bedeckt München -2°

Wirtschaft:Die Messe München baut massiv Stellen ab

Viel Platz, wenig Geschäft: Seit der Corona-Pandemie gibt es in den Hallen der Messe München viel zu putzen, aber nur noch wenig zu sehen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Wegen der Corona-Pandemie gehen dem Unternehmen Hunderte Millionen Euro verloren. Nun muss in allen Bereichen gespart werden, etwa 170 Mitarbeiter sollen gehen.

Von Dominik Hutter

Spatenstich für neue Messehallen der Messe München, 2016

Da ging es noch aufwärts: Klaus Dittrich, der Vorsitzende der Geschäftsführung der Messe München, beim ersten Spatenstich für die Hallen C5 und C6 im Juni 2016.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Die Messe München baut in den kommenden zwei Jahren etwa 170 ihrer 1200 Stellen ab. Hintergrund ist der coronabedingte Ausfall der meisten Messen in diesem Jahr und die wenig euphorische Prognose für 2021. Es werde wohl drei bis fünf Jahre dauern, bis das Niveau von 2019 wieder erreicht sei, erklärte Messe-Chef Klaus Dittrich seinen Mitarbeitern in einem digitalen Townhall-Meeting in der vergangenen Woche. "Die Messewelt wird nach Corona eine andere sein." Man wolle aber "alles tun, um betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden". Der Personalabbau solle so sozial verträglich und fair wie möglich ablaufen.

Gespart werden soll in allen Bereichen und auf allen Hierarchie-Ebenen. Eine Stufe soll ganz entfallen: Die Aufgaben der Projektgruppenleiter werden auf andere Positionen verteilt. Die Zahl der Teamleiter wird reduziert. Auch die Geschäftsführung soll nicht verschont werden, sondern überdurchschnittlich zum Sparkurs beitragen - Dittrich brachte eine Halbierung ins Gespräch. Aktuell besteht die Chefebene aus sechs Geschäftsführern, die bei der aus Raum 4167 des Münchner Messegeländes gesendeten Digital-Konferenz alle mit den erforderlichen Sicherheitsabständen zugegen waren. Es handle sich um eine "große Zäsur für die Messe München", erklärte Dittrich - 2019 war mit mehr als 400 Millionen Euro Umsatz noch ein Rekordjahr. 2020 schrumpfe dieser Wert auf rund 90 Millionen. Und die verbleibenden Umsätze, das machte die Geschäftsführung deutlich, stammen weitgehend vom Jahresbeginn, also aus der Vor-Corona-Phase. Der fehlende Umsatz entspreche den kompletten Personalkosten von sechs Jahren.

Dittrich bemühte sich bei dem Meeting, trotz der schlechten Nachrichten Zuversicht auszustrahlen. Ziel sei es, dem Unternehmen eine Zukunft zu geben, eine Perspektive. "Wenn wir jetzt die richtigen Entscheidungen treffen, werden wir stärker aus der Krise herausgehen." Denn zu Beginn der Pandemie habe sich das Unternehmen auf einem sehr guten Kurs befunden, sei auf Rang fünf der weltgrößten Messeveranstalter aufgestiegen. Die Messe München wolle weiterhin ganz vorne mitspielen. "Wir haben jetzt eine Situation, da kann keiner was dafür", so der Messe-Chef, der die Corona-Pandemie als Naturkatastrophe bezeichnete.

Um die Zahlungsfähigkeit der Messe-Gesellschaft sicherzustellen, wird nach Angaben des Unternehmens zusätzlich ein finanzieller Beitrag der großen Gesellschafter geprüft, nach SZ-Informationen geht es um 100 Millionen Euro. Gesellschafter der Messe, die rund 70 Auslandsvertretungen betreibt, sind der Freistaat Bayern und die Stadt München, ferner die Handwerkskammer München und Oberbayern sowie die Industrie- und Handelskammer München und Oberbayern.

Dittrichs Stellvertreter Reinhard Pfeiffer wies bei dem Meeting darauf hin, dass man bereits viele Reserven zusammengekratzt habe. Insgesamt 200 Millionen Euro habe man eingespeist, die Hälfte davon als Bankkredit. Das aber reiche längerfristig nicht aus, und auch die Sachkosteneinsparungen seien ausgereizt. "Wir werden weniger Arbeit haben", so Dittrich laut der Aufzeichnung des Meetings. Und weniger Besucher. Mit dem Personalabbau sollen 12,5 Millionen Euro pro Jahr eingespart werden.

Eine Summe, die offenbar fester Bestandteil eines sogenannten Private-Investor-Tests war, den die Messe nach Angaben Dittrichs kürzlich absolviert und auch bestanden hat. Ein Private-Investor-Test ist gemeinhin Voraussetzung, Zuschüsse staatlicher Gesellschafter erhalten zu dürfen, ohne mit dem EU-Wettbewerbsrecht in Konflikt zu kommen. Untersucht wird dabei, ob auch ein privater Eigentümer eine solche Geldspritze verabreichen würde - also letztlich, ob sich die Investition wirtschaftlich lohnt. Das ist bei der Messe erwartungsgemäß der Fall.

Das sogenannte Restrukturierungsprogramm, ein "Weißbuch" mit 230 Seiten, wurde laut der Aufzeichnung des TownhallMeetings bereits dem Betriebsrat vorgelegt. Es werde ein paar Wochen dauern, bis die Beratungen abgeschlossen sind. Messechef Dittrich räumte ein, dass die Zeit der Ungewissheit die "schwierigste Phase" für die Belegschaft sei. Es werde auch um Abfindungen und Vorruhestandsregelungen gehen. Zudem soll die bereits begonnene Kurzarbeit im Unternehmen verlängert und auch intensiviert werden - die Belegschaft soll also vorerst noch ein bisschen weniger arbeiten. Dass nun derart harte Einschnitte notwendig sind, liege an der unerwartet langen Dauer der Corona-Einschränkungen - und am bislang unabsehbaren Ende. "Das Ganze zieht sich mehr in die Länge, als wir das am Anfang gedacht haben." Corona bedeute eine historische Zäsur, von der wohl noch in Generationen gesprochen werde.

Nach der Restrukturierung, das ist das Ziel, soll die Messe München neu aufgestellt sein: schneller, effizienter, agiler und digitaler. Mehrere Abteilungen würden umorganisiert, der separate Digital-Bereich habe keine Zukunft. Dittrich: "Jeder Bereich muss digitale Verantwortung übernehmen."

© SZ vom 08.12.2020/van
Zur SZ-Startseite

Spektakuläres Bauvorhaben
:Zoff um die neue Münchner Großmarkthalle

Der Eröffnungstermin im Jahr 2027 ist nicht mehr zu halten, der Betrieb startet wohl erst drei Jahre später. Scharfe Kritik gibt es im Stadtrat nicht nur an Kommunalreferentin Frank, sondern auch an den Investoren. Die sehen die Schuld bei der Stadt.

Von Heiner Effern und Sebastian Krass

Lesen Sie mehr zum Thema