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Gesellschaft:Kinder denken nicht in Nationalitäten

Jungautoren Paula Lucia Rail und Mohammed Hosseini: "Wir hätten es nicht ohne den anderen geschafft."

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Paula Lucia Rail und Mohammed Hosseini haben einen Roman über die Freundschaft zwischen zwei Jungen geschrieben. Kennengelernt haben sie sich bei einem Persisch-Kurs der LMU - heute sind sie ein Paar.

Von Alina Venzl

Wie ich sein möchte? Ein großer Mann, ein starker Mann. Ein Mensch, der viel weiß und der die Welt versteht. Ich möchte so viel wissen, dass ich anderen Menschen erklären kann, wie Dinge entstehen und funktionieren. Ich möchte auf alles eine Antwort haben - so beschreibt die Hauptfigur Delta aus dem Roman "Amanil" sein ideales Ich. Die Realität sieht anders aus. Er ist ein kleiner Junge, der weder viel weiß, noch anderen Menschen etwas erklären kann. Das Einzige, was er weiß: Er hat einen guten Freund. Amanil. Sein einziger Freund. Der gleichnamige Roman wurde diesen Sommer von Paula Lucia Rail, 25, und Mohammed Hosseini, 26, veröffentlicht.

Mohammed kam als Zwölfjähriger aus Afghanistan nach Deutschland. Er weiß, wie es ist, ein Zuhause zu verlassen. Menschen, die man ins Herz geschlossen hat. Aber es handelt sich bei dem Roman um kein autobiografisches Werk. Das ist Mohammed wichtig. Es ist ein Buch über Freundschaft, Heimat, interkulturelle Beziehungen und politische Systeme - all das haben Paula und Mohammed in "Amanil" verarbeitet. Warum zwei junge Erwachsene über eine Freundschaft zwischen zwei Jungen schreiben? Alle sollen wissen, wie es sich anfühlt, wenn man seinen besten Freund im Kindesalter verliert.

Kennengelernt haben sich Mohammed und Paula bei einem Sprachtandem in einem Persisch-Kurs der Ludwig-Maximilians-Universität München. Nach einer Sitzung gingen sie gemeinsam im Englischen Garten spazieren - das war ihr erstes Date. Heute sind sie ein Paar. Um das zu wissen, muss man nur ihre intensive Blicke, ihr Lächeln sehen. Paula - blondes Haar, helle Augen - und Mohammed - schwarze Haare, dunkle Augen, Bart - sitzen im Schrebergarten von Paulas Familie. Sie wirken sehr vertraut. Und stolz, dass sie gemeinsam dieses Buch geschrieben haben.

Paula erinnert sich noch gut an den Moment, als sie das erste Mal über das Buch gesprochen haben: "Mohammed sagte mir, dass er seit seiner Ankunft in Deutschland Lust hätte, ein Buch zu schreiben." Auch Paula konnte sich schon immer vorstellen, mal ein Buch zu veröffentlichen. Beide hatten bereits als Kinder angefangen zu schreiben: Paula mehr Kurzgeschichten, Mohammed eher Gedichte. Der einzige Unterschied: Mohammed schrieb auf Persisch.

Nach mehreren Spaziergängen und Treffen in der Asylbewerberunterkunft in Olching, in der Mohammed drei Jahre lang lebte, beschlossen sie, zusammen ein Buch zu schreiben. "Wenn du in Deutschland lebst, musst du auf Deutsch schreiben. Damit die Deutschen lesen können, was du zu erzählen hast", sagt Mohammed selbstbewusst und in gutem Deutsch. Nur ein leichter Akzent ist in seiner Stimme zu hören.

Im Frühling 2017 entstanden die ersten Seiten. Mohammed zog damals bei Paula und ihren Eltern ein. Eines Abends setzten sie sich mit dem Laptop auf Paulas Bett und Mohammed fing an, frei und ungezwungen zu erzählen. Paula machte sich Notizen, die sie dann im Anschluss ausformulierte. Auf diese Art ging es weiter: Mohammed erzählte, Paula hörte zu und schrieb mit - in den Wörtern, die Mohammed benutzte. "Am Ende ist es doch auch die Geschichte von uns beiden geworden. Jeder hat seine eigenen Ideen in die Geschichte mit eingebracht", sagt Paula.

"Der Buchtitel und Name der Hauptfigur Amanil kamen zum Beispiel von Mohammed", erzählt sie. "Amanil hat eine sehr schöne Bedeutung", sagt Mohammed. "Amanil besteht aus zwei Teilen: altgriechisch und hebräisch. Es heißt unser Freund." Auch bei den anderen Namen im Buch, Sosa und Nana, haben sie sich etwas gedacht: Sie wollten damit erreichen, dass der Leser frei darüber entscheiden kann, wo die Geschichte spielt. Das wäre mit Namen wie Alexander und Lea nicht möglich gewesen.

Paula sagt: "Ich glaube, wir hätten es nicht ohne den anderen geschafft. Ich nicht, weil ich nicht die Ideen gehabt hätte und Mo vielleicht nicht, weil er die Umsetzung nicht so gut hinbekommen hätte. Da haben wir uns ziemlich gut ergänzt."

Dieser Tage, fünf Jahre nach dem Flüchtlingsherbst, reden viele Menschen über Integration und darüber, was damals geleistet wurde, um die Geflüchteten aufzunehmen. Mohammed redet hingegen darüber, wie es für viele minderjährige Flüchtende ist, in Deutschland anzukommen. Egal, wie alt sie sind: Oft werden sie ein Leben lang als Flüchtling behandelt. "Keiner denkt darüber nach, dass ein Kind keine Heimat hat. Die Kinder denken selbst nicht darüber nach. Für Kinder ist Heimat dort, wo sie jetzt sind", sagt Mohammed. Heimat könne Deutschland, Afghanistan oder Iran sein. Aber wenn man einem Kind jeden Tag sagt, es sei aus Afghanistan, es sei Iraner, es sei anders, dann lerne ein Kind, dass dieser Ort, an dem es jetzt ist oder manchmal schon immer war, nicht seine Heimat ist.

Mohammed erklärt die Problematik weiter: "Zum Beispiel denken zwei Kinder wahrscheinlich immer gleich. Kein Kind denkt, dass es in Nationalitäten denken muss. Oder wie man in einem bestimmten Land darüber denken muss." Die Erwachsenen hingegen würden so denken und dementsprechend mit Kindern reden. Und genau deswegen thematisiert Mohammed dieses Problem im Buch: Zwei Kinder, die nicht aus dem selben Land sind, aber zur gleichen Zeit am selben Ort leben, werden beste Freunde. Aber dann muss einer weg, weil er nicht aus dem Land kommt, in dem sie leben - obwohl er keine andere Heimat hat, nur seine Eltern haben eine. "Normalerweise denkt man weniger darüber nach, wie Kinder kulturelle Unterschiede empfinden", sagt Paula. Sie wirkt ziemlich stolz, wenn Mohammed von sich aus auf Deutsch viel erzählt, denn sie hatte vor dem Treffen gesagt, dass Mohammed eher schüchtern sei, vor allem wenn er Deutsch sprechen müsse.

Kulturelle Unterschiede gibt es auch zwischen den beiden. Mohammed zum Beispiel mag es nicht, wenn Paula sich allein mit anderen Männern trifft oder in knappen Klamotten rumläuft. Paula weiß das, macht es aber trotzdem.

Während der gemeinsamen Arbeit am Buch machte es keinen Unterschied, dass sie aus unterschiedlichen Kulturen stammen. Auch ihre frühe Kindheit unterscheidet sich eigentlich nur örtlich, beide stammen aus bürgerlichen Familien. Ihr späterer Lebensweg birgt Unterschiede. Und dieser Abschnitt ihres Lebens bringt sie letztlich auch zusammen. Heute spricht Paula sehr gut persisch, Mohammeds Muttersprache. Und er fließend deutsch. Ihre Geschichte zeigt, dass es nur einen Moment der Begegnung, ein Sprach-Tandem braucht, um gemeinsam etwas Großes, eine Geschichte, entstehen zu lassen.

© SZ vom 07.09.2020
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