Geheimtreffen in Potsdam:Wie Münchner Migranten auf rechtsradikale Deportationspläne reagieren

Geheimtreffen in Potsdam: Dimitrina Lang, Vorsitzende des Migrationsbeirats München.

Dimitrina Lang, Vorsitzende des Migrationsbeirats München.

(Foto: privat)

Dass AfD-Mitglieder und Rechtsextreme über die "Remigration" von Millionen Menschen gesprochen haben, verängstigt viele - vor allem jene ohne deutschen Pass. Andere lassen sich nicht einschüchtern.

Von Leon Lindenberger und Andrea Schlaier

Der "Geheimplan", ausländische Staatsbürger und Menschen mit Migrationsgeschichte aus Deutschland zu vertreiben, hat Vural Ünlü nicht überrascht. "Vor allem aus dem radikalen Flügel der AfD waren solche Deportations-Fantasien immer schon ein Thema", sagt der Vorsitzende der liberal orientierten Türkischen Gemeinde in Bayern (TGB). Neu sei für ihn etwas anderes gewesen in dem Bericht des Recherchenetzwerks Correctiv über die Potsdamer Runde von Rechtsextremen: "Die Kombination aus Radikalität und Vernetzung der rechtsradikalen Strukturen mit anderen, nicht politischen Akteuren, was in der Verbindung viel Sprengstoff hat und sehr beunruhigend ist."

Die Reaktion der Türkinnen und Türken sei zweigeteilt: "Besonders von den Älteren fühlen sich einige bestätigt, die sagen: Die wollten uns schon immer loswerden", berichtet Ünlü - und spricht von Resignation und "innerer Emigration". Manche überlegten, "wenn es zu einer Koalition mit der AfD kommt, habe ich noch die Hintertür offen und kann in die Türkei".

Anders sei die Reaktion bei den Jüngeren. "Die haben Kampfeswillen und sagen, wir müssen aufstehen und uns gegen diese Entwicklungen wenden." Sie ließen sich nicht einschüchtern, "Deutschland ist ihre Heimat". Die Großdemo vom vergangenen Sonntag habe der Gemeinde Mut gemacht, "man hat das Gefühl, man ist nicht allein".

Geheimtreffen in Potsdam: Vural Ünlü ist Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Bayern.

Vural Ünlü ist Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Bayern.

(Foto: privat/oh)
Geheimtreffen in Potsdam: Tatiana Mendonça vom Migrationsbeirat München.

Tatiana Mendonça vom Migrationsbeirat München.

(Foto: Petra Leyrer-Bleeck)

Die Demonstranten müssten aber auch den nächsten Schritt gehen und "demokratisch wählen, damit wir geschützt sind", sagt Tatiana Mendonça vom Münchner Migrationsbeirat. Die gebürtige Brasilianerin hat keinen deutschen Pass, "natürlich hat man da Angst, als der Teil der Bevölkerung, den die AfD am meisten hasst." Sie wolle ihre 13-jährige Tochter schützen, die durch ihren deutschen Vater Deutsche sei, aber nicht so aussehe. "Ich habe mit ihr schon über die AfD gesprochen, will ihr aber auch keine Angst machen." Dass Zehntausende in der "internationalen Stadt München" demonstriert haben, ist für die 44-jährige Web-Designerin "ein sehr gutes Zeichen, weil wir uns als Migranten ein bisschen sicherer fühlen".

Nach der Correctiv-Veröffentlichung hätten den Migrationsbeirat sehr viele Anfragen erreicht, berichtet dessen Vorsitzende Dimitrina Lang. "Es ist eine Mischung aus Wut, Trauer und Entsetzen. Und viel Angst." Viele wollten wissen, ob sie einen deutschen Pass beantragen sollten. "Andere haben gemeint, das betreffe sie gar nicht, sondern nur Leute, die die Sozialsysteme ausnutzten." Die gebürtige Bulgarin, die als Sozialpädagogin bei der Stadt arbeitet, spricht von "gefährlichem Denken nach dem Motto: Wenn ich mich gut verhalte, bin ich geschützt". Sie selbst habe keine Angst, auch nicht um ihre Familie. Aber "eine Wut, weil diese Menschen mit unseren Steuergeldern ihre Vertreibungsfantasien ausleben". Als Mitveranstalter der Demo gegen Rechtsextremismus habe der Migrationsbeirat großen Wert darauf gelegt, "dass der migrantische Bereich sichtbar auf der Bühne ist. Wir wollten Betroffene und nicht nur Initiativen".

Wie wichtig die Stimmen der Migranten sind und wie absurd die Vertreibungsfantasien, betont auch Anes Hasanbegovic. Der 24-Jährige ist in Bosnien aufgewachsen und zog mit seinen Eltern vor neun Jahren nach München. Hier organisiert er das Europäische Jugendparlament und ist selbst Mitglied der SPD. "Auch mit Mama und Papa spreche ich über Politik, jetzt natürlich über das Geheimtreffen in Potsdam und mögliche Abschiebungen", sagt Hasanbegovic. Sein Vater habe nur gefragt: "Und was wollen die dann ohne uns?" Beide Eltern gehen in München medizinischen Berufen nach. "Wenn sie uns alle deportieren, ist Deutschland nicht mehr funktionsfähig. Das Gesundheitssystem würde kollabieren", sagt Hasanbegovic.

Er selbst hat bisher nur den bosnischen Pass. Am vergangenen Freitag beschloss der Bundestag eine Gesetzesreform, die Einwanderern in Zukunft die doppelte Staatsbürgerschaft ermöglicht. Hasanbegovic plant nun, den deutschen Pass zu beantragen - damit würde er auch das Wahlrecht erhalten. Diese Macht wolle er nutzen, sagt er, und mit seiner Stimme dafür sorgen, "dass Menschen wie meine Eltern, die so viel für unser Land tun, nicht in Angst leben müssen".

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