bedeckt München

Missbrauch in Heimen:Schmerzhafte Versäumnisse

Marie Mattfeld Haus, 2021, Oberammergau

Das Münchner Kindl neben dem geschmückten Fenster: das ehemals "Hänsel- und-Gretel-Heim" genannte Haus der Stadt München.

(Foto: Natalie Neomi Isser)

Die Stadt München hat bisher nicht genug getan, um Missbrauchsfälle aufzuarbeiten. Mit ihrem Antrag, eine Kommission einzusetzen, räumen Grüne und SPD dies ein.

Kommentar von Bernd Kastner

Die Stadt München hat ihre Kinder vergessen. Jene Kinder, die vor Jahrzehnten in Heimen misshandelt und missbraucht wurden. Wie viele Menschen sind betroffen? Was genau ist ihnen geschehen? Wer war Täter, wer Täterin? Wer wusste Bescheid, hat geschwiegen, geholfen oder gar profitiert? Diese Fragen stellen sich drängender denn je, nachdem neue Vorwürfe bekannt geworden sind und ein ungeheuerlicher Verdacht im Raum steht: Es könnte ein Netzwerk aus Tätern und Mitwissern gegeben haben zwischen München und Oberammergau.

So gut Mitarbeiterinnen des Jugendamts die Betroffenen seit Jahren auch unterstützen: Insgesamt ist die Stadt ihrer Verantwortung nicht gerecht geworden. Nach anfänglichem Elan ist die Aufarbeitung auf halbem Wege stehen geblieben. Es genügt nicht, eine einzige Historikerin mit Recherche und einem Bericht zu beauftragen, wenn es um 25 Jahre, drei städtische Heime und gut 3000 Kinder geht. Man hätte den Bericht zum Anlass nehmen müssen, ein Team mit intensiveren Recherchen zu beauftragen. Was man zurecht von den Kirchen verlangt, muss auch die Stadt leisten: die schonungslose Aufklärung von Missbrauch.

Vor zehn Jahren gab die Stadt ein Versprechen ab: Man werde selbstverständlich auch finanziell Verantwortung übernehmen und in den Entschädigungsfonds einzahlen. Gezahlt aber hat Deutschlands größte Kommune - nichts. Gewiss, die Betroffenen haben deshalb nicht weniger Entschädigung bekommen, der Freistaat hat den bayerischen Beitrag komplett übernommen. Aber dass das Rathaus sein Versprechen so locker übergeht, ist unsensibel und kann fatal wirken auf Menschen, die bis heute unter Missbrauch leiden. Wieder wurden sie vergessen.

Dass Grüne und SPD, die seit Jahrzehnten die Politik der Stadt bestimmen, nun "umgehend" eine Kommission im Sozialreferat wollen, ist ein Eingeständnis bisheriger Versäumnisse. Richtig ist die Forderung, die fast schüchtern als Bitte formuliert ist, trotzdem. Diese Kommission muss so installiert werden, dass sie wirklich unabhängig arbeiten und kritisch von außen auf das Geschehen blicken kann. Und es bedarf zudem Signale der Empathie aus dem Rathaus an die ehemaligen Münchner Heimkinder. Sie brauchen endlich die Gewissheit, dass man sie ernst nimmt.

© SZ vom 03.02.2021/vewo
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