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Neue Bücher:Literatur für lange Tage

Gegen die Langeweile während der Corona-Isolation: ei­ne Aus­wahl neu­er Bü­cher von Schrift­stel­le­rin­nen und Schrift­stel­lern aus Mün­chen und Bayern.

Von SZ-Autoren

9 Bilder

Hans Magnus Enzensberger, 2002; Hans Magnus Enzensberger

Quelle: Regina Schmeken

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Wenn es noch eines letzten Beweises dafür bedurft hätte, dass Dichter prophetische Kräfte haben, hier ist er. Man schlage den neuen Gedichtband Hans Magnus Enzensbergers auf Seite 19 auf: "Es ist nur die Witwe des Hausbesitzers,/ die im Treppenhaus hustet. / Ein paar Ameisen tasten sich durch die Ritze. / Das ist nur der Regen, / der auf den Tonnen im Hof trommelt. / Das grüne Männchen leuchtet / und weist hin auf den Notausgang. / Horch, wie der Kühlschrank ächzt! / Er ist leer wie die ausgestorbenen Straßen. / Außer der Ausgangssperre / ist alles wie immer." Das Einzige, was daran so ungereimt wirkt wie die Verszeilen, ist der leere Kühlschrank. Der Titel des Gedichts macht aber klar, dass auch das kein Problem wäre: "Weiter nichts".

Wer also jetzt nicht Zuflucht bei den Dichtern sucht, wann dann? Es kann nicht schaden, sich über die lokalen Buchhandlungen (die ja telefonisch und online noch Bestellungen entgegennehmen) auch mit dem einen oder anderen Lyrikband auszustatten, zum Beispiel mit neueren Werken von Schriftstellern wie Enzensberger, Philipp Luidl, Lisa Jeschke oder Karin Fellner aus München und Umgebung. Denn wie twitterte doch ihr Kollege Christoph Wenzel vor wenigen Tagen: "Alle Gedichte bleiben geöffnet - auch die hermetischen!"

Und hermetisch sind zumindest die von Enzensberger und Luidl ja gar nicht, sondern offen zugänglich. "Wirrwarr" heißt Enzensbergers Band, so als wolle er auch damit die allgemeine Befindlichkeit beschreiben. Im Parlandoton schreibt er von alltäglichen Täuschungen, von Bürsten und Plagiaten - Gelegenheitsfunde und Einsichten eines 90-Jährigen, der vielleicht selbst jenen von ihm beschriebenen "Reptilien" gleicht, die "hoffen, die Nachwelt möge sich / an diese alten Herren erinnern". Dessen kann Enzensberger gewiss sein, doch noch sind seine seherischen Kräfte unverzichtbar - auch wenn man Gedichte wie "Ein ominöser Ratschlag" nicht ganz so gern liest: "Überall Schilder mit Warnungen, / Verbote und Menetekel! / Sei versichert, daß es / gegen das Unglück / keine Versicherung gibt."

Antje Weber

Sonnenaufgang in Norddeutschland

Quelle: Jens Büttner/dpa

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Stillere Gedankenlyrik findet man im Auswahlband "Das Wort beim Wort genommen" mit Gedichten des Dießeners Philipp Luidl (1930 - 2015), der auch an der Akademie für das Grafische Gewerbe in München Typographie unterrichtete. Typographisch auffällig sind seine meditativen Texte allerdings nicht, in denen oft die Natur aufgerufen wird, um über den Kreislauf des Lebens, Werden und Vergehen nachzusinnen: "Die wolken / herabgeregnet / Der weg zögert / ehe er weitergeht".

Was für ein Gegensatz zur jüngeren Generation! Zu einer Lyrikerin wie Lisa Jeschke (geboren 1985) zum Beispiel, die seit einigen Jahren in München lebt. In ihrer "Anthologie der Gedichte betrunkener Frauen" geht es viel um den Körper und unsichere Identitäten ("Ich bin eine Frau / Ha Witz! / Die keine Frau ist / Ha Witz! Ich versteh das nicht!"), formsprengend und mit einem Furor, der auch andere Gewissheiten hinwegfegt - zum Beispiel über die Zukunft: "Wollte einen Verifikationscode. Angerufen bei den Demoskopen" heißt es da einmal, und weiter: "Universal-Verlass. Keiner hob ab."

Wo alle Gewissheiten abhanden kommen, hilft vielleicht der Rückzug in die Sprache selbst. Karin Fellner zumindest hofft in "Eins:zum andern" darauf, dass "die Struktur / sich selbst korrigiert, wenn das Ego nicht allzu sehr involviert ist". Sie nimmt die Sprache auseinander, spielt mit ihrer Lautgestalt: Sprache wird da schon mal zur "schsch bra-brach-e", wie man überhaupt die wichtigste Botschaft dieser Gedichte in dem Ausruf sehen könnte: "Sprahahache, ach! bewegtes Gefilde". Das schließt natürlich den Spaß am Spiel ein, denn immer wieder biegen Fellners Gedichte "von der Quetschung in den Quatsch" ab: "Der Kranich, der Kranich, / der kriecht keine Panich!" Wer da nicht zusammengezuckt ist, darf sich eine "Scherzenskrone" aufsetzen.

Hans Magnus Enzensberger/Jan Peter Tripp: Wirrwarr (Suhrkamp 2020, 141 Seiten, 24 Euro)

Philipp Luidl: das wort beim wort genommen (Maro 2019, 167 Seiten, 20 Euro)

Lisa Jeschke: Die Anthologie der Gedichte betrunkener Frauen (Hochroth 2019, 56 Seiten, 8 Euro)

Karin Fellner: eins:zum andern (Parasitenpresse 2019, 68 Seiten, 10 Euro)

Antje Weber

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Quelle: SZ

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Tom Hillenbrand:Qube

Europa ist eine Steppe, die Arktis ob ihrer noch angenehmen Temperaturen ein Touristen-Hotspot. Und Künstliche Intelligenz droht einmal mehr die Herrschaft der Erde zu übernehmen. So stellt sich der Münchner Autor Tom Hillenbrand die Welt im Jahr 2091 vor. "Qube" ist dabei schon sein zweiter Science-Fiction-Thriller, der in der dystopischen "Welt der Hologrammatica" spielt.

Darin wird einem Londoner Investigativjournalisten in den Kopf geschossen - weil er einer Künstlichen Intelligenz auf der Spur gewesen sein soll. Daraufhin lässt er sich einen Qube in den Kopf setzen, praktisch eine Kopie seines Gehirns, während das kaputte echte buchstäblich im Mülleimer landet. Die Ermittlerin Fran, Teil der Weltpolizei Unanpai, ist dem Fall auf der Spur. Hillenbrand erzählt die Geschichte aus fünf verschiedenen Perspektiven. Darunter ist auch die rätselhaft anachronistische Welt eines Dorfjungen, der in verfeindete Gebiete geschickt wird. Das erinnert schmerzlich an den Kalten Krieg, die Referenz ist wohl nicht zufällig gewählt.

Mit "Qube" zeichnet Hillenbrand ein komplexes, durchaus realistisches Bild einer Welt nach der Klimakatastrophe: eine Technokratie, in der sich Realität und Illusion mittels Hologrammen auf erschreckende Weise vermischen. Erstaunlich umfassend sind die Beschreibungen an vielen Stellen. Wer den ersten Roman "Hologrammatica" nicht gelesen hat, kommt da schnell durcheinander. Umso besser, dass Hillenbrand ein Glossar zum Nachlesen seines breiten Vokabulars angehängt hat. So erfordert das gut 500 Seiten starke Buch zwar viel Aufmerksamkeit, lässt sich aber auch ohne Vorkenntnisse flüssig lesen.

Das liegt vor allem an der klaren, bildhaften Sprache, die gleichwohl an einigen Stellen sehr derb daherkommt. Kreative Neologismen wie "Strippergoggles" für Brillen, die Hologramme entlarven, amüsieren und faszinieren zugleich. Dabei verweist Hillenbrand quasi nebenbei auf die großen ethischen Probleme, die solche Technik künftig provozieren wird - gleichwohl ohne erhobenen Zeigefinger. Seine offensichtliche Technikverliebtheit beeindruckt, könnte einige Leser aber überfordert zurücklassen. So verirrt sich Hillenbrand zuweilen in langatmige, stark technologische Ausführungen, was der Handlung Längen verleiht. Auch die Auflösung wird der Komplexität der aufwendig gesponnen Handlung kaum gerecht, die Charaktere bleiben oft flach.

Nichtsdestotrotz setzt Tom Hillenbrand mit "Qube" ein Ausrufezeichen in der doch eher überschaubaren deutschen Science-Fiction-Literatur - dabei ist letztere im Zuge von Klimawandel und im Diskurs über Datenschutz und KI wohl so relevant wie nie.

Tom Hillenbrand: Qube (Kiepenheuer & Witsch 2020, 550 Seiten, Taschenbuch 12 Euro, E-Book 9,99 Euro); Netz-Lesungen des Autors am 21. und 24.März, 19 Uhr, unter tomhillenbrand.de/live

Rebecca Reinhard

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Quelle: SZ

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Nicola Förg:Flüsternde Wälder

Dieses Mal also Waldbaden. Alljährlich ist es eine spannende Frage, welches Thema sich Nicola Förg in ihrem Krimi vorknöpft. Umwelt- und Tierschutz liegen der Autorin sehr am Herzen, das ist an ihren Büchern ablesbar: Biogasanlagen und ihre giftigen Gärreste, die Rückkehr der Wölfe, die Zukunft der Almen, Cyber-Mobbing, der illegale Handel mit Hundewelpen oder der Wahnsinn von Silvesterfeuerwerken - all dies und noch viel mehr hat die Kommissarinnen Irmi Mangold und Kathi Reindl schon in Atem gehalten. Das Waldbaden in ihrem elften Fall klingt da vergleichsweise erst einmal harmlos.

Anfangs ist auch nicht so klar, warum die "Waldbademeisterin" plötzlich tot im Eschenlainetal unter einer eben gefällten Fichte liegt. Vielleicht hat sie der Ohrstöpsel wegen die Gefahr zu spät erkannt. Aber es gibt auch noch eine Serie von Einbrüchen im Werdenfelser Land, die zwar bislang eher harmlos ablief. Aber dann wird ein Hausbesitzer, seines Zeichens Detox-Berater und Bestseller-Autor, mit einer Buddha-Statue erschlagen. Und Irmi Mangold sieht sich gezwungen, tief in die Esoterik-Szene einzutauchen, muss sich aber angesichts einer Senioren-WG auf einem Pflegebauernhof zudem mit viel zu niedrigen Renten und Altersarmut beschäftigen. Zum Glück hilft ihr der "Hase", ein Kollege, bei dem sie nach dem Auszug aus dem Bauerhof ihres Bruders inzwischen lebt - natürlich in einer eigenen Wohnung. Der Mann wird immer sympathischer, nicht nur weil er für sie kocht. Kriminaltechniker Fridtjof Hase merkt auch als erster, dass die Waldbademeisterin von einem schweren Fahrzeug überrollt wurde.

Nicola Förg, die auf einem Bauernhof mit Pferden, Katzen und Bienen lebt, hat wie gewohnt sehr gründlich recherchiert und sich in ihre Themen richtig hineingefuchst. Gelungen ist ihr mit "Flüsternde Wälder" erneut ein spannender Krimi, der nicht darauf verzichtet, Missstände zu beleuchten.

Nicola Förg: Flüsternde Wälder. Ein Alpen-Krimi (Pendo-Verlag 2020, 336 Seiten, 16 Euro, E-Book 12,99 Euro)

Sabine Reithmaier

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Quelle: SZ

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Christine Wunnicke:Nagasaki

"Nagasaki, ca. 1642" - so klar wie der Titel von Christine Wunnickes Novelle anmutet, so unklar ist unsere Vorstellung von dieser Zeit, dieser Kultur. Muss sie auch sein, schließlich hat sich Japan im 17. Jahrhundert fast vollständig isoliert. Nur die niederländische Ostindien-Kompanie darf auf Deshima, einer Insel vor Nagasaki, Handel treiben. Aber selbst die "Orandesen" haben kein genaues Bild ihrer Handelspartner, die "Japonesen" bleiben ein Rätsel.

So wundert sich auch der junge "Dolmetsch" Abel van Rheenen, warum er mittlerweile "sechs japonesische Wörter für die Liebe" kennt und doch keines seine Beziehung zum Inspektor Seki Keijiro beschreibt. Der war einst ein berühmter Krieger, da im Land jedoch Frieden herrscht, langweilt er sich schrecklich. Also lässt er sich zum Inspektor ernennen, vor allem, weil er noch eine Rechnung mit den "Orandesen" offen hat: Yuudai, sein Mentor und Liebhaber, starb einst durch die Fehlzündung einer niederländischen Kanone. Seit fast vier Jahrzehnten will Keijiro Yuudai sich rächen. Doch weil man sich schlecht an einer Kanone rächen kann, soll Abel herhalten. Das Problem: Er mag Abel. Und Abel mag ihn. Und vielleicht ist "ich mag dich" auch nur wieder "so ein Wort für die Liebe, das zu fast keiner Sachlage passte".

Erstmals erschienen ist diese wundersame Geschichte einer schicksalhaften Begegnung 2010 in der Edition Epoca. Der Berenberg Verlag hat sie jetzt neu herausgebracht. In bunten Farben schillert das Cover: rot, rosa, violett und blau. Ein Sinnbild für eine Geschichte, die kein grau kennt, nur bunt und bunter. Einer Geschichte, die durch fein verwobene historische Details das Bild eines sehr fernen Japans entstehen lässt. Die anhand dieses ungleichen Paares die feinen Facetten von Kultur, Sprache, Liebe, Sexualität und Schuld poetisch nachzeichnet und dabei herrlich ambivalent, fast ätherisch bleibt. Christine Wunnicke hat bekanntlich ein Händchen für ungewöhnliche Erzählstoffe. Dieser hier lässt einen erfrischt und verwundert zurück.

Christine Wunnicke: Nagasaki, ca. 1642 (Berenberg 2020, 112 Seiten, broschiertes Buch 14 Euro, E-Book 10,99 Euro)

Isabell Schirra

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Quelle: SZ

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Christopher Kloeble:Das Museum der Welt

Bartholomäus ist "mindestens zwölf Jahre alt" und ein hochbegabter Übersetzer. Daher eignet sich der indische Waisenjunge, erzogen von einem opiumsüchtigen Jesuitenpater, ideal als Dolmetscher für die bayerischen Brüder Schlagintweit. Die East India Company, die große Teile des indischen Subkontinents beherrscht und ausbeutet, hat die drei Forscher Hermann, Adolph und Robert auf Empfehlung Alexander von Humboldts 1854 den Auftrag erteilt, entlegene Regionen Indiens zu kartieren und zu dokumentieren. Nur zwei der Brüder kehren drei Jahre später nach Berlin zurück, Tausende Karten, getrocknete Pflanzen, Mineralien, Aquarelle und Gipsabdrücke von Gesichtern im Gepäck.

Von ihrer dreijährigen Expedition in den Zeiten des Kolonialismus berichtet Christopher Kloeble in seinem Roman "Das Museum der Welt". Er erzählt die abenteuerliche Geschichte bewusst aus der Perspektive des Jungen, da die aufwendige Expedition, so Kloeble in Interviews, schon des Öfteren aus der Sicht des Westens erzählt wurde. Bartholomäus füllt auch ein Notizbuch mit eigenen Beobachtungen. Sein Ziel: Indiens erstes Museum der Objekte zu gründen.

Kloeble hat sich intensiv in das Thema eingearbeitet, hat die Schriften der Schlagintweits gelesen, kennt das Land auch aus eigener Erfahrung, da er alljährlich mehrere Monate in Delhi lebt. Sein Fachwissen tut dem Roman gut, man erfährt viel über die Expedition, die auch vor gesperrten Grenzen nicht haltmacht. Was manchmal nervt, ist das altkluge Geschwätz des zwölfjährigen Icherzählers. Aber insgesamt ein spannendes Buch.

Christopher Kloeble: Das Museum der Welt (dtv 2020, 528 Seiten, Hardcover und Hörbuch 24 Euro, E-Book 19,99 Euro)

Sabine Reithmaier

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Quelle: SZ

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Jörg Steinleitner:Die Barfußbande und die geklaute Oma

Sommerferien. Es ist heiß und auch ein bisschen langweilig in dem kleinen Dorf, in dem der neunjährige Corvin wohnt. Weil "Langeweile der totale Killer" ist, jedenfalls für Corvin, beschließt er, eine Bande für komplizierte Kriminalfälle zu gründen. Und da den anderen Kindern auch gerade recht fad ist, gründet sich die "Barfußbande" fast wie von selbst. Außer Corvin sind noch Ben und die zwei Mädchen Kiki und Tanne mit von der Partie. Die paritätische Besetzung ist Kiki wichtig, sie "ist nämlich für Gleichberechtigung, seit sie in ihrer Klasse mal darüber diskutiert haben". Später kommt auch noch Quentin dazu, ein Gummistiefelträger, dem anfangs das Barfußgehen nicht leichtfällt.

Weil Tannes Oma plötzlich verschwunden ist, hat die Bande auch schnell ihren ersten Fall, der sie ziemlich in Anspruch nimmt. Traktoren werden geklaut, Schatztruhen geknackt und dann gibt es auch noch Ärger mit den Rockern vom Höllenjäger-Club. Bloß gut, dass der Nebenerwerbslandwirt und LKA-Chef Karl Zimmerschied ihnen unterstützend beispringt. Erprobte Jörg Steinleitner-Leser kennen den unkonventionellen Ermittler bereits als Hauptfigur aus der jüngsten von drei Krimireihen, die der Autor in den 20 Jahren seines Schreibens entwickelt hat.

Kann sein, dass Wolkendorf am Michlsee, das Steinleitner mit sehr viel Liebe beschreibt, ziemlich viel Ähnlichkeit mit dem Riegsee in der Nähe von Murnau hat, dem Ort, in dem der Schriftsteller seit 2011 mit seiner Familie in einem alten Bauerhof lebt. In einem Interview machte er keinen Hehl daraus, dass Dorfleben und "Gartenzaungespräche" (Steinleitner) auch auf sein Schreiben abfärben, am deutlichsten wohl in seinen Kinderbüchern. Die ersten zwei, die Abenteuer der neunjährigen Juni Rosenglück, hat er mit seiner ältesten Tochter Jona, Jahrgang 2003, geschrieben. Aber weil Jona inzwischen andere Interessen hat, musste er das dritte, die "Barfußbande", wieder allein zu Papier bringen. Das dürfte ihm, dem versierten Vielschreiber, nicht schwergefallen sein. Auf jeden Fall macht es viel Spaß, die Kinder bei ihren Abenteuern zu begleiten, egal ob sie gruselige Gespensterhäuser entdecken oder in Wasserfällen baden.

Daniela Kohl, bekannt durch ihre Illustrationen der inzwischen 20-bändigen Mädchenbuchreihe "Mein Lottaleben", hat das wohl ebenfalls genossen. Ihre Bilder geben den Kindern, aber auch Kühen, Hunden und Katzen, ein deutliches Profil und tragen viel zum Lesevergnügen bei.

Bei den Lesungen für Kinder ist Steinleitner multimedial unterwegs. Regisseur Matthias Edlinger, mit dem er einst den auch vor Morden nicht zurückschreckenden Kunstfälscher Felix Ambach erfand, liefert ihm Filmszenen. Schließlich müsse alle drei Minuten was Neues passieren, sagt Steinleitner. "Sonst kippen mir die Kinder weg."

Jörg Steinleitner: Die Barfußbande und die geklaute Oma (illustriert von Daniela Kohl, für das Alter sechs bis acht Jahre, Arena Verlag 2020, 162 Seiten, Buch 13 Euro, Hörbuch 11 Euro)

Sabine Reithmaier

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Quelle: SZ

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Jaromir Konecny:Du wächst für den Galgen

Das Buch wirkt wie eine Medizin, ideal in Zeiten, die der Aufhellung bedürfen. Denn man liest darin immer mit einem Lächeln. Jaromir Konecny erinnert sich in seinem "Roman in Geschichten" an die Kindheitsjahre im real existierenden Sozialismus. Der Titel "Du wächst für den Galgen" zitiert jenen Satz seiner Mutter, mit dem diese die Streiche des Sohns kommentierte. Stärker als die Sprüche hat ihn aber ihre Haltung geprägt, jeder traurigen Geschichte eine lustige Seite abzugewinnen. "Du musst sie nur finden", riet sie dem Sohn, der das seit Jahren famos umsetzt.

Konecny, 1956 in Prag geboren, lebt seit 1982 in Deutschland, ist Doktor der Naturwissenschaften, zweifacher Vizemeister der deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften und ein Schriftsteller mit einem ganz speziellen, lakonisch-trockenen Humor, der gekonnt überraschende Pointen setzt. Seine Improvisationskunst hat er in jungen Jahren trainiert, geschult von den Eltern, die mit dieser Eigenschaft der sozialistischen Mangelwirtschaft begegneten. Und das Jonglieren, das er heute in Workshops unterrichtet, hat er sich mit drei Orangen während eines Klinikaufenthalts beigebracht. Dass er dabei die extrem teuren Früchte zerstörte, machte die Mutter fassungslos. "Ich dachte, ich bin die Verrückteste in der Familie", reagierte sie. "Du toppst aber alle."

Jaromir Konecny: Du wächst für den Galgen (Edition Lichtung, 2019, 128 Seiten, 13,90 Euro)

Sabine Reithmaier

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Quelle: SZ

9 / 9

Pierre Jarawan:Ein Lied für die Vermissten

Literatur kann zur Erinnerung zwingen, davon ist der Münchner Autor Pierre Jarawan überzeugt und zeigt es in seinem zweiten Roman "Ein Lied für die Vermissten". Das Buch handelt von den Menschen, die im libanesischen Bürgerkrieg verschwanden, und von deren Familien, die nach wie vor keine Gewissheit haben, ob ihre Angehörigen noch leben oder bereits tot sind. Es ist ein großes, politisches Thema. Und es klingt ziemlich gewaltig. Doch Jarawan hat sich die Leichtigkeit des Erzählens bewahrt, die er bereits in seinem mehrfach übersetzten Debüt an den Tag legte.

Der 34-jährige Autor, Sohn einer Deutschen und eines Libanesen, stellt einen jungen Ich-Erzähler ins Zentrum. Amin hat die Zeit des Bürgerkriegs in Deutschland verbracht. Er ist Waise, seine Großmutter zieht ihn auf. Als Amin im Teenager-Alter ist, kehren die beiden Mitte der Neunzigerjahre nach Beirut zurück. Hier lernt der Ich-Erzähler ein zerrissenes Land kennen, zugleich erfährt er nach und nach, dass seine Eltern zu den mehr als 17 000 Menschen gehören, die seit dem Bürgerkrieg vermisst sind.

Jarawan setzt auf die Zugänglichkeit seines Romans, weshalb "Ein Lied für die Vermissten" zwar ein politisches Thema zum Kern hat, aber als Coming-Of-Age-, Freundschafts- und auch Liebesgeschichte aufgeschrieben ist. Am Ende klingt dennoch die Ungewissheit lange nach. Wie ist es, wenn das Kind, die Mutter, der Vater, spurlos verschwinden? Wie erträgt man es, bei jedem Telefonklingeln zu hoffen: Das ist jetzt der Verlorene?

Pierre Jarawan: Ein Lied für die Vermissten (Piper 2020, 464 Seiten, Hardcover 22 Euro, E-Book 19,99 Euro)

Yvonne Poppek

© SZ vom 20.03.2020/vewo
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