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Biotopia Museum:Staunen statt studieren

Über das Staunen wollen die Macher des Biotopia die Neugier auf Wissenschaft wecken und die Besucher zum Wiederkommen animieren.

(Foto: Biotopia)

Weniger Exponate, mehr Experimente: Das neue Konzept des Museums Mensch und Natur will Besucher erleben lassen, was Mensch und Tier verbindet.

Von Martina Scherf

Die Tage des Museums Mensch und Natur sind gezählt. Doch hinter den Kulissen wird seit Jahren an einem Neubeginn gearbeitet. Oder besser: An einem dreimal so großen, modernen Naturkundemuseum, das neue Maßstäbe für die Vermittlung von Wissenschaft setzen will: Biotopia.

Das Jubiläum und der Neubeginn, beides wird durch Corona beeinträchtigt. Man kann nicht richtig feiern, und auch das Science-Festival des Biotopia-Teams muss aufs nächste Jahr verschoben werden. Ende Juni hätte die Entwurfsplanung für die Erweiterung samt Kostenkalkulation dem Landtag vorgelegt werden sollen. Das soll nun nach der Sommerpause geschehen, sagt Museumsdirektor Michael Apel. Er ist zugleich Stellvertreter des Biotopia-Gründungsdirektors Michael John Gorman. 95 Millionen Euro standen als Richtschnur im Masterplan vor drei Jahren. Das ist sicher längst überholt - allein die Baukosten sind in dieser Zeit um rund zehn Prozent gestiegen. Noch ist nicht einmal das einstige Uni-Gebäude abgerissen, auf dessen Gelände die Erweiterung gebaut werden soll. Frühestens in der zweiten Jahreshälfte 2021 können die Bagger anrücken, sagt Apel.

Grundsätzlich wird sich an der Planung aber nichts ändern, betont Wissenschaftsminister Bernd Sibler (CSU). "Die Covid-19-Pandemie hat uns alle vor bisher unbekannte Herausforderungen gestellt. Die Planungen auf der Grundlage des Entwurfs von Staab Architekten laufen jedoch weiter und werden nach Fertigstellung dem Bayerischen Landtag zur Entscheidung vorgelegt", so Sibler. Nachdem der Architekt Volker Staab Farbgebung und Fassadengestaltung änderte, weil sich gegen den Ursprungsentwurf massiver Protest von Münchnern geregt hatte, die das Schloss verschandelt sahen, scheint an dieser Front Ruhe eingekehrt zu sein.

Bleibt die spannende Frage, mit welchen Inhalten sich das neue Museum füllen wird. Klar ist: Biotopia wird mit einem klassischen Naturkundemuseum nicht mehr viel gemein haben. Weniger Exponate, mehr Experimente, Staunen statt studieren, so in etwa lautet die Devise. Biotopia soll weltweit das erste Museum werden, "das Verhaltensweisen sowie Natur- und Lebensprozesse in den Mittelpunkt stellt". Es wird nicht nach Geografie und Taxonomie, also nach Erdzeitaltern, Regionen und Arten gegliedert, sondern nach Themen, die Mensch, Tier und Pflanze verbinden, wie Essen, Schlafen oder Fortpflanzen. Empathie mit allen Lebewesen sollen Besucher empfinden, sagt Gorman, und sich im Idealfall aufgefordert fühlen, sich für deren Schutz zu engagieren.

So ganz neu ist das allerdings nicht. Schon vor einem halben Jahrhundert lautete der Gründungsauftrag für das Museum Mensch und Natur: "... die Menschen über sich selbst, über ihre Umwelt und über die der Natur durch die technische Zivilisation drohenden Gefahren zu unterrichten und fortzubilden", wie der damalige Ministerpräsident Alfons Goppel erklärte. Mehr als 200 000 Besucher kamen jedes Jahr ins Museum, und 2000 Schulklassen. Das Interesse an den Ausstellungen, Workshops und Führungen war immer viel größer als die Ressourcen, die der kleinen Mannschaft des Hauses zur Verfügung standen.

Künftig wird es fast dreimal so viel Platz geben. 5000 Quadratmeter sind für Dauer-, weitere 1000 Quadratmeter für Wechselausstellungen vorgesehen. Dazu kommen Seminarräume, ein Auditorium, ein Foyer mit offenen Laboren, das bei freiem Eintritt jederzeit zu besuchen ist, dazu Gastronomie, Verwaltung, Werkstätten. Die Erweiterung, hieß es anfangs, biete auch die Möglichkeit, mehr Schätze aus den Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns - Zoologie, Botanik, Geologie, Mineralogie, Anthropologie - zu zeigen: zum Beispiel Fossilien aus der Zeit, als Bayern am Meer lag, mit Delfinen im Wasser und Löwen an Land; das Skelett eines Riesenmammuts; seltene Tiere und Pflanzen, die die Naturforscherin Therese von Bayern Ende des 19. Jahrhunderts von ihren Reisen nach Afrika und Südamerika mitbrachte; oder die mit elf Millionen Exemplaren größte Schmetterlingssammlung der Welt.

Über die Frage, wer was beitragen darf, gab es hinter den Kulissen Zwist. Offiziell will sich niemand dazu äußern. Die Sammlungen hätten nichts mitzureden, hieß es. Vor allem Geologie, Paläontologie, Mineralogie fühlten sich übergangen. Sie werden nun ein eigenes Forum in der Innenstadt erhalten. An der Schillerstraße soll ein Geo-Zentrum der Ludwig-Maximilians-Universität entstehen, wenn die Medizin endgültig nach Großhadern umgezogen sein wird. Das Paläontologische Museum hinterm Königsplatz und das Museum Reich der Kristalle an der Theresienstraße werden dann geschlossen. Das Geo-Forum dürfe sich aber keinesfalls Museum nennen, wird kolportiert, "bestenfalls Schaufenster".

Aus gut unterrichteten Kreisen heißt es, zwischenzeitlich sei sogar überlegt worden, Biotopia in eine private Stiftung zu überführen. Das scheint vom Tisch zu sein. Das Ministerium teilt mit, derzeit liefen vielmehr Überlegungen, "wie die Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen - auch vor dem Hintergrund der Erweiterung des Museums Mensch und Natur hin zum Biotopia-Naturkundemuseum Bayern - bestmöglich für die Zukunft aufgestellt werden können. Ziel ist es, die drei Aufgabenbereiche Sammeln, Forschen und Ausstellen noch enger miteinander zu verzahnen".

Zwei Welten prallen da aufeinander. Auf der einen Seite die Sammlungsleiter mit jeweils eigenen Vorstellungen und wissenschaftlicher Expertise auf ihrem Fachgebiet. Auf der anderen Seite ein junges, dynamisches Team, das Ideen für ein Museum des 21. Jahrhunderts entwickeln soll.

"Selbstverständlich werden wir mit den Sammlungen zusammenarbeiten", betont Gorman. Es werde etwa eine "Reise durch die Erdgeschichte Bayerns" in Biotopia geben. "Man kann die Umwelt nicht ohne die Geowissenschaften verstehen." Gorman sieht allerdings seine Ausstellungen als flexible Formate, die immer wieder auf neue wissenschaftliche Erkenntnisse eingehen. Ein Museum für Generationen, das könne es nicht mehr geben.

Der Bildungsauftrag der Museen wird wichtiger

Gerhard Haszprunar sagt, er hätte es lieber gesehen, "alle naturkundlichen Disziplinen vereint zu sehen. Sie begreifen die Evolution nicht ohne Fossilien." Haszprunar ist Generaldirektor aller Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen und ein renommierter Zoologe - an seiner Staatssammlung laufen international hochrangige Forschungen wie das Barcoding-Projekt, einer Art genetischer Bibliothek der Fauna in Bayern. Der gebürtige Österreicher hat auch etwas von einem Universalgelehrten, der seine Leidenschaft für die Schöpfung gerne mit Menschen außerhalb des akademischen Elfenbeinturms teilt.

Aber auch Haszprunar weiß, dass Museen weltweit vor der Frage stehen: Wie lockt man junge Besucher an, die das Weltwissen im Smartphone mit sich herumtragen? Kann sie ein baumhohes Dinoskelett überhaupt noch beeindrucken? Braucht es ein Dutzend Schädelformen, um Darwins Evolutionstheorie zu verstehen?

"Es reicht längst nicht mehr zu sagen: Schaut her, wir zeigen euch unsere schönen Tiere und Pflanzen, wie das im 19. Jahrhundert der Fall war", sagt er. Je dringender die Umweltprobleme, desto größer sei der Bildungsauftrag nicht nur für Schulen, sondern auch für Museen. "Wir müssen die Menschen beteiligen." Andererseits bestätigten Umfragen immer wieder: "Die Besucher sind fasziniert von Originalen, das gilt für die Mona Lisa ebenso wie für den Tyrannosaurus-Rex." Auch eine gewisse Systematik hält er für wichtig. "Wenn Abiturienten nur mehr vier Vogelarten kennen. Woher sollen sie dann wissen, dass es viel mehr gibt und dass man sie schützen muss?"

Gorman sieht das ähnlich. Er setzt allerdings mehr auf Projekte wie Dawn Chorus: Bürger waren in diesem Frühling aufgerufen, Vogelstimmen mit dem Handy aufzunehmen und auf eine Website hochzuladen. Mehr als 3500 Menschen machten mit - und hörten zum ersten Mal ganz bewusst auf das vielstimmige morgendliche Konzert vor ihren Fenstern. Das Max-Planck-Institut für Ornithologie will die Daten auswerten. Die Aktion wurde von der UN-Dekade Biologische Vielfalt ausgezeichnet.

Gorman weiß sich im Einklang mit Kollegen der berühmtesten Naturkundemuseen in London, Washington, New York. Sie alle denken gerade über neue Konzepte nach. Das Berliner Naturkundemuseum wird derzeit für 660 Millionen Euro renoviert. "Biotopia kann mit seinem neuen Ansatz eine Vorreiterrolle in der öffentlichen Auseinandersetzung mit den Biowissenschaften übernehmen", sagt dessen Generaldirektor Johannes Vogel.

Neben Gorman ist es vor allem Auguste von Bayern, selbst promovierte Biologin und Expertin für das Verhalten von Krähen, die Biotopia mit Leidenschaft voranbringt. Sie leitet den Förderkreis, sammelt unermüdlich Spenden für das neue Museum und ist bei den meisten öffentlichen Terminen dabei. Die Welt soll auf Biotopia blicken, sagt sie. Fast zehn Millionen Euro hat der Förderkreis nach eigener Aussage bis heute eingesammelt. Allein der Pharmakonzern Merck spendete mehr als eine Million Euro, die Baywa-Stiftung 800 000 Euro. Dafür werden sie dann auch an prominenter Stelle genannt. Das Kuratorium des Vereins leitet Augustes Bruder, Ludwig von Bayern.

Im September soll in den Räumen des Botanischen Instituts ein Laboratorium eröffnet werden, als Übergangslösung für die Zeit ohne Museum. Im ersten Jahr wird sich dort alles um das Thema Essen drehen. Es gibt Mikroskope, eine Küche zum Experimentieren, und "mit freundlicher Unterstützung der Postcode Lotterie" konnten Hochbeete im Botanischen Garten angelegt werden, erfährt man auf der Homepage.

Wo der Staat nicht genügend Mittel für Kultur zur Verfügung hat, werden Mäzene zunehmend wichtig. Eine inhaltliche Einflussnahme, sagt Auguste von Bayern, sei damit aber auf keinen Fall verbunden. Randolf Rodenstock, ihr Stellvertreter im Förderkreis, sieht in dem Engagement für das neue Museum einen weiteren Grund, nämlich "den gravierenden Engpass an Nachwuchs in den naturwissenschaftlichen Disziplinen für die bayerischen Unternehmen mittelfristig zu verkleinern". Klimawandel, Ernährung, Gesundheit, Ressourcenknappheit, Gentechnik seien Herausforderungen, zu deren Bewältigung Unternehmen einen entscheidenden Beitrag leisten können, schreibt er in seinem Statement.

Michael John Gorman geht es auch um die Verbindung von Wissenschaft und Kunst. Er hat in Dublin die Science Gallery gegründet, die allerdings kein Museum ist, sondern eine Spielwiese für Experimente rund um Naturwissenschaften und Technologie. In München sah sich der Physiker und Philosoph vor größere Aufgaben gestellt. Er muss seit seinem Antritt 2015 ein Museum planen, einen Lehrstuhl an der LMU für Life Sciences in Society leiten, sich mit Anwohnern herumschlagen und die unterschiedlichen Interessensgruppen bei der Ausgestaltung von Biotopia befrieden. Keine leichte Aufgabe für den 48-jährigen Iren, der mit seiner Familie nach Bayern zog und in Windeseile perfekt Deutsch lernte. Es scheint ihn aber nicht zu stören. Er ist ständig auf der Suche nach neuen Ideen. "Wir leben in einer Zeit, in der die Dramatik von Artensterben, Klimawandel oder Plastikverschmutzung allen bewusst wird. Wir müssen auch als Museum schneller auf diese Probleme reagieren."

Zwei Festivals haben bisher angedeutet, wohin die Reise geht. "Hautnah" hieß das erste, da konnte man sich einen Tausendfüßler über die Hand krabbeln lassen. Designer, die aus Algen Leder machen, waren eingeladen und Forscher, die künstliche Spinnenseide züchten, und eine Modenschau gab es auch. Beim "Eat"-Festival lernte man Tricks fleischfressender Pflanzen, wie der Geschmackssinn bei Vögeln funktioniert und was die Leibspeise der eiszeitlichen Höhlenbären war. Man konnte geröstete Grillen probieren und Kunstfleisch-Burger. Das Interesse war groß.

"Wir wollen die Menschen durch Perspektivwechsel dazu bringen, Empathie zu entwickeln", sagt Gorman. Mit Helmen, zum Beispiel, die das eigene Blickfeld auf das einer Maus reduzieren. Oder mit einer Virtual-Reality-Brille auf dem Kopf, mit der man sich in einen schwingenden Simulator legt, um wie ein Vogel durch die Luft zu schweben. Oder man schnallt sich Prothesen an die Arme wie der britische Designer Thomas Thwaites, der auf allen Vieren über eine Alm lief und mit Ziegen graste. "Urlaub vom Menschsein" nannte er sein Projekt. Zum Schutz vor seinen Mitziegen trug er allerdings einen Helm, und statt im Freien zu schlafen, zog er sich nachts lieber in ein Zelt zurück. Vielleicht hätte ein Hirte da mehr zu sagen. Aber ein Festival ist ein Festival und kein Museum. Es soll neugierig machen auf Wissenschaft und zum Wiederkommen animieren. Wenn das auch im späteren Museum gelingt, umso besser.

© SZ vom 04.07.2020/vewo
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