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SZ-Serie: München erlesen:Abgründe und Höhenrausch

Städteranking: Neue und alte Spitzenreiter

Eine "Stadt der Hoffnungen" ist München in Hans Pleschinskis "Bildnis eines Unsichtbaren", aber auch eine Stadt vieler Ängste: Der Roman erzählt davon, wie in den Achtzigerjahren ein unbekanntes Virus namens HIV die homosexuelle Szene heimsucht.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

In Romanen aus allen Zeiten lassen sich sehr unterschiedliche Ansichten Münchens finden. Hans Pleschinski beleuchtet in "Bildnis eines Unbekannten" etwa die Ära, in der Aids in der Münchner Szene ankam.

Natürlich liest man Bücher heute anders. "Lange hatten sie an der Seine geglaubt, dem Virus mit Rotwein und Knoblauch Paroli bieten zu können", lautet einer der ersten Sätze des Romans "Bildnis eines Unsichtbaren" von Hans Pleschinski. Gefolgt von: "Die Ile-Saint-Louis, einst Hochburg unkonventioneller Lebensfreuden, war eine stille Insel geworden." Auch ein Satz über München hallt in diesen Tagen seltsam nach: Serge, der Freund des autobiografisch zu deutenden Ich-Erzählers, muss sich nachts auf der Brücke vor dem Landtag übergeben, "weil die Straßen menschenleer, sämtliche Lokale geschlossen waren, alles rundum verbarrikadiert wirkte".

Nein, dies ist kein Roman über die Corona-Krise, von der konnte der Münchner Schriftsteller Hans Pleschinski im Jahr 2002 natürlich nichts wissen. Seine Figur Serge irrte auch nur deshalb draußen durch die stille Nacht, weil in den Achtzigerjahren wegen der frühen Sperrstunde alle Kneipen längst geschlossen hatten. Dennoch sollte nicht allzu zartbesaitet sein, wer in diesen Tagen den Roman "Bildnis eines Unsichtbaren" wieder zur Hand nimmt. Vieles ist darin zu finden, was auch unsere Gesellschaft gerade umtreibt; deutlich liest man die Wucht der Panik angesichts eines unbekannten Virus heraus, das in den Achtzigerjahren die neue Krankheit Aids verursachte.

Doch dieser emotionale, heute immer noch intensiv wirkende Roman, der von Abgründen genauso handelt wie vom Höhenrausch, erzählt auch von Strategien, mit Ängsten umzugehen. Und so sei er zum Beginn einer Serie über München-Romane als sehr aufschlussreiche Wieder- oder Erstlektüre empfohlen: um über den gewaltigen Umbruch, die Krise auch unserer Gesellschaft nachzudenken - und sich für die Zeit des Lesens gedanklich quer durch die Stadt München und ihre Geschichte zu bewegen.

Denn Pleschinski beschwört in diesem Roman, der auch als ein langer Nachruf auf den Galeristen und langjährigen Lebensgefährten Volker Kinnius zu lesen ist, nicht nur verschiedene Phasen der eigenen Biografie. Er flaniert auch sozusagen durch die Geschichte Münchens, erzählt von der freien Bohème der Prinzregentenzeit vor dem Ersten Weltkrieg ebenso wie von den wilden Phasen einer hedonistischen Schwulenszene in den Siebziger- und Achtzigerjahren. Mit dem im Gärtnerplatzviertel lebenden und liebenden Ich-Erzähler wandert man durch den Hofgarten, vorbei an der Staatskanzlei, daneben "Klenzes klassizistische Fenstersequenzen der Residenz. Unweit davon der Männertreff am Odeonsplatz, der von Klaus Mann bis Walter Sedlmayr frequentiert worden war." Und noch ein paar Ecken weiter die Bar Schumann's: "Auf dieser halben Quadratmeile Stadt war, wenn man nur wollte, viel los." Eine Hauptstadt der Gemütlichkeit findet der Ich-Erzähler hier jedenfalls nicht, eher eine rätselhafte Stadt der Leistung: "Alle verdienten Geld und taten wiederum auch nichts."

Das Ende der Sorglosigkeit kann Pleschinski genau datieren: Es war der 6. Juni 1983, ein sonniger Montag, an dem er den Spiegel mit einer Titel-Reportage über Aids kaufte: "Ich las und begriff noch nicht. Zeile um Zeile drang Angst durch die Wände und unvorbereitet ins Innerste vor. Das Daseinsgefüge zerbrach innerhalb weniger Minuten. Was zuvor belebt hatte, die Liebe, tötete nun." Doch auch wenn die Epidemie in den folgenden Jahren tatsächlich unzählige Todesopfer forderte, bis wirkungsvolle Medikamente gefunden waren, spricht Pleschinski von einem "Wunder": Das "Selbstverständnis und der Lebenswille" der Homosexuellen war nicht zusammengebrochen, so schreibt er. Und: Obwohl sie als "Pestherd innerhalb der beständig gesunden Gesellschaft" gegolten hätten, seien sie nicht angefeindet worden - im Gegenteil konnte man "das Gefühl haben, daß die Zivilisation und Mitgefühl siegten".

Solche Sätze liest man doch wiederum sehr gerne. Überhaupt ist dieser Roman, vor allem in vielen federleichten Dialogen, streckenweise auch sehr heiter geraten, getreu dem Motto Pleschinskis: "Das Leben, nach Möglichkeit, ein Fest." Glück und Leid, das macht er deutlich, stehen eben immer dicht nebeneinander. Was man tun kann, wenn die Schwankungen zu stark ausfallen? "Arbeit vertrieb am zuverlässigsten die Sorgen", heißt es einmal. Und der vielleicht wichtigste Satz: "Larmoyanz wurde nicht zugelassen."

Hans Pleschinski: Bildnis eines Unsichtbaren. Roman, 2002 (dtv, 271 Seiten, 10,90 Euro)

© SZ vom 25.03.2020/vewo
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