister. Vor ein paar Jahren saß dort oben noch ein rotbrauner Kauz Kasimir. Hildegard Pfister und ihr Ehemann Franz beobachten die Vögel seit Jahren. Jeden Morgen machen sie einen Spaziergang in den nahegelegenen Schlosspark und dokumentieren Vögel. Eisvögel im Winter, Gänse im Frühling und Sommer. "Es gibt immer wieder etwas Neues zu entdecken", sagt Hildegard Pfister. Das Ehepaar weiß genau, wo die Waldkäuze in dem Park wohnen. Etwa hinter der Amalienburg in einer uralten Esche.

Hildegard Pfister und ihr Ehemann Franz Hammerl-Pfister beobachten seit Langem die Vögel im Nymphenburger Park.

(Foto: Robert Haas)

Wo alte oder auch schon tote Bäume stehen und nicht gefällt werden, fühlen sich Waldkäuze und auch andere Eulenarten wohl. Dort können sie ihre Jungen groß ziehen und finden auch genügend Futter. Denn ein alter Baumbestand ist auch ein gutes Zeichen für Artenvielfalt. Normalerweise ernährt sich ein Kauz von Mäusen und Ratten, die er meist in der Nacht fängt, aber auch Vögel wie Finken und Tauben oder mal ein Regenwurm stehen auf dem Speisenplan. Bei der Jagd helfen ihm nicht nur die Augen, die selbst in fast völliger Dunkelheit noch etwas sehen, sondern auch das hervorragende Gehör. Der Kauz hört auch einen Regenwurm, der beim Kriechen durchs Laub leise ein Blatt verschiebt. Das liegt an den asymmetrisch angeordneten Ohren und den trichterförmigen Federkränzen um die Augen, die auch das kleinste Geräusch weiterleiten. Der Kauz hört sozusagen dreidimensional.

Das ist auch wichtig, weil der Waldkauz nachtaktiv ist und eigentlich im Stockdunklen rund um seinen Baum unterwegs ist. Dabei prägt sich die Eule schon als kleiner Vogel die Umgebung genau ein. Das kann lebenswichtig sein: "Die Jungen lernen, wo etwas steht, damit sie in der Dämmerung nicht dagegen fliegen", sagt der pensionierte Biologielehrer Franz Hammerl-Pfister, der auch zwei Jahrzehnte lang Umweltbeauftragter der Stadt für die Münchner Schulen war. Für die Lektion haben die Kleinen auch ausgiebig Zeit: Wenn sie im Winter schlüpfen - das Weibchen legt normalerweise zwischen einem und bis zu sieben Eiern - sitzen sie, sobald sie die Augen geöffnet und aufrecht stehen können, meist nebeneinander auf Ästen nahe der Baumhöhle. Ästlinge heißen die noch flugunfähigen Vögelchen und rufen ständig etwas, das nach "Ksik" klingt.

Waldkauz

Name: Strix aluco

Vorkommen: Der Waldkauz ist weit verbreitet, meist findet man ihn in Parks wie dem Englischen Garten und dem Nymphenburger Schlosspark oder Wäldern mit alten Baumbeständen. Er brütet nicht nur in Baumhöhlen, sondern auch manchmal in Dachböden oder Felsnischen.

Besonderheiten: Die meist nachtaktiven Jäger können extrem gut hören und sehen. In totaler Dunkelheit verlassen sie sich komplett auf ihr Gehör. Die Vögel haben eine Flügelspannweite von fast einem Meter und fliegen dank speziellem Federkleid nahezu lautlos.

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Die Verständigung zwischen Waldkäuzen ist interessant. Das Männchen ist zuständig für den Wohnort des künftigen Paares und ruft gerne das lang gezogene "Hu-huuh" in die Nacht. Ein interessiertes Weibchen wiederum lockt mit "Kuwitt", was früher von vielen Menschen als "Komm mit!" gedeutet wurde. Abergläubische befürchteten, dass der einst als Todesvogel verschriene Kauz den Tod eines nahen Verwandten voraussagte. Bis heute ist das "Huh-Huuh" ein billiger Filmtrick, um Angst und Spannung zu erzeugen.

Die ersten Balzrufe beginnen übrigens im Herbst und dauern mit einer Pause bis in den Vorfrühling. Ein Weibchen wählt ihren Partner sowohl nach dem Ort aus, der ihr gefallen muss, als auch danach, was der werbende Kauz ihr mundgerecht zu Fressen bringt. Erst dann entscheidet sich das Weibchen, ob sie sich dauerhaft an den Partner bindet. Dann bleiben sie ihrem Revier treu. So wie im Nymphenburger Schlosspark. Kasimir ist nicht der einzige Kauz, der dort lebt. Hildegard Pfister und ihr Mann Franz gehen davon aus, dass insgesamt sechs bis acht Vögel dort ihr Revier haben. Einer lebt im Kabinettsgarten, ein anderer an der Pagodenburg. Aber keiner von ihnen ist so berühmt wie Kauz Kasimir.

© SZ vom 14.09.2020/vewo
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